Gefangen in der Selbstbeobachtung

Gefangen in der Selbstbeobachtung

Die Sexualmedizinerin Dr. Elia Bragagna berichtet in der „Sprechstunde“ von Fällen aus ihrer täglichen Praxis. Alle persönlichen Angaben der Patienten und Patientinnen wurden geändert, die Geschichten, Probleme und Lösungsfindungen entsprechen jedoch der Realität.

Peter F. (40) hat nach Jahren ohne Partnerin endlich das Gefühl, die Richtige gefunden zu haben. Aber erschüttert muss er feststellen, dass „das Normalste“ der Welt bei ihm einfach nicht klappt.

Vorgeschichte

Das Gespräch mit mir ist dem Patienten sichtlich unangenehm. Auch seiner Freundin hat er nichts von dem Termin erzählt. Er schildert seine Geschichte: Vor drei Jahren eine Scheidung, die ihm sehr nahe gegangen ist; danach hat er lange gebraucht, um wieder Nähe zulassen zu können. Doch vor kurzem hat er eine Frau kennen gelernt, die ihm durch und durch gefällt. Seiner neuen Partnerin ist Sexualität und körperliche Nähe sehr wichtig, und so fühlt er sich nun auch als Mann wieder sehr begehrt.

Problem

Dann endlich kommt er zu seinem Problem: Er hat mit der neuen Partnerin Erektionsprobleme. Noch nie ist ihm ein Geschlechtsverkehr mit ihr gelungen. Bisher kannte er dieses Problem überhaupt nicht, denn sein Penis hat immer „funktioniert“. Beim ersten Fehlversuch schob er es auf seine Nervosität. Das passiert öfters, hatte er gelesen. Als aber beim nächsten Mal dasselbe Problem auftrat, begann er, unsicher zu werden, zumal der neuen Freundin Sex ja ausdrücklich wichtig ist. So begann er, die Reaktionen seines Penis zu beobachten.

Seine Anspannung stieg dabei umso mehr, je deutlicher ihm wurde, wie sehr sich seine Freundin mit allen Tricks bemühte, ihm zu einer Erektion zu verhelfen. Dabei verhält sich seine Partnerin sehr nett und macht ihm keinen Druck. Er aber ist unsicher, glaubt ihr nicht so recht und hat letztlich Angst, dass sie ihn wegen des Problems verlassen wird.

Medizinische Erklärung

Die Abklärung beim Andrologen ergibt keine Anhaltspunkte für eine organische Ursache. In diesem Fall liegt die Ursache des Problems ganz wo anders: Der Patient ist in einer „Selbstbeobachtungsspirale“ gefangen. Jedes Mal, wenn er nervös und mit Versagensängsten seinen Penis beobachtet, werden in seinem Körper als Folge der Anspannung Botenstoffe ausgeschüttet. Diese Botenstoffe wiederum aktivieren die Stressnerven, deren Aufgabe es unter anderem ist, die Blutzufuhr zum Penis zu drosseln. Damit wird es aber für den Betroffenen unmöglich, eine Erektion zu bekommen.

Lösungsansatz

Die weiteren Gespräche zeigen, dass Herr F. sich einerseits sehr nach einer neuen Beziehung gesehnt hatte, gleichzeitig aber etwas mehr Zeit und Vertrauen gebraucht hätte, um mit der neuen Partnerin intim zu werden. Dann wäre ihm klar geworden, dass sie Sex zwar sehr liebt, aber keinen „Sexautomaten“ im Bett braucht, der immer funktioniert. Ihr geht es vor allem um die körperliche Nähe, aus der heraus sich Sexualität ergeben kann.

Um aus der „Selbstbeobachtungsspirale“ herauszukommen, verordnete ich dem Patienten ein Potenzmittel, das er zunächst bei jedem Sexualkontakt mit seiner Partnerin einnehmen sollte. Der Sinn dahinter ist, positive Erfahrungen zu erzeugen, Selbstvertrauen aufzubauen und Stress abzubauen, sodass sein Gehirn Sexualität wieder mit Bildern von Genuss und Entspannung belegt. Tatsächlich war die schwierigste Hürde für ihn, sich seinem Körper anzuvertrauen, die Berührungen zu genießen und die Potenzmittel ihre Arbeit machen zu lassen.

Schon bald aber konnten die Medikamente um die Hälfte reduziert und nach zwei weiteren Terminen ganz abgesetzt werden. Da Herr F. jetzt die körperliche Nähe und Zärtlichkeit genießen konnte und nur noch mit seiner Partnerin schlief, wenn seinem Körper danach war, konnte er sich endlich daran erfreuen, eine Partnerin zu haben, die ihn als Mann begehrt.

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