Cybersex

Cybersex

Medium

Cybersex ist allgegenwärtig: Mehr als ein Drittel des Datenverkehrs im Internet ist pornographischen Ursprungs. Unter Cybersex versteht man das Betrachten pornographischer Bilder und Texte im Internet, Online-Chats oder Videokonferenzen mit sexuellem Inhalt.

Definition

Der Begriff Cybersex, der seit Anfang der 90er Jahre existiert und seit 1995 auch in deutschen Wörterbüchern zu finden ist, bezeichnet die Ausübung virtueller Erotik über den Computer, in der heutigen Zeit also über das alles bietende Internet. Die Spielarten des Cybersex sind vielfältig. Sie reichen von der Betrachtung pornographischer Bilder auf speziellen Webseiten bis hin zum Austausch sexueller Inhalte über einen Online-Chat oder mittels einer Videokonferenz (Webcam). Die aus Science-Fiction Filmen bekannte Cybersex-Darstellung, bei denen die Beteiligten in Anzüge schlüpfen oder Datenhelme aufsetzen, die über Schall taktile Eindrücke vermitteln (Teledildonik), ist technisch noch nicht realisiert.

Entwicklung

Vor den Zeiten des Internets wurde Cybersex mit der Speicherung erotischer Bilder oder Computerspiele (Strippoker) am Computer gleichgesetzt. In der heutigen Zeit ist die virtuelle Realität überschwemmt mit zahlreichen kostenlosen oder auch kostenpflichtigen Webseiten mit pornographischem Inhalt. Mittlerweile gibt es wohl kaum eine spezielle Vorliebe, die visuell nicht durch die Weiten des World Wide Web befriedigt werden kann.

Der gegenseitige anonyme Austausch sexueller Fantasien passiert hingegen in eigens dafür ausgerichteten Chatrooms, die ebenfalls auch für alle erdenklichen Interessensgruppen (Fetischisten, Swinger,…) gesondert zu finden sind. Die Anonymität gewahrt werden kann auch mit der Möglichkeit, sexuelle Handlungen von einem Avatar (graphischer Stellvertreter einer realen Person in der virtuellen Welt) ausführen zu lassen. Diverse Online-Rollenspiele bieten diese Möglichkeit. Die Anonymität verliert sich logischerweise beim Einsatz einer Webcam.

Neben privaten Cybersex-Kontakten über dieses Medium, zum Beispiel Paare in einer Fernbeziehung, existieren auch hier kommerzielle Live-Sexshows, bei denen der Kunde via Chat Anweisungen gibt, wie das spärlich bekleidete bzw. nackte Modell vor der Kamera zu posieren hat.

Die Telediktonik steckt wie schon geschrieben noch in ihren Anfängen, allerdings bieten einige Hersteller Vibratoren (Teledildonics) an, die über den USB-Anschluss des Computers von anderen Nutzern, denen der Zugang dazu erlaubt wurde, gesteuert werden können.

Häufigkeit

Über die genaue Häufigkeit von Cybersex existieren noch wenige Studien. Bedenkt mal allerdings, dass 35 Prozent des Datenverkehrs, das entspricht 1,5 Milliarden monatlichen Downloads, im Internet pornographischen Ursprungs sind, so kann man annehmen, das die meisten Menschen im Laufe ihres Lebens damit zumindest einmal ihre Erfahrungen machen. Studien in den USA haben ergeben, dass die Zugriffe auf Sex-Sites im Internet zum größten Teil (ca. 70%) zwischen 9 und 17 Uhr passieren, also während der Arbeitszeit. Einige Anbieter von Websites mit pornographischem Inhalt bieten deshalb den so genannten Chefmodus oder Officemodus an, bei dem mit einem Tastendruck auf eine neutrale Webseite gewechselt werden kann.

Motivation und Gefahren

Die Gründe, im Internet nach sexueller Stimulation zu suchen, sind vielfältig. Cybersex ist anonym, sicher, leistbar und jederzeit von überall zugänglich. Dazu macht die unendliche Vielfältigkeit des Angebots das Internet für die Konsumenten so spannend. Auch das Ausleben von geheimen Fantasien wird durch die Anonymität erleichtert. So kann der Ausstieg aus dem Alltäglichen durch das Schaffen einer virtuellen Persönlichkeit, die jünger, schlanker, attraktiver oder vielleicht vom anderen Geschlecht ist, ein großer Kick für manche Menschen sein. Es können somit in diesem Medium Erfahrungen gemacht werden, die einem im realen Leben verschlossen bleiben.
Auch die Hemmschwelle, eine spezielle Fantasie auszuleben, ist in dieser virtuellen Welt sicher geringer. Das Angebot ist wie schon erwähnt grenzenlos, lediglich einige wenige Vorlieben sind auch im Internet illegal (Pädophilie).

Kinder und Internet

Gerade diese Neigung ist es jedoch, die Eltern Angst macht und sie sehen für ihre Kinder eine Bedrohung durch das Internet. Denn auch Filterprogramme sind kein Schutz gegen Belästigungen in gängigen Chatrooms, die die Kinder und Jugendlichen aufsuchen. Oftmals werden diese negativen Erfahrungen vor den Eltern verschwiegen, aus Angst, nicht mehr chatten zu dürfen. Der richtige Umgang der Eltern mit dieser Problematik ist ein wichtiger Schritt, um mögliche Gefährdungen ihrer Kinder zu verhindern.

In einer Studie gaben 38% der Jugendlichen an, in Chatrooms beschimpft oder sexuell belästigt worden zu sein. Das Durchschnittsalter für den Erstkontakt mit pornographischem Material liegt bei Jungen in etwa bei 11 und bei Mädchen bei 15 Jahren. Fast die Hälfte der Jungen zwischen 16 und 19 gaben in einer Onlineumfrage an, täglich pornographische Filme anzusehen, bei den weiblichen Jugendlichen waren das nur 3%, allerdings sehen nur 14% der Jungen und 9% der Mädchen Pornographie als ein realistisches Abbild von Sexualität. Die Befürchtung, dass der Konsum von Pornographie Sexualität und Beziehungsvorstellungen negativ beeinflusst, scheint sich nicht zu bestätigen.

Suchtpotential

Ebenso wie die reale Sexsucht und auch die Internetsucht hat jedoch auch die Ausübung von Cybersex ein gewisses Suchpotential. In der Regel sind es Männer, die durch Cybersex ihre auch im realen Leben vorhandene Sexsucht ausleben. Alleine in Österreich geht man von über 40.000 Betroffenen aus, 90% davon seien Männer, so der Wiener Psychiater, Neurologe und Psychotherapeut Dr. Raphael Bonelli.

Sexuelle Gewalt und Frauenbild

Das Frauenbild in der Pornographie ist das einer immer bereiten und unterwürfigen Frau, die allein dazu da ist, die Lust des Mannes zu befriedigen. Aus diesem Grund werden pornographische Darstellungen nicht nur aus feministischer Sicht als äußerst frauenfeindlich wahrgenommen. Doch wird nicht nur eine unrealistische weibliche Sexualität sondern auch eine verzerrte männliche demonstriert. Der Mann bedient die Rolle des allzeit Potenten und somit ein Klischee, welches dem der ständig willigen Frau um nichts nachsteht. Pornographie grundsätzlich aufgrund ihrer Frauenfeindlichkeit abzulehnen ist die Forderung der feministischen Anti-Porno-Position.

Sie sieht Pornographie generell als sexuelle Gewalt gegenüber Frauen an, die auch zu einer wachsenden Gewaltbereichtschaft gegenüber Frauen führt. Kriminalitätsstatistiken unterschiedlicher Länder lassen keinen Anstieg sexualisierter Gewalt im Zuge der wachsenden Verbreitung von Pornographie durch das Internet erkennen.

Der Konsum von Softcore-Pornograpie, also Bilder von nackten Menschen in Zeitschriften wie dem Playboy senkt nach einer Studie sogar die Aggressivität, Hardcore-Pornos, also die Darstellung von Sexualität, und Gewaltpornographie steigern diese, jedoch nur, wenn eine gereizte Ausgangsstimmung gegeben ist. Sehr gewalttätige Formen der Pornographie werden von Menschen, die grundsätzlich zu Aggressionen neigen, häufiger konsumiert und diese Personen werden dadurch in ihrer Gewaltneigung auch negativ beeinflusst.

Quellenangaben

Bonelli, M. (2010). Internetsexsucht - Sex im World Wide Web, Jatros, Neurologie & Psychiatrie, 4, 30-32.

Döring, N. (2011). Der aktuelle Diskussionsstand zur Pornographie-Ethik: Von Anti-Porno- und Anti-Zensur- zu Pro-Porno-Positionen, Zeitschrift für Sexualforschung, 24, 1-30.

Hill, A., Briken, P. & Berner, W. (2007). Internet-Devianz: Pornographie im Internet -
Ersatz oder Anreiz für sexuelle Gewalt?, Stiftung Deutsches Forum für Kriminalprävention, 113-136.

Weber, M. (2009). Die Nutzung von Pornographie unter deutschen Jugendlichen, Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Zeitschrift Forum - Medien, 1, 15-18.

Schindler, F. (2009). Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexuellen Übergriffen und Pornographie im Internet, Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Zeitschrift Forum - Medien, 1, 22-26.

Wissenschaftliche Prüfung

Artikel wissenschaftlich geprüft von Prof. Johannes Bitzer, Sexualmediziner und Gynäkologe, Leiter der Abteilung für Gynäkologische Sozialmedizin und Psychosomatik am Universitätsspital Basel.