Die Erotik des Küssens

Die Erotik des Küssens

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Manchmal steht beim Küssen die Welt für eine Weile still - und manchmal passiert gar nichts. Denn beim Küssen werden nicht nur lustvolle Signale von den feinen Nervenenden auf Lippe und Zunge ans Gehirn geschickt, sondern auch gleichzeitig zahlreiche Informationen über den Kusspartner ausgetauscht: wie sich der andere anfühlt, wie er riecht, schmeckt und wie er insgesamt genetisch zu einem selbst passt. Wie wichtig diese oft gar nicht bewusst wahrgenommenen Faktoren sind, zeigt eine Studie des amerikanischen Psychologe Gordon Gallup, die ergab, dass 60 Prozent der Befragten nach dem ersten Kuss das Interesse am anderen auch gleich wieder verloren. (Hier gehts zur Studie)

Unterschied Frauen und Männer

Dabei wurden auch geschlechtsspezifische Unterschiede über Wichtigkeit und Beweggründe für das Küssen herausgefunden. So küssen Frauen demnach eher, um die Nähe zum Partner aufrecht zu erhalten und verwenden den Kuss auch als Prüfstand für die Intensität von Liebe und sexueller Anziehung. Für Männer ist hingegen der Kuss oft in erster Linie Mittel zum Zweck, sprich zum Sex. Für 50 Prozent der Männer ist laut Studie Sex auch ohne Küssen kein Problem, bei den Frauen ist das hingegen nur für 20 Prozent vorstellbar. Auch die Art des Küssens soll laut Studie geschlechtsspezifisch unterschiedlich sein: Männer bevorzugen demnach intensive und feuchte Küsse, Frauen gefühlvolle Zungenspiele, am besten in Kombination mit anderen Zärtlichkeiten.

Wie entstand der Kuss?

Über den Ursprung des Küssens gehen die Theorien auseinander.

  • Eine besagt, dass wir beim Küssen unsere Herkunft als Säugetiere nicht verleugnen können. Jeder hat schon beobachtet, wie sich Tiere zur Begrüßung beschnüffeln oder sich ablecken. Dabei werden viele Informationen übermittelt, etwa über Krankheiten oder den Sättigungsgrad.
  • Der Kuss könnte seinen Ursprung aber auch in der Aufzucht der Jungen haben. Einige Tiere füttern ihre Jungen mit vorgekauter Nahrung und auch bei Naturvölkern war und ist es üblich, dass die Mutter ihrem Kind die Nahrung vorkaut und ihm den Brei dann von Mund zu Mund weitergibt. Das ist auch durchaus sinnvoll, denn der Speichel verfügt über keimtötende Eigenschaften.

Küssen ist gesund

Wo auch immer die Ursprünge liegen, eindeutig bewiesen ist jedoch, dass küssen für Körper und Seele gesund ist. Bei einem Kuss treten eine ganze Reihe an Reaktionen in Kraft.

  • Je nach Intensität des Kusses werden dabei bis zu 38 Gesichtsmuskeln bewegt und etwa 12 Kilokalorien verbrannt.
  • Die Sauerstoffzufuhr wird erhöht, die Lunge trainiert, denn nach einem leidenschaftlichen Kuss nimmt man etwa 60 Atemzüge pro Minute. Zum Vergleich: sonst sind es im Ruhezustand etwa 20.
  • Die Leistung des Herzens wird trainiert, je nach Intensität schlägt es beim Küssen etwa 110 Mal in der Minute anstatt der sonst in etwa üblichen 80 Mal.
  • Durchblutung und Körpertemperatur steigen an, Stoffwechsel und Kreislauf werden in Schwung gebracht.
  • Hormonell passiert bei einem Kuss eine ganze Kette an Ereignissen. Durch die zahlreichen Reize die von dem feinen und dichten Nervengeflecht in Zunge und Lippen an das Gehirn gesendet werden, werden Adrenalin und Glückshormone (etwa Serotonin) ausgeschüttet, die für die weichen Knie bei einem intensiven Kuss verantwortlich sind. Die Geschlechtsorgane werden über das zentrale Nervensystem direkt angeregt, Sexualhormone ausgeschüttet.
  • Küssen ist auch wunderbar zur Stressreduzierung: Die dabei produzierten Glückshormone wirken gegen das Stresshormon Cortisol. Zusätzlich bildet das Gehirn mehr Neurotransmitter, was sich wieder günstig für den Stressabbau auswirkt.
  • Die Speichelbildung wird angeregt, das wiederum stärkt durch im Speichel enthaltenes Kalzium und Phosphor die Zähne gegen Karies.
  • Küssen stärkt das Immunsystem, denn die im Speichel enthaltenen Bakterien sind bei jedem individuell verschieden. Dadurch bilden sich Antikörper und die Abwehrkräfte werden gestärkt. Auch das Immunsystem insgesamt wird durch den Kontakt mit dem körperfremden Speichel gestärkt.

Schattenseiten des Küssens

  • Genau dieser Kontakt mit fremden Speichel kann es aber auch sein, der krank macht. Dann nämlich, wenn er Bakterien und Viren enthält, die beim Küssen übertragen werden. Nicht nur Schnupfen oder Grippe kann damit übertragen werden, sondern etwa auch das Pfeiffersche Drüsenfieber. Letzteres wird nicht umsonst „Kissing disease“ genannt. Bei bereits bestehender mangelnder Zahnpflege kann auch Karies weitergegeben werden. Ähnliches gilt für Herpes: Bei Fieberblasen herrscht Kussverbot, sonst ist das Risiko sehr hoch, die Viren zu übertragen.
  • Nicht gesundheitsgefährdend, aber dennoch unangenehm wird das Küssen bei Mundgeruch. Wie Mundgeruch entsteht, wie man ihn loswird und welchen Selbsttest es gibt, um herauszufinden, ob man selbst Mundgeruch hat, lesen Sie in unserem Artikel Mundgeruch.

Küssen und Moral

Durch das Eindringen der Zunge in den anderen Mund wird beim intensiven Kuss bereits der Geschlechtsverkehr in einer Vorstufe simuliert. Dass durch die direkten Erregungsimpulse, die beim Küssen an die Geschlechtsorgane geschickt werden, das Küssen tatsächlich oft zum Koitus führt spiegelt sich in der Warnung wider, die bis vor gar nicht langer Zeit an junge Mädchen weitergegeben wurde: Vom Küssen wird man schwanger. Wie die Kulturwissenschaftlerin Ingelore Ebberfeld in ihrem Buch „Küss mich“ schreibt, steckte dahinter nicht Unaufgeklärtheit, sondern eine Vorwegnahme des nächsten Schrittes. Dies ist auch der Grund dafür, warum öffentliches Küssen in zahlreichen Ländern auch heute noch verpönt oder verboten ist.

Küssen in der heutigen Form ist übrigens noch gar nicht lange so verbreitet wie heute. Noch vor 100 Jahren haben sich laut Ebberfeld noch bedeutend mehr Menschen mit der Nase „geküsst“ als mit dem Mund. Das Nasenreiben zur Begrüßung ist auch heute noch bei einigen Völkern, wie etwa den Innuit, üblich.