Bedingungen für weibliche Sexualität

Eine Frage, die mit jeder Frau, die über eine Verminderung ihrer sexuellen Lust klagt, erörtert werden muss, betrifft ihre individuellen Rahmenbedingungen für sexuelles Interesse und sexuellen Genuss. Diese beinhalten sowohl die Suche nach den Quellen der Lust als auch nach den wichtigsten „Lustkillern“. So individuell diese Faktoren im Einzelfall auch sein mögen, so gibt es doch Gemeinsamkeiten, die sich auch in den gängigen Modellen weiblicher Sexualität niedergeschlagen haben.

Klassisches Konzept

Das klassische Konzept stammt von H. S. Kaplan (1979), die die Phase des Sexualverlangens dem von Masters und Johnson (1966) beschriebenen sexuellen Reaktionszyklus voranstellte. Sie ging davon aus, dass der Erregungs- und Orgasmusphase eine Phase der sexuellen Motivation vorausgeht, in der das Begehren vorwiegend in Gestalt von sexuellen Phantasien, antizipatorischen Gedanken oder auch Körperempfindungen aufkommt.

Wunsch nach Nähe

Bedingungen für weibliche Sexualität

Das gegenwärtig sehr populäre Modell von R. Basson (2001) geht demgegenüber davon aus, dass sexuelles Verlangen auch während der sexuellen Interaktion entstehen kann. Danach ist es - zumindest in längerfristigen Beziehungen - weniger spontanes Begehren, das für die Frau als Motivator wirkt, sondern es sind eher Wünsche nach Nähe, Intimität und Partnerkontakt.

Neutraler Beginn

Dementsprechend fühlen sich Frauen zu Beginn einer sexuellen Interaktion dann auch sexuell eher „neutral“, was sich in der Begegnung dann durch das Erleben von Erregung in einen Zustand von Verlangen und Lust verändert. Nach R. Basson ist die Appetenz somit häufig weniger aktiv, spontan oder initiativ, sondern eher „rezeptiv“. Voraussetzung für diese „Lustform“ ist eine gelingende, positive Verarbeitung sexueller Reize zu sexueller Erregung, die dann Ausgangspunkt für gesteigertes sexuelles Begehren ist.

Nach Wahrnehmung der sexuellen Reize ist die weiterführende emotionale Verarbeitung der sexuellen Erregung also entscheidend für den Verlauf des Rückkopplungskreises. Wird die sexuelle Erregung eher mit Freude und Selbstbestätigung verarbeitet, kommt es zu einer Entwicklung des sexuellen Begehrens, wird sie jedoch mit Scham oder Schuld beantwortet, kommt es zum Erliegen des Kreislaufes.

Der Appetit kommt beim Essen

Durch das Erleben der sexuellen Erregung steigen die sexuelle Zufriedenheit und die emotionale Intimität des Paares: Im klassischen Modell ist der Appetit die notwendige Voraussetzung für alles Weitergehende. Hingegen könnte man das alternative Modell mit dem Sprichwort „Der Appetit kommt beim Essen“ umschreiben.

Mischformen

Diese Modelle schließen sich aber nicht gegenseitig aus, sondern haben beide im richtigen Leben ihren Platz: in unterschiedlichem Maße bei verschiedenen Frauen, aber auch bei der einzelnen Frau in Abhängigkeit von Lebensphasen, Rahmenbedingungen, Partnerschaftsfaktoren, vorhandenen Energiereserven etc.

Externe Reize

In einer in diesem Zusammenhang interessanten Studie untersuchten Regan und Berscheid (1996) die geschlechtsspezifischen Überzeugungen bezüglich der Gründe für das Entstehen von sexuellem Verlangen. Die Ergebnisse zeigten, dass mehr Frauen als Männer das erotische Begehren durch externe Reize stimuliert sahen. Beide Geschlechter waren jedoch der Ansicht, dass die Lust der Frauen eher durch interpersonale Faktoren (zum Beispiel das Gefühl zu lieben) und durch räumliche Umgebung (zum Beispiel romantische Atmosphäre) stimuliert wird, wohingegen das männliche Begehren eher durch intrapsychische Faktoren (zum Beispiel das Gefühl von Männlichkeit) und erotische Faktoren (zum Beispiel pornografische Szenen) herbeigeführt wird.

Weiterentwicklung in Partnerschaft

Darauf, dass (spontane) sexuelle Lust sich in längerfristigen Paarbeziehungen nicht zwangsläufig vermindert, hebt der amerikanische Sexualtherapeut David Schnarch in seinem systemischen und sexualtherapeutischen Ansatz ab. Er geht davon aus, dass sexuelles Begehren durch persönliche Weiterentwicklung in der Partnerschaft nicht nur in der Anfangsphase einer Beziehung, sondern in qualitativ veränderter Form auch in späteren Jahren der Beziehung gelebt werden kann.

Auch andere Studien wie die von Tucker und Aron (1993) weisen daraufhin, dass Phasen von größerer Leidenschaft eine Folge der Beziehungsgestaltung darstellen können. Unter sexuellem Begehren versteht D. Schnarch dementsprechend mehr als nur einen biologischen Trieb, sondern eher ein komplexes Phänomen.

Unbeachtet bleibt häufig, dass sexuelles Begehren

  • ein Teil des zwischenmenschlichen Kommunikationssystems darstellt
  • kulturabhängig ist
  • ein Ausdruck der Sehnsucht nach einer Paarbindung ist und
  • die Intensität und Tiefe der inneren Beteiligung an der sexuellen Begegnung umfasst.

Für D. Schnarch ist es die persönliche Entwicklung (Differenzierung) beider Partner, die den Schlüssel für eine intensive und mutige Erotik bildet.