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Körperhygiene und Sexualität

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Hygiene und Sexualität sind nur allzuoft ein konfliktträchtiges Gespann. Was viele aber erst auf den zweiten Blick bemerken: Nicht nur zu wenig Körperhygiene kann die Sexualität stören, sondern auch zu viel. Das Problem bei einem Zuviel an Waschen, Rasieren und sich Putzen ist immer mehr auf dem Vormarsch. Was darunter leidet? Die Spontanität und die Nähe als Paar.

Zu viel Hygiene

Da liegen zwei am Abend kuschelnd auf der Couch und es beginnt zu knistern, die Umarmungen werden inniger. Plötzlich springt sie hektisch auf: Zuerst wird geduscht! Bis die beiden wieder auf der Couch gelandet sind, ist die Stimmung womöglich dahin.

Wenn Sex und körperliche Nähe nur dann möglich sind, wenn jeglicher Eigengeruch weggewaschen und jedes Härchen am Körper entfernt ist, zerstört es unausweichlich die Spontanität – die eine wesentliche Antriebsfeder der Sexualität ist. Da kann es auch passieren, dass der eine inzwischen eingeschlafen ist, wenn der andere perfekt gepflegt endlich wieder aus dem Badezimmer auftaucht.

Viele, die in meine Praxis kommen, erzählen mir, dass es ihnen doch auch darum gehe, den Partner, die Partnerin mit allen Sinnen in Ihrer Ganzheit wahrzunehmen. Denn der eigene Körpergeruch ist bis zu einem gewissen Grad ja etwas höchst Faszinierendes, das schließlich auch die Partnerwahl beeinflusst hat. (Man muss jemanden gut riechen können.) Schließlich will man kein Parfum küssen, sondern einen Menschen.

Ebenso zerstörend wie das übertriebene Hygieneverhalten vor dem Sex, ist der „Waschzwang“ nach dem Sex. Gerade hat man mitsammen geschlafen, war sich so nahe wie es nur möglich ist – und plötzlich springt einer auf und wäscht sich sofort akribisch genau alle Spuren ab.

Ein Zuviel an Körperhygiene ist außerdem schlecht für Haut und Genitalien, deren natürlicher Säurewert damit zerstört wird (siehe dazu auch Artikel: gesunde Scheide).

Zu wenig Hygiene

Ebenso negativ auf das Sexualleben wirkt sich natürlich auch zu wenig Körperhygiene aus. Fehlende Körperhygiene beschränkt sich dabei nicht nur aufs Waschen, sondern auf das gesamte verwahrloste Aussehen, Mundgeruch, schlechte Zähne, gar zu schlampige Kleidung. Hier wirkt die gesamte Ausstrahlung, denn man sieht es einem Menschen an vielen Dingen an, ob er oder sie sich gehen lässt und ihm oder ihr die Wirkung auf den Partner, die Partnerin egal ist. Starker Körpergeruch und fettige Haare (manche Menschen waschen sie wochenlang nicht)- diese Dinge sind einfach sehr abtörnend.

Vor allem beim Oralsex ist Körperhygiene ein absolutes Muss. Ein Mann, der seine Genitale nicht pflegt, darf sich nicht wundern, wenn seine Frau mit ihm keinen Oralsex will. Das Selbe gilt natürlich auch umgekehrt. Denn gerade in den Genitalien sammeln sich viele Keime, die zu riechen beginnen, mal mehr, mal weniger, auch davon abhängig, ob sie krankhaft (pathologisch) sind.

Vielen Männern ist außerdem nicht bewusst, dass sie sehr raue Hände haben und ihrer Partnerin damit Schmerzen bereiten, wenn sie ihr mit den rissigen Fingern direkt auf die zarte Haut zwischen die Genitallippen greifen.

Wie sag ich’s?

  • Egal ob zu viel oder zu wenig Hygiene: Wichtig ist, darüber zu reden! Ohne verletzend zu werden und ohne einen Vorwurf zu machen. In einer Beziehung sollte es möglich sein, solche Themen ohne Drama anzusprechen und beim Namen zu nennen.
  • Gut ist auch immer, positiv zu formulieren, an eine Situation zu erinnern, wo der andere besonders gut gerochen hat oder der Sex „richtig schön schmutzig“ war – je nachdem, wo das Problem liegt.
  • Bei fehlender Hygiene kann man gemeinsam ins Badezimmer gehen und vielleicht dort auch mal gemeinsam duschen. Körpergeruch ist etwas Natürliches und vor allem in der Genitalregion bildet sich nun einmal nach einigen Stunden ein eigener Geruch. Das ist nichts Schlimmes und das Problem ist einfach und schnell zu beseitigen. Es ist also durchaus legitim, sich das vom Partner, der Partnerin wünschen zu dürfen, wenn er oder sie es mit der Körperpflege nicht so genau nimmt.
  • Dennoch fällt es vielen enorm schwer, den Partner, die Partnerin damit zu konfrontieren. Eine kleine Erleichterung kann zum Beispiel ein Artikel über das Thema Körperhygiene bieten, der als Diskussionsgrundlage und Einstieg helfen kann. („Schau mal, was die über Hygiene schreiben. Findest du das übertrieben oder wie siehst du das?“)

Wie viel Körperhygiene nötig ist, ist sehr, sehr individuell, die Menschen schwitzen unterschiedlich stark, riechen unterschiedlich, sind unterschiedlich. Und was den einen stört, gefällt dem anderen. Wichtig ist als Paar eine Unbeschwertheit zu finden, darüber zu reden. Denn der Preis den man bezahlt, wenn man nichts sagt, der ist hoch. Auch wenn man es eigentlich nicht möchte: automatisch zieht man sich immer mehr aus dem Sexualleben zurück. Denn wenn einem ekelt, sträubt sich das ganze Körpersystem dagegen, sich in die Situation zu begeben, die den Ekel auslöst (siehe auch Artikel: Schmerzen beim Geschlechtsverkehr). Und damit tut man dem Partner, der Partnerin auch keinen Gefallen!

Pflege für die Scheide:

Autor

Dr. Elia Bragagna, Mag. Christiane Moser (Mai 2016)