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Als die Pille nach Österreich kam

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Wie der Gynäkologe Prim. Prof. Dr. Werner Grünberger die Anfangsjahre der Pille in Österreich erlebte.

Mitte der 1960er Jahre, als die Pille in Österreich ernsthaft zur Diskussion stand, war ich 18 Jahre alt. Ich erfuhr diese Zeit einerseits aus der Perspektive des heranwachsenden Mannes, anderseits aber durch meinen Vater, der ebenfalls Gynäkologe, Primararzt und Professor war, auch aus der Sicht des Arztes.

Beginn der Emanzipation

Die Erfindung der Pille hat die konservative Welt der 1960er Jahre in ihren Grundfesten erschüttert. Jahrhundertelang wurde Schwangerschaftsverhütung hauptsächlich durch Coitus Interruptus betrieben. Nun gab es aber plötzlich ein hochwirksames Mittel, um eine unerwünschte Schwangerschaft zu verhindern. Manche vergleichen die Erfindung der Pille in ihrer Tragweite mit der Erfindung des Fernsehers oder des Telefons, und ich kann das unterstreichen. Denn die grundlegende Veränderung der Welt, die durch die Emanzipation der Frau ausgelöst wurde, hatte ihren Beginn in der Pille. Frauen mussten nun nicht mehr heiraten, weil sie schwanger wurden, sie konnten das selbst steuern. Dies war die enorme Veränderung: Partnerschaften und Sexualität wurden vom Problem, schwanger zu werden, entkoppelt.

Nur an verheiratete Frauen

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Die Mehrheit der Frauenärzte (der Beruf war damals noch eine männliche Domäne) verschrieb die Pille in der Anfangszeit nur verheirateten Frauen – und auch dann nur nach ausführlicher Aufklärung darüber, wie gefährlich sie sein könnte. Die Pille damals war ja um ein Vielfaches stärker als heute und dementsprechend waren auch die Nebenwirkungen. Die Frauen hatten häufig Kopfschmerzen, litten unter Gewichtszunahme, Libidoverlust und Thrombosen.

Die Angst vor möglichen Nebenwirkungen und Gefahren wurde von der öffentlichen Meinung noch zusätzlich aufgebauscht, es wurden viele Horrorgeschichten propagiert. Was man aber wirklich nicht kannte, das waren die Langzeitfolgen. Man konnte schließlich nicht sagen, wie es in zehn, 20 oder 50 Jahren aussehen würde. Würden die Frauen, die die Pille nahmen, langfristig Brustkrebs bekommen oder unfruchtbar werden? Auch mein Vater war sich bezüglich dieser Langzeitfolgen anfangs alles andere als sicher.

Wie auch junge Mädchen dazu kamen

Aber er war ein sehr aufgeschlossener Arzt – und einer jener, über Mundpropaganda weitergegeben Ärzte, die die Pille auch jungen, unverheirateten Mädchen verschrieb. Das ging aber natürlich nur über den indirekten Weg. Wenn zu ihm ein Mädchen mit dem Wunsch nach der Pille in die Praxis kam, musste er sagen: „Die Pille kann ich dir nicht verschreiben.“ (Damals war man automatisch per du mit den Jugendlichen.) „Du bist erst 17 Jahre alt und deine Mutter würde mich anzeigen!“

Von der Elternseite gab es schließlich große Widerstände gegen die Pille, es hieß, sie propagiere Sexualität und Promiskuität der Töchter. Um diese Diskussionen zu beenden, haben Gynäkologen die Pille nicht als Verhütungsmittel verschrieben, sondern gegen schmerzhafte Regelblutungen, unregelmäßigen Zyklus und gegen Akne. – Das ist übrigens auch heute noch die Vorgangsweise, wenn man als Gynäkologe, als Gynäkologin weiß, dass die Eltern sonst ausflippen würden.

Pillen-Musterpackungen vom Vater

Ich selbst habe von meinem Vater Pillen-Muster bekommen. Dadurch war es für mich auch immer einfach, eine Freundin zu finden, denn ich hatte die Pille – und die wollten alle! Oft nicht einmal als Verhütungsmittel, sondern um sich ihre Nebenwirkungen zunutze zu machen: verstärktes Brustwachstum und regelmäßigen, schmerzarmen Zyklus. Wenn ich als Gynäkologensohn mit gewissen Grundkenntnissen Ende der 1960er Jahre ins Krapfenwaldbad schwimmen ging, konnte ich am Aussehen der Brüste erkennen, welches Mädchen die Pille nahm, etwa wenn die Adern unter der Haut durchschienen.

Pille als Statussymbol

1965 begann ich mein Medizinstudium und nahm an etlichen Studien teil. So führten wir zum Beispiel in der Billrothschule im 19. Wiener Gemeindebezirk, damals noch eine reine Mädchenschule, eine Befragung durch. Dabei kam heraus, dass ein Viertel der Mädchen, die die Pille nahmen, noch Jungfrauen waren. Es war einfach unglaublich „in“, die Pille zu nehmen.

Von einigen Seiten habe ich gehört und bestätigt bekommen, dass es kaum etwas gab, das den gesellschaftlichen Status eines Mädchens so sehr hob, als wenn in der Schulpause „versehentlich“ die Pillenpackung aus der Schultasche rutschte. Die anderen Mädchen erblassten dann vor Neid: erstens weil sie dachten, die hätte bereits Geschlechtverkehr, zweitens einfach nur, weil sie dieses Statussymbol überhaupt hatte.

Schlechte Aufklärung

Interessant ist auch, dass damals weitaus weniger Kondome verwendet wurden als heute. Es war eine Machogesellschaft, die Kondome waren dicker und Verhütung war Frauensache. Aber auch die Aufklärung war einfach noch sehr schlecht. So war in den 1960er Jahren die gängige Verhütungsmethode der Coitus Interruptus – mit einem Pearl Index von etwa zwölf!

Das heißt, wenn 100 geschlechtsreife Frauen ein Jahr lang Sex mit Coitus Interruptus haben, so werden zwölf von ihnen schwanger. (P.I. von modernen Pillen: 0,4 bis 0,9)

Die aufgeschlossenen Gynäkologen wussten, dass das oder auch die Verhütung nach Knaus Ogino einfach nicht sicher waren. Von der Gegenseite wurde hingegen auch immer wieder betont, dass man auch mit der Pille schwanger werden könne. Das stimmt zu einem kleinen Teil, denn einen hundertprozentigen Schutz gibt auch die Pille nicht, wesentlich ausschlaggebender dafür war aber, dass aufgrund der schlechten Aufklärung Mädchen und Frauen die Pille immer wieder zu nehmen vergaßen und damit den Schutz aufhoben.

Ich selbst habe damals auch keine Kondome verwendet. Wenn man mit einem Mädchen Sex hatte, begleitete einen bis zu ihrer nächsten Regel die panische Angst vor einer Schwangerschaft. Diese Panik war der ständige Begleiter im Sexualverhalten. Mit der Pille änderte sich das!

Autor

Prim. Prof. Dr. Werner Grünberger (Juli 2010)