Buchrezension: Flüsterkind

Buchrezension: Flüsterkind

Medium

Sie hat 40 Jahre lang damit gekämpft, Therapien gemacht, sich mit dem Thema auseinander gesetzt - allein, alles half nichts. Jetzt spricht sie - und sie tut es in ungewöhnlicher Form. Mona Michaelsen wurde über Jahre von ihrem Stiefvater misshandelt und sexuell missbraucht. Jetzt hat sie einen Brief geschrieben - nicht an den Täter, sondern an ihre Mutter. Der Täter wisse, so die Autorin, ohnehin was er getan hätte. Viel schlimmer sei für sie, dass die Mutter bewusst weggesehen hätte.

Mona wächst unter bitterarmen Verhältnissen auf. Ihren Vater kennt sie nicht. Jahrelang hält sie ihren Stiefvater für ihren leiblichen Vater. Erst im Zuge eines Adoptionsverfahrens erfährt sie, dass der brutale, jähzornige Mann, den sie für ihren Vater gehalten hatte, eigentlich ihr Stiefvater ist.

Er beginnt sie bereits als kleines Kind zu belästigen und zu missbrauchen. Die Familie hält der Mann unter seiner Knute. Es geschieht, was er sagt. Mona erträgt die sexuelle Gewalt durch ihren Stiefvater einige Zeit, bis sie sich letztlich ihrer Mutter anvertraut. Dann geschieht das, was sie endgültig aus der Bahn wirft: Die Mutter glaubt ihr nicht. Ihr Martyrium geht weiter.

Mona Michaelsen bedient sich einer kraftvollen Sprache. Sie sucht kein Verständnis, sie will abrechnen. Und das tut sie. Und: Man kann es in jedem Wort nachvollziehen. Wie sich das Kind gefühlt hat, wie es war, in diesem „Armenhaus“, wie sie es selbst bezeichnet, zu leben, immer in Angst, immer in Gefahr.

Mona Michaelsen hat es schließlich geschafft, sich zu befreien. Sie hat geheiratet, einen „liebevollen Mann“ wie sie sagt, sie hat Kinder geboren, denen sie eine gute Mutter ist. Vor allem hat sie ihre Söhne gelehrt, dass sie immer und mit jedem Problem zu ihr kommen können.

Das Buch „Flüsterkind“ ist eindringlich, aufrüttelnd, geht ans Gefühl. Die Leserin/der Leser ist abwechselnd fassungslos, wütend und voller Trauer. Was dieses Buch von anderen derartigen Büchern unterscheidet, ist die Kraft und die Wut, die die Autorin in jeder Zeile zum Ausdruck bringt. Es ist aber keine ohnmächtige Wut, nein, hier schreibt eine Frau, die sich sonnenklar ist, über ihre eigenen Gefühle, die weiß, dass das, was sie schreibt, aus ihr heraus muss, damit sie nicht endgültig daran vergiftet wird.

Im Kontext der jetzt täglich in den Medien berichteten, neu aufgedeckten Fälle von sexueller Gewalt an Kindern ist dies ein Buch, das auf jeden Fall gelesen werden sollte. Denn es hebt die Berichterstattung auf eine andere Ebene. Hier wird nicht abstrakt über das Thema Gewalt an Kindern berichtet - hier schreibt eine Frau konkret, was ihr passiert ist, und wie sie immer noch kämpft, um damit fertig zu werden.

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Fazit

Dieses Buch tut beim Lesen weh. Dennoch sollte es von jedem Menschen, der sich schon einem mit sexueller Gewalt an Kindern auseinandergesetzt hat, gelesen werden.

Bewertung

5 von 5 Punkten

Buchinfo

Mona Michaelsen: Flüsterkind. Dein Mann hat mich missbraucht - Ein Brief an meine Mutter
283 Seiten Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf Preis: € 9,90 ISBN-13: 978-3896029515