Wenn Sie mich wirklich liebt…

Wenn Sie mich wirklich liebt…

Die Sexualmedizinerin Dr. Elia Bragagna berichtet in der „Sprechstunde“ von Fällen aus ihrer täglichen Praxis. Alle persönlichen Angaben der Patienten und Patientinnen wurden geändert, die Geschichten, Probleme und Lösungsfindungen entsprechen jedoch der Realität.

Peter F. (40) kann nicht glauben, dass seine Partnerin ihn wirklich liebt. Obwohl sie immer behauptet, dass sie sich noch nie einem Mann so nahe gefühlt hat, verwehrt sie ihm seinen sehnlichsten sexuellen Wunsch.

Herr F. kommt zusammen mit seiner gleichaltrigen Freundin Bettina S. in meine Praxis, weil immer wieder ein Problem zwischen ihnen steht. Beide sind sehr beschämt und es fällt ihnen sichtlich schwer, mit ihrem Anliegen herauszurücken. Ihr Thema sei halt immer noch ein Tabu, obwohl jedes 14-jährige Kind es im Internet in einschlägigen Filmen sehen könne.

Problem

Frau S. gibt sich einen Ruck und fragt mich, mit den Tränen kämpfend, ob ich denn ihrem Partner nicht erklären könne, dass es auch normal sei, Oralsex nicht zu mögen. Er hat es so gerne, wenn sie mit seinem Genital spielt. Dabei genießt er es, in ihren Mund zu ejakulieren. Sie überwinde sich eh, nähme seinen Penis in den Mund. Das mache sie wirklich nur für ihn. Es sei auch mit der Zeit so anstrengend, den Mund so weit offen zu halten. Oft schmerzt schon ihr Kiefer. Gelegentlich löse sein Penis am Gaumen auch einen Brechreflex aus. Alles sei machbar, aber seine Spermien zu schlucken, schaffe sie nicht mehr.

Hier hakt Peter F. ein. Alle seine Freunde hätten erzählt, dass gerade diese Dinge ihre Partnerinnen so erregend fänden. Sie empfänden Oralsex als totale Hingabe der Frau. Er fühlt sich so ungeliebt und zurückgestoßen, weil seine Partnerin diese Technik ablehnt.

Bei diesen Worten, verliert Frau S. ihre Haltung und beginnt zu weinen. „Warum begreift er nicht, dass das mit Liebe nichts zu tun hat? Und prüde bin ich auch nicht, so wie er das oft behauptet.“ Unter meinem Schutz traut sie sich jetzt, etwas zu gestehen, was sie ihm in all den Jahren ihrer Beziehung nicht gesagt hatte. Sie hatte Angst ihn zu verletzen, denn sie weiß wie viel ihm diese Form der Sexualität bedeutet. Unter Tränen erzählt sie, dass es ihr vor dem Geruch und der eigenartigen Konsistenz des Ejakulates ekelt. Es sei nicht flüssig und nicht fest. Dass dieses auch noch so lauwarm sei, mache alles nur noch unerträglicher.

Sexualtherapeutische Erklärung

Herr F. ist von der Situation vollkommen überfordert und sieht sich in seiner Meinung bestätigt, dass seine Partnerin ihn nicht liebt. Wie könnte sie ihn sonst so ablehnen?
Er staunt, als ich ihm erzähle, dass es unzähligen Paaren genau so geht. Dass viele, auch ganz unbekümmerte, junge Paare mit dem Thema kämpfen. Viele Frauen tun einfach so, als ob ihnen Oralsex gefallen würde, um nicht als prüde abgestempelt zu werden. Sie kämpfen bei dieser Form der Intimität mit all den Problemen, die seine Partnerin beschreibt.

Sie lehnen nicht ihren Partner ab und sind auch nicht verklemmt, sondern kämpfen mit ihrem eigenen Körper, der sich mit heftigen Reaktionen gegen eine nicht passende Sexualität sträubt. Sie lassen sich nicht den Brechreflex anmerken und auch nicht das Ekelgefühl, wenn sie die Spermien schlucken. Manche lassen das Ejakulat einfach wieder aus dem Mund rinnen, um so diese Situation besser meistern zu können. All diese Frauen erzählen aber auch, dass ihnen bei dieser Form des Liebesspieles die Freude auf Sexualität verloren gegangen sei. Viele Frauen machen mit dem Genital des Mannes einfach nicht das, was ihnen Freude bringen würde, sondern das, was uns heute in den Softpornomagazinen und -filmen als erregend vorgezeigt wird. Es gibt viele Paare, die solche Vorlagen als anregend empfinden, doch andere empfinden ganz andere Liebesspiele als stimulierend. Normalerweise einigt sich ein Paar darauf, orale Spiele so zu gestalten, dass es für beide lustvoll, unbeschwert und erregend ist.

Lösungsansätze

Ich bitte Frau S. bis zu unserem nächsten Termin sich einfach von ihrer Neugierde und Verspieltheit leiten zu lassen und den Köper ihres Mannes mit all ihren Sinnen neu zu erobern. Die Passage mit dem Ejakulat-Schlucken solle sie weglassen. Beim nächsten Termin erzählt mir Herr F. freudig, dass er gar nicht wusste, wie kreativ seine Frau sein konnte. Sie war zart und frech gewesen. Er hat erlebt, wie entspannt und sinnlich sie sein kann, wenn sie ihren Körperbedürfnissen freien Lauf lässt. Sie war ganz zugewandt und offen gewesen. Ihre Liebe war regelrecht zu fühlen. Erst jetzt glaubt er, dass ihre andere Art des Oralspiels nicht bedeutet, dass sie ihn weniger liebt.

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