Katholische Kirche und Sexualmoral

Katholische Kirche und Sexualmoral

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Unser sexuelles Erleben und Verhalten ist in einem hohen Maße durch unsere Kultur beeinflusst. Heutige Erscheinungsformen des Sexuellen muss man daher immer vor dem Hintergrund der Geschichte sehen. Trotz heutiger Hypersexualisierung war Sexualität bei uns über Jahrhunderte, ja sogar über Jahrtausende negativ behaftet.

Die schlechte Bewertung von Sexualität begann jedoch nicht erst mit der katholischen Kirche, sondern bereits in der Antike. Kirchenlehrer wie Aurelius Augustinus oder Thomas von Aquin führten den Platz in der Verdammnis, der der Sexualität zugewiesen wurde, zur Perfektion. Ein Erbe, das wir auch heute noch mittragen.

Gnostiker

In der prä-hellenischen Zeit hatte die Sexualität in Europa noch nicht diesen negativen Beigeschmack, wie wir ihn heute noch kennen. Der Wandel kam erst ca. 400 v. Chr. von Persien nach Griechenland. Es war eine Strömung (Gnossis = Erkenntnis), getragen vom Gefühl des Weltekels.

Die Gnostiker betrachteten den Leib und damit verbunden auch die Fleischeslust als eine Fessel für die Seele. Je lustfeindlicher der Blick wurde, desto höher wurde auch die Ehelosigkeit bewertet. Die Ehe galt nur noch als Konzession für jene, die zu schwach zur Enthaltsamkeit waren.

Medizinische Vorstellungen in der Antike

Getragen wurde der Sexualpessimismus der Antike vorwiegend von den damals herrschenden medizinischen Vorstellungen.

  • Hippokrates hielt Sexualität für gesundheitsschädlich und glaubte, dass übermäßiger Verlust von Samen zu Rückenmarkschwund und zum Tod führt.
  • Pythagoras antwortete auf die Frage: Wann ist die beste Zeit für die Liebe? „Wenn man sich schwächen will.“
  • Die Ärzte empfahlen damals die sexuelle Abstinenz.

Philosophische Bewertung der Sexualität

  • Philon von Alexandria, ein jüdisch-griechischer Theologe, stoischer Philosoph und Zeitgenosse von Jesus, propagierte, den ehelichen Geschlechtsverkehr nur in der Hoffnung auf Kindersegen durchzuführen, nicht um des Geschlechtsgenusses willen. Er verurteilte Empfängnisverhütung und Homosexualität scharf.
  • Philosophen der Stoa (Philosophenschule von 300 v. bis 250 n. Chr.) verurteilten alle sexuellen Aktivitäten außerhalb der Ehe.
  • Der Stoiker Seneca, der Erzieher Kaiser Neros (50 n. Chr.) meinte: „Nichts ist verderbter, als seine Gattin wie eine Ehebrecherin zu lieben.“ Sexualität hatte ein Zeugungsakt zu sein.

Aurelius Augustinus

Bei Aurelius Augustinus (430 n. Chr.), dem größten abendländischen Kirchenlehrer, verschmolzen schließlich Lust- und Sexualfeindlichkeit. Sein Einfluss reichte bis zur Pillenverdammung Pauls VI 1968 und Johannes Paul II 1981. Nach der deutschen Theologin Prof. Uta Ranke-Heinemann heißt „von Sexualfeindlichkeit zu reden, von Augustinus zu sprechen“. Und weiter: „Wie viele Neurotiker hat er Liebe und Sexualität auseinander gerissen.“

Nach dem Wiener Historiker Friedrich Heer begann der verhängnisvolle Prozess der Entsexualisierung der Liebe im Abendland, in Europa.

Augustinus fügte zur Sexualverachtung noch die Sexualangst hinzu. Er brachte theologisch die Übertragung der Erbsünde in Zusammenhang mit der Lust beim Geschlechtsakt. „Die Geschlechtslust trägt die Erbsünde weiter von einem Geschlecht zum anderen“. Erbsünde bedeutet für ihn den ewigen Tod.

„Manchmal geht diese wollüstige Grausamkeit oder grausame Wollust so weit, dass sich manche sogar Gifte für die Unfruchtbarkeit beschaffen, sodass die Frau geradezu die Hure ihres Mannes ist oder er der Ehebrecher mit der eigenen Frau.“ Mindestens genauso verhängnisvoll ist für ihn eine „andere Form der Verhütung“: „Es ist unerlaubt und schändlich mit seiner Frau Verkehr zu pflegen und dabei die Empfängnis der Nachkommenschaft zu vermeiden. Das tat Onan, der Sohn des Juda und deshalb tötete ihn Gott!“ (coitus interruptus)

Geschlechtsverkehr mit Menstruierenden, Schwangeren oder Postmenopausalen wurde daher auch abgelehnt, weil keine Aussicht auf Empfängnis bestand.

Thomas von Aquin

Auf dem Höhepunkt der Scholastik (dem goldenen Zeitalter der Theologie) 1274 führte Thomas von Aquin mit derselben Besessenheit den Kampf gegen die Sexualität fort.

  • Der eheliche Akt war für ihn Entartung, Krankheit, Verderben der Unversehrtheit und Grund für Widerwillen und Abscheu.
  • Die Ehe selbst hatte zwei Zwecke zu erfüllen: die Zeugung von Kindern und die Vermeidung von Unzucht.

Die Ehe galt als Heilmittel gegen die Krankheit „sich dem Geschlechtsverkehr nicht enthalten zu können“. „Es besteht für die Gatten die strenge Pflicht, sich dem Partner nicht zu versagen, damit er nicht in eine noch schwerere Sünde verfalle. “ (nämlich die Selbstbefriedigung)

Erzbischof von Canterbury

Der Erzbischof Langton von Canterbury (1228) sagte: „Die eheliche Copula muss selbst unter Lebensgefahr geleistet werden, eher muss die Frau zugeben, dass sie getötet wird, als dass ihr Mann sündigt.“

Verbot von Geschlechtsverkehr

Damit aber diese ausschweifenden Pflichten nicht überhand nahmen, gab es im Mittelalter Verbot von Geschlechtsverkehr zu den heiligen Zeiten:

  • an allen Sonntagen,
  • allen Festtagen,
  • in der 40-tägigen Fastenzeit vor Ostern,
  • mindestens 20 Tage vor Weihnachten, Ostern und Pfingsten,
  • zusätzlich an medizinisch begründeten Tagen, inkl. Stillzeit bis zur Entwöhnung - denn Geschlechtsverkehr „verderbe die Muttermilch“, die Folge sollten angeblich verkrüppelte Kinder und Epilepsie sein.

Viele Gläubige beklagten sich, da bliebe ja nicht mehr viel übrig. Der Unzuchtsgefahr zu den heiligen Zeiten begegnete man mit Fasten und Beten.

„Widernatürliches“

Thomas von Aquin zerbrach sich aber auch den Kopf über „widernatürliche *Stellungen*“ beim Geschlechtsverkehr. Lediglich wenn Eheleute zu dick waren, wurden sie gestattet. Ansonsten war der Frau nur die Position unten gestattet, weil der Aberglaube vorherrschte, dass sich bei der Frau-oben-Position die Gebärmutter auf den Kopf stellen und sich der Inhalt ausgießen würde.

Um das Seelenheil bemüht, schreibt er weiter: „Schlimmer als Inzest, Vergewaltigung und Ehebruch sind Selbstbefriedigung, Verkehr mit Tieren, Homosexualität, Anal-, Oralverkehr und Coitus interruptus“.

Anal- oder Oralverkehr galten oft schwerer als Abtreibung, ja sogar schwerer als Mord. Ein Text aus einem angelsächsischen Bußbuch (aus den Jahren 690 - 710) ergab für

  • Oralverkehr: 7-15 Jahre oder lebenslängliche Kirchenbuße
  • Vorsätzlicher Mord: 7 Jahre Kirchenbuße
  • Abtreibung: 3 × 14 Tage Kirchenbuße

Empfängnisverhütung

Der Widerstand gegen Empfängnisverhütung nahm nach Augustinus noch an Schärfe zu.

Bernhard von Siena (1444) sagte: „Es ist besser, wenn eine Frau mit ihrem eigenen Vater auf natürliche Weise Verkehr hat, als mit ihrem eigenen Mann wider die Natur.“ (!!)

Beichtbefragungen waren oft so genau, dass sie der heutigen pornographischen Literatur glichen und sie eher als Anregungen dienten, woraufhin die Empfehlung ausgegeben wurde, nicht so detailliert zu fragen.

Sexualität während der Menstruation

Auch zur Sexualität während der Menstruation hatten die Ärzte im Laufe der Jahrhunderte konkrete Vorstellungen.

  • Der griechische Arzt Soranus von Ephesus (2. Jh. n.Chr.) meinte: Während der Menstruation solle kein Verkehr erfolgen, denn vom frischen Blut sei die Gebärmutter feucht und das schwäche nicht nur die Lebenskraft des Samens, sondern hebe sie völlig auf.
  • Der römische Naturwissenschaftler Plinius (79 n. Chr.) sagte: „Der Geschlechtsverkehr während der Menstruation ist deswegen verboten, weil die während der Menstruation empfangenen Kinder krank sind, ein eitriges Blutserum haben oder tot geboren werden.“
  • Im 13. Jhd. verbietet Thomas von Aquin den Geschlechtsverkehr während der Menstruation wegen der Schädigung des Kindes als Todsünde.

Wochenfluss

Wöchnerinnenblut war noch schädlicher: es galt striktes Verkehrsverbot.
Bei der Synode von Trier (1227) wurde festgehalten: Wöchnerinnen benötigen eine Wiederversöhnung mit der Kirche. Im Mittelalter wurde Frauen, die im Wochenbett vor dieser Aussöhnung starben, die Beerdigung auf dem Friedhof verwehrt! Bis in die 1960er Jahre reichte immerhin noch das Gebot, dass sie erst nach der Aussöhnung wieder die Kirche betreten durften.

Empfängnisverhütung

Kaiser Karls V erließ 1532 eine Gerichtsverordnung, die die Verwendung von Empfängnisverhütungsmitteln mit der Todesstrafe belegte.

Onanie

Im Zeitalter der Aufklärung (17. Bis 18. Jahrhundert) kam es zum Auftreten eines regelrechten „Onaniewahns“.

• Bekker , ein reformierter Londoner Arzt, schrieb 1710 das Buch “Onanie oder die scheußliche Sünde der Selbstbefleckung“. Er warnte darin vor den schrecklichen Folgen für die Gesundheit bis hin zu Tollheit, Blödsinn, Epilepsie und Abnahme des Gedächtnisses.

• Der reformierte Lausanner Arzt Simon-Andre Tissot schrieb 1758 in seinem Buch „Onania“: „Onanie trocknet das Gehirn aus“. Die letzte Auflage dieses Buches erschien im Jahre 1905!

• Der Soziologe Volker Pilgrim beschreibt in seinem Buch “Der selbstbefriedigte Mensch“ historische Fälle, unter anderem von einem 8-jährigen Buben, der mehrere Jahre lang onanierte und Erektionen hatte. Die Therapie bestand darin, die Vorhaut mit Drähten und Metallspangen zu durchbohren, um das Zurückziehen zu verhindern, sowie in der Nacht Metallringe mit Stacheln anzubringen.

• Der französische Arzt Demeaux sandte 1849 eine Aufforderung an das Französische Kultusministerium, in Internaten Betten mit Trennwänden zwischen Ober- und Unterkörper aufzustellen, die kopfwärts abgedunkelt waren. Er forderte auch, Hosen ohne Taschen herzustellen, sowie unangekündigte Leibesvisitationen.

• Noch 1975 wandte sich Papst Paul VI in seiner „Erklärung zu einigen Fragen der Sexualethik“, gegen die schwere Sünde der Onanie: „Masturbierende gehen der Liebe Gottes verlustig.“

Klitorisentfernung

Das beste Rezept für die Frauen hieß Clitorisectomie. 1863 empfahl sie der Wiener Arzt Gustav Braun in seinem „Compendium der Frauenkrankheiten“.

1858 empfahl Isaac Baker Brown, der Präsident der Medical Society in London die Clitorisectomie bei Masturbation, weil diese zu Hysterie, Epilepsie und Krampfadern führe.

1882 erschien in der französischen medizinischen Fachzeitschrift für Nerven- und Geisteskrankheiten ein Artikel des Istanbuler Arztes Dr. Demetrius Zambaco „über die Onanie und Geistesstörungen zweier kleiner Mädchen“ (die ältere onanierte ununterbrochen). Er schrieb: „Es ist vernünftig zuzugestehen, dass die Verbrennung mit glühendem Eisen die Sensibilität der Klitoris beseitigt, ja, dass man nach wiederholtem Brennen in der Lage ist, sie vollständig zu entfernen… Es ist leicht einsichtig, dass die Kinder, nachdem sie durch die Verbrennung die Sensibilität eingebüßt haben, weniger aufreizbar sind und weniger dazu neigen, sich zu berühren.“ Er berichtet weiter, dass er einige Kollegen von internationalem Ruf getroffen habe, die mit dem Ausbrennen der Klitoris auch beste Heilerfolge erzielt hätten.

Erst seit 1905 hörten, dank Sigmund Freud, diese Methoden auf. Er stoppte durch seine „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ diese Kindesverstümmelung.

Ehrbare und nicht ehrbare Körperteile

Damit wir auch wirklich wissen, welchen Köperteilen wir trauen können, gab uns im Jahr 1940 die katholische Moraltheologie genaue Richtlinien.

  • Ehrbare Körperteile: Gesicht, Füße, Hände,
  • Weniger ehrbar Körperteile: Brust, Rücken, Arme, Schenkel
  • Nicht ehrbare Körperteile: Geschlechtsteile und Partien, die ihnen sehr nahe sind

Kein Wunder

  • Es ist also kein Wunder, wenn sich ältere Männer und Frauen für ihre sexuellen Bedürfnisse schämen.
  • Ich wundere mich auch nicht mehr, dass sich so viele Frauen verkrampfen, sobald sich die Hände ihres Partners sich dem Slip nähern.
  • Ich wundere ich mich nicht mehr, wenn Frauen mit tiefster innerer Überzeugung glauben, sich dem Mann nicht verweigern zu können, wenn er Lust auf Sex hat, selbst wenn sie Schmerzen beim Geschlechtsverkehr haben.
  • Ich wundere mich nicht mehr, wenn ich PatientInnen zu einem befreundeten Pfarrer schicken muss, damit er ihnen die tiefe Schuld von ihrer Seele nimmt, weil sie es nicht schaffen, ohne Selbstbefriedigung auszukommen.
  • Und ich wundere mich auch nicht, dass Paare sich nicht unbeschwert trauen, voneinander neue Stellungen zu fordern.

Quellenangabe

Uta Ranke-Heinemann, Eunuchen für das Himmelreich - Katholische Kirche und Sexualität, Heyne 2000.