Happy Birthday Pille!

2010 wurde das 50jährige Jubiläum der Markteinführung der “Pille” gefeiert. Ein halbes Jahrhundert Freiheit für Frauen, die sexuelle und damit auch oft gesellschaftliche Unabhängigkeit brachte. Ein halbes Jahrhundert Selbstbestimmung. Aber auch ein halbes Jahrhundert „jederzeit bereit“.

Die Pille ist das, was ihr Name schon verrät: kein Wundermittel für Glück, kein Allheilmittel für eine zufriedene Sexualität, eine Pille eben. Und diese kleine Pille hat die Welt vor 50 Jahren ganz gewaltig aus den Angeln gehoben und ist heute - in Kombination mit den anderen, auf ähnlichen Vorgängen basierenden hormonellen Verhütungsmethoden - nicht mehr aus dem Leben Millionen von Frauen wegzudenken.

Ein Stück Freiheit

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Dank der Pille müssen Frauen heute nicht mehr heiraten, weil sie schwanger sind. Sie können, wenn sie das nicht wollen, rechtzeitig dafür sorgen, dass es erst gar nicht so weit kommt. Oder anders gesagt, sie müssen nicht mehr darauf hoffen, vom Vater des Kindes „geheiratet zu werden“, nicht der Schmach „sitzen gelassen zu werden“ ausgesetzt zu sein.

Frauen konnten sich in vielen Bereichen aus ihrer Passivität befreien. Es wird nicht mehr mit ihnen gemacht - sie machen selbst. Dass heute uneheliche Kinder und alleinerziehende Mütter etwas Alltägliches sind und kein gesellschaftliches Stigma mehr darstellen, hat nicht zuletzt seine Wurzeln in der Pille, die die Anfänge der Emanzipation entscheidend prägte.

Antibabypille versus Probabypille

In diesem Sinne ist auch die Anmerkung des Chemikers Carl Djerassi, einer der Gründerväter, oder wie er sich selbst nennt, der „Mutter der Pille“, zu verstehen. Denn in der deutschen Sprache hat sich über die Jahrzehnte der Ausdruck Antibabypille etabliert. Doch in gewisser Weise ist der Name irreführend, hat die Pille doch Frauen und Paaren die Entscheidungsmöglichkeit für Wunschkinder gegeben und könnte daher ebenso als Probabypille bezeichnet werden. Der Name Antibabypille spiegelt so noch heute die negative Haltung wider, mit der das Verhütungsmittel von einem großen Teil der konservativen Gesellschaft empfangen wurde.

Luxus Verhütung

Sexualität wurde mit der Pille von der Fortpflanzung entkoppelt. „Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) finden alle 24 Stunden über 100 Millionen Geschlechtsakte statt, die zu etwa einer Million Empfängnissen führen, von denen 50 % ungeplant und 25 % ungewollt sind.

Die letztgenannte Zahl - 250 000 ungewollte Empfängnisse pro Tag - wiederum ist dafür verantwortlich, daß alle 24 Stunden über 150 000 Abtreibungen stattfinden, von denen 50 000 illegal sind und jeden Tag den Tod von 500 Frauen zur Folge haben.“ (Carl Djerassi, This Man’s Pill. Sex, die Kunst und Unsterblichkeit, Seite 99, Haymon Verlag 2001)

Die von Djerassi hier verwendeten Zahlen sind zwar schon ein paar Jahre alt, doch von wesentlichen Veränderungen seither ist nicht auszugehen. Was sie aber deutlich belegen ist, dass Verhütungsmittel noch heute ein Luxusgut wohlhabender Länder sind. Luxusgut erstens im Sinne der finanziellen Möglichkeiten, anderseits aber auch dahingehend, dass nicht Staat und Religion die Familienplanung übernehmen.

Jugendliche lieben die Pille

In unseren Breiten ist die Pille seit einem halben Jahrhundert ein Dauerrenner. Hier fungiert auch die Jugend als guter Gradmesser. Denn war es für junge Mädchen in der Anfangszeit der Pille noch ein kleines Kunststück, sich das neue Verhütungsmittel verschreiben zu lassen, so ist die Pille bei den heutigen Jugendlichen nach einer aktuellen Studie des Österreichischen Instituts für Sexualpädagogik klare Nummer eins bei Verhütungsfragen: Mehr als die Hälfte der sexuell aktiven Mädchen nehmen sie. (Nachzulesen im Artikel „Jugendliche und Verhütung").

Jederzeit sexuell verfügbar

Zweifelsohne war die Pille ein wichtiger Mosaikstein auf dem Weg der Frauen zur Emanzipation. Zweifelsohne hat sie viel Segen gebracht und verdient es daher, in ihrem Jubiläumsjahr gebührend gefeiert zu werden. Ein schon anfangs erwähnter Gedanke sollte dennoch nicht unbedacht bleiben: Die Pille hat Frauen auch jederzeit sexuell verfügbar gemacht. In der eigenen Wahrnehmung und in der Erwartungshaltung des Partners. Auch das kann Druck schaffen, wenn auch auf einer anderen, subtileren Ebene als auf jener der Angst vor unerwünschtem Nachwuchs.