Das Arzt-Patientinnen-Gespräch

Immer mehr GynäkologInnen verstehen sich heute als ÄrztInnen für Frauen in einem viel umfassenderen Sinn, als dies in früheren Jahren der Fall war. Die psychosomatische Grundversorgung gehört seit längerem als obligater Bestandteil zur fachärztlichen Weiterbildung, und viele GynäkologInnen verfügen über beachtliche psychotherapeutische Kompetenzen, die freilich oft nur schwer in den Praxisalltag zu integrieren sind.

Umso mehr verwundert es auf den ersten Blick, dass der Bereich „sexuelle Gesundheit und sexuelle Störungen der Frau“ für die allermeisten GynäkologInnen bis heute allenfalls ein Randthema, häufig sogar gar kein Thema ist. Betrachtet man die Situation genauer und nimmt die eigenen Erfahrungen aus vielen Fortbildungsveranstaltungen und Gesprächen mit GynäkologInnen dazu, so werden diese Zurückhaltung bzw. die Vorbehalte, sich mit diesem Bereich intensiver zu befassen, nachvollziehbar.

Das Dilemma

Das Dilemma, in dem sich die Frauenärzte im Hinblick auf die sexuelle Gesundheit der Frau befinden, kommt in einer aktuellen Befragung amerikanischer Gynäkologen sehr deutlich zum Ausdruck (Bachmann, 2006). Auf den vier maßgeblichen nordamerikanischen Jahreskongressen beantworteten die ÄrztInnen einen einfachen Fragebogen zur Einstellung bezüglich der sexuellen Probleme ihrer Patientinnen.

  • Die GynäkologInnen waren sich der hohen Prävalenz weiblicher Sexualstörungen voll bewusst.
  • 60 Prozent der Befragten schätzten, dass zwischen 25 Prozent und 75 Prozent ihrer Patientinnen sexuelle Störungen aufweisen.
  • Sie waren sich einig, dass die verminderte Lust die mit Abstand häufigste Problematik ist.
  • Die meisten GynäkologInnen gaben an, das Ansprechen des Themas „Sexualität“ zu vermeiden.

Als wichtigste Hindernisse wurden genannt:
o Zeitmangel o keine entsprechende Weiterbildung o Peinlichkeit o keine effektiven Behandlungsoptionen

Etwa 60 Prozent bewerteten ihren Kenntnisstand und ihren „Wohlfühlgrad“ (comfort level) beim Thema „weibliche Sexualstörungen“ als mittelgradig bis gering.
Es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass eine derartige Befragung im deutschsprachigen Raum andere Resultate ergeben würde. Auch hier dürfte als Kernergebnis herauskommen, dass die FrauenärztInnen um die sexuellen Sorgen und Nöte ihrer Patientinnen wissen - und sie trotzdem nicht ansprechen.

Sexualstörungen in der gynäkologischen Praxis

Für den Frauenarzt/die Frauenärztin ergeben sich in der täglichen Praxis so vielfältige Berührungspunkte mit den sexuellen Problemen seiner/ihrer Patientinnen, dass man ohne Weiteres sagen kann, dass diese Thematik nicht in die Praxis „geholt“ werden muss - sie ist bereits da und wartet darauf, aufgegriffen und adäquat angesprochen zu werden.

Dies betrifft zum einen den großen Sektor der sexuellen Störungen infolge Krankheit und Behandlung, bei denen die Sexualität durch die Folgen einer (körperlichen oder psychischen) Erkrankung und/oder durch die Auswirkungen respektive Nebenwirkungen von Behandlungsmaßnahmen (Medikamente/operative Eingriffe) belastet wird.

Generell kann man sagen, dass praktisch alle großen „Volkskrankheiten“ (metabolisches Syndrom, Hypertonie, konorare Herzerkrankung, Diabetes mellitus und andere), aber auch die Therapien dieser Erkrankungen die sexuellen Reaktionen beeinträchtigen können. Die vielen sexuellen Probleme, die in diesen Feldern verwurzelt sind, unterscheiden sich in ihren Symptomen und Kernmerkmalen in der Regel nicht wesentlich von den sexuellen Dysfunktionen eigener Art.

Wunsch nach Ansprache der Themen

Für den Frauenarzt/die Frauenärztin gibt es weitere sexualmedizinische Berührungspunkte im Bereich der gynäkologischen Onkologie, in der Menopausenberatung, bei unerfülltem Kinderwunsch, bei postpartalen Kontrollen und den so häufigen diffusen und unklaren urogenitalen Syndromen. Sehr oft geben die Frauen dem Arzt/der Ärztin auch Hinweise auf sexuelle Schwierigkeiten im Rahmen der Vorsorgeuntersuchung, nicht selten am Ende der Konsultation oder gleichsam „beim Hinausgehen“, eine Situation, die für den Arzt/die Ärztin dann besondere Probleme aufwirft.

Wie bei den Männern gilt auch bei den Frauen, dass gegenwärtig in der Mehrzahl der Fälle das Thema „Sexualität“ von den Patientinnen angesprochen wird. Tatsächlich wünscht sich aber eine klare Mehrheit, dass eben diese Initiative vom Arzt/von der Ärztin ausgeht. Es lohnt sich daher, noch einmal genauer auf die Barrieren zu schauen, die ein Ansprechen der Patientinnen hinsichtlich ihrer sexuellen Gesundheit verhindern, um daraus den notwendigen Handlungs- und Veränderungsbedarf abzuleiten.

Barrieren auf Seiten der GynäkologInnen

  • Unbehagen und Peinlichkeit auf Seiten des Arztes/der Ärztin. - Mangelnde Ernstnahme der Bedeutung sexueller Gesundheit.
  • Gefühl mangelnder Kompetenz bzw. Angst, keine Problemlösung zu haben. - Angst, die Patientin zu verletzen.
  • Gefühl, nicht dazu „berechtigt“ zu sein, dieses Thema aktiv anzusprechen.
  • Probleme aus Altersunterschieden bzw. Elternübertragungen (junger Arzt/junge Ärztin - ältere Patientin und umgekehrt).
  • Unsicherheit bzgl. der „nächsten Frage“.
  • praxisökonomische Gründe (sprengt den Praxisablauf, kein adäquates Honorar).

Neben diesen generellen Hindernissen ist es im Sinne einer kritischen Selbstreflexion für jeden, der im sexualmedizinischen Bereich tätig ist, wichtig, sich mit seinen ganz persönlichen Hemmnissen und Grenzen zu beschäftigen.

Dabei geht es nicht darum, das man „sexuell problemfrei“ sein muss, um den Patientinnen helfen zu können, sondern dass man sich der eigenen kritischen Erfahrungen bzw. „blinden Flecken“ bewusst ist und sich mit ihnen auseinander gesetzt hat. Eine solche Selbsterfahrung kommt im übrigens nicht nur der beruflichen Tätigkeit zugute, sondern kann sehr bereichernd auch für das eigene Leben sein.

Wichtige Themen sind in dieser Hinsicht etwa Hemmungen oder Schamgefühle aufgrund restriktiver Erziehungseinflüsse oder negative sexuelle Erfahrungen (Traumatisierungen, negative Erlebnisse, Versagenserfahrungen).

Damit entgeht man auch der manchmal auf unseren Fortbildungsveranstaltungen geäußerten Sorge, nicht dazu berechtigt zu sein, die Sexualität oder Partnerschaft der PatientInnen anzusprechen, wenn man in diesem Bereich selbst ungelöste Probleme hat, bzw. gar der Sorge, mit seinen eigenen Problemen von der Patientin „durchschaut“ zu werden. Auch die Befürchtung, bei dieser Thematik evtl. die professionelle Distanz zu verlieren bzw. in „heikle“ Situationen zu geraten, wird durch Selbsterfahrung und Fertigkeitentraining gut handhabbar.

Am stärksten unterdiagnostizierte Krankheitsbilder

Warum nun sollte trotz der angesprochenen Barrieren die sexuelle Gesundheit einen höheren Stellenwert in der frauenärztlichen Praxis erhalten? Dafür gibt es - sowohl aus der Perspektive der Patientinnen als auch aus der der FrauenärztInnen - eine Reihe guter Gründe.

So zählen die sexuellen Dysfunktionen der Frau zu den am stärksten unterdiagnostizierten und unzureichend therapeutisch angegangenen Krankheitsbildern. Obwohl wirksame Therapien vorhanden sind, bleiben sexuelle Störungen zu lange unerkannt und die betroffenen Frauen unbehandelt, mit der Folge unnötigen Leids, aber auch unnötiger Kosten, da der vorhandene Leidensdruck sich häufig in unklaren psychosomatischen Beschwerden kanalisiert, für die dann Kosten entstehen, ohne dass es zu einer nachhaltigen Besserung kommt.

Darüber hinaus gibt es weitere Gesichtspunkte, die für eine stärkere Berücksichtigung der sexuellen Gesundheit sprechen:

  • Sexuelle Gesundheit bis ins hohe Alter ist für die meisten Menschen ein wichtiges persönliches Ziel.
  • Sexuelle Gesundheit weist enge Zusammenhänge mit Lebenszufriedenheit, Wohlbefinden und Glück auf.

Anderseits haben sexuelle Probleme eine hohe Prävalenz. Sexuelle Störungen sind oftmals ein (Früh)Symptom anderer, zum Teil vital bedrohlicher Krankheiten (KHK, Diabetes, Depression) und beruhen oft auf den Nebenwirkungen von häufig verordneten Medikamenten.

Eine adäquate Berücksichtigung sexueller Probleme kann der Erklärung anderer („unerklärlicher“) Beschwerden dienen, verbessert die Compliance bzw. Adherence bei der Therapie wegen anderer Beschwerden und wird heute zunehmend auch von Menschen mit chronischen Krankheiten von ihren ÄrztInnen erwartet.

Kein heikles Thema

Aus der Perspektive des Arztes/der Ärztin ist darauf hinzuweisen, dass Sexualprobleme entgegen weit verbreiteter Vorurteile kein besonders heikles, schwieriges oder „undankbares“ Gebiet der Medizin sind, sondern im Gegenteil ein in verschiedener Hinsicht befriedigendes Feld ärztlichen Handelns. Es gibt nicht viele andere Bereiche in Medizin und Psychotherapie, in denen man PatientInnen so gut und so wirkungsvoll helfen kann (vor allem auch, wenn effektive Pharmakotherapien verfügbar sind) und PatientInnen so dankbar sind, wenn ihr Arzt/ihre Ärztin sich dieser Probleme annimmt (auch im Rahmen anderer Erkrankungen).

Genau das hat sehr positive Auswirkungen auf die Beziehung zwischen PatientIn und Arzt/Ärztin und wird dann zu einer Quelle der beruflichen Zufriedenheit für den Arzt/die Ärztin.

Weiterführende Artikel

Dieser Artikel ist Teil einer Serie über weibliche Sexualstörungen. Lesen Sie dazu auch die Artikel:

Modelle weiblicher Sexualität sexuelle Funktionsstörungen der Frau Orgasmusstörungen Therapie von Orgasmusstörungen sexuelles Interesse Störungen im sexuellen Verlangen