Home

Alkoholkonsum und seine Auswirkungen auf die Sexualität

Medium

Der Einfluss von Alkohol auf die Sexualität ist je nach Dosierung sehr unterschiedlich. Einerseits wirkt sich Alkohol bei niedriger Dosierung gut auf die Sexualität aus und hat daher für viele Menschen eine hohe Attraktivität. Andererseits kann das Positive sehr schnell ins Negative umschlagen. Aus dem Enthemmer Alkohol wird mit einem Schlag der Verhinderer Alkohol.

Niedrige Alkoholdosierung

Die Alkoholverträglichkeit ist individuell sehr unterschiedlich und auch von der Tagesverfassung abhängig. Mit „niedriger Alkoholdosierung“ ist aber etwa ein kleines Bier, ein Glas Wein oder Sekt am Tag (und auch das nicht täglich) gemeint.

In niedriger Dosierung wirkt Alkohol

  • enthemmend
  • angstlösend (anxiolytisch)
  • schmerzlindernd (analgesierend)
  • die Sensibilität dämpfend und
  • euphorisierend.

Diese Wirkungen sind allgemein bekannt. Bei Festen ist das gut zu beobachten: Am Anfang ist die Stimmung lustig und enthemmt, der Flirtfaktor ist hoch, denn viele trauen sich mit ein wenig Alkohol, offensiver zu werden.

Höhere Alkoholdosierung

Wird weitergetrunken, ändert sich die Wirkung des Alkohols.

  • Es kommt zu einer Zunahme der analgesierenden, also schmerzdämpfenden, aber auch insgesamt dämpfenden Wirkung. Man spürt einfach weniger.
  • Die enthemmende Wirkung nimmt zu,
  • die angstlösende Wirkung bleibt bestehen.
  • Entscheidend ist jedoch, dass sich mit der Zunahme des Alkoholkonsums die Stimmung von euphorisierend in depressiv verändert.

Auch das kann man gut bei Festen beobachten: Gegen Mitternacht beginnen die ernsten Gespräche, die politische Lage wird ebenso diskutiert wie die Globalisierung und diverse Missstände. Man glaubt, durch den Alkohol sehr intellektuell geworden zu sein, in Wahrheit ist man aber alkoholbedingt einfach in eine depressive Phase eingetreten.

Wird Alkohol täglich (chronisch) konsumiert, verstärken sich diese Wirkungsweisen. Etwa ein Viertel (!) der männlichen österreichischen Bevölkerung nimmt mehr als 420 g reinen Alkohol pro Woche zu sich, das ist umgerechnet etwa eine Flasche Wein pro Tag, sieben Mal die Woche. In diesem Bereich wird man generell depressiv, auch dann, wenn man gerade weniger stark getrunken hat.

Auswirkungen auf die Sexualität

Die oben beschriebenen Effekte treten auch im Bereich der Sexualität auf. Für viele Menschen ist Sexualität angstbesetzt, bei Männern stehen Versagensängste, bei Frauen Penetrationsängste im Vordergrund. Bei beiden Geschlechtern ist auch die Angst vor einem nicht erfüllbaren Idealbild präsent. In der alkoholbedingten Enthemmung lassen sich eigene Grenzen und Hemmungen leichter überschreiten.

Empfindungsdämpfung

So gesehen könnte man sagen, dass Alkohol der Sexualität durchaus förderlich ist. Ist die dämpfende Wirkung noch gering, die euphorisierende, angst- und enthemmende Wirkung jedoch bereits stark, wird Sexualität oft als positiv erlebt. Das Problem ist jedoch, dass Alkohol schon in niedrigen Dosierungen beginnt, dämpfend zu wirken – für das Lustempfinden keine ideale Voraussetzung. Mit Erhöhung der Dosis nimmt diese dämpfende Wirkung weiter zu und die sexuelle Empfindlichkeit damit ab.

  • Bei der Frau kommt es zu weniger Empfinden, zu Erregungsstörungen und auch zu daraus resultierenden körperlichen Folgeerscheinungen, wie trockener Scheide.
  • Beim Mann kommt es zu Erektionsschwierigkeiten, aber auch zu Verzögerungen in der Ejakulation bzw. zu Orgasmusschwierigkeiten.

Eine verzögerte Ejakulation kann bei Männern zwar gewollt sein (vor allem, aber nicht nur, bei Ejakulatio precox ). Allerdings lässt sich die Wirkung von Alkohol nicht gezielt dosieren. Es gibt keine genauen Dosis-Angaben. (Etwa: bei einem Glas ist es optimal, bei zwei Gläsern wird es schwieriger und bei drei Gläsern problematisch.) Einerseits hängt es stark von der Tagesverfassung ab. Andererseits kann es auch schnell passieren, dass bereits zu viel konsumiert wurde. Und dass damit genau jene Situationen, vor denen man Angst hatte, eintreten.

Teufelskreislauf

Damit beginnt ein Teufelskreislauf: Man hat Angst vor Potenz- oder Erregungsstörungen, trinkt gegen diese Angst, erwischt zu viel und sieht sich damit in einer größeren Häufigkeit genau mit diesen Situationen konfrontiert. Dabei kann es zu chronischen Potenz-, Ejakulations- oder Erregungsstörungen kommen.

Alkohol als Enthemmer wird sowohl am Anfang, als auch in langjährigen Beziehungen bewusst eingesetzt. Die Motivationen sind jedoch verschieden: am Anfang möchte man enthemmt sein, um dem anderen nahe zu kommen, in langjährigen Beziehungen will man hingegen oft enthemmt sein, damit der Sexualakt vorüber geht. Dies betrifft in erster Linie Frauen und ist fatal.

Wege heraus

  • Bei Erlebnissen, die eine so hohe Sensibilität benötigen wie Sex, sollte nicht Alkohol zum Hemmungsabbau verwendet werden. Besser wäre es, sich mit seinen Problemen auseinanderzusetzen und sie, etwa auch in einem Beratungsgespräch oder einer Therapie, dort abzubauen, wo man sie abbauen möchte – und sie dort zu behalten, wo man sie behalten möchte. Denn nicht jede Hemmung ist etwas Schlechtes, sondern kann auch eine wichtige Schutzfunktion haben.
  • Obwohl wir denken, sehr aufgeklärt zu sein, leben wir dennoch in einer höchst unaufgeklärten Zeit, in der Fragen oft nicht erlaubt sind und in der eine extreme Anzahl an Fehlinformationen und „Sexualmythen“ kursieren.
  • Bei einer Sexualstörung ist wesentlich, die Störung nicht als Versagen zu sehen. Denn im Erlebnisbereich der Sexualität geht es nie um Leistung, sondern um sich öffnen, sich hingeben, zulassen, sich sensibilisieren, spielerisch etwas ausprobieren. Sexualität ist zu vergleichen mit einer schönen Landschaft, einem Bild oder einem Musikerlebnis. Niemand käme auf die Idee, dabei etwas erreichen zu wollen. Wie diese Erlebnisse wirken, kann nicht auf Knopfdruck gesteuert werden. Manchmal ist das Hören von schöner Musik nur angenehm – und manchmal bringt es einen in einen ekstatischen Zustand. So wie Sexualität.

Über den Autor

Prof. Michael Musalek ist Vorstand des Wiener Anton Proksch Instituts, Europas größter Suchtklinik und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie.

Autor

Prim. Univ. Prof. Dr. Michael Musalek, Mag. Christiane Moser (Juli 2016)