Lustdämpfer Kinder

Lustdämpfer Kinder

Die Sexualmedizinerin Dr. Elia Bragagna berichtet in der „Sprechstunde“ von Fällen aus ihrer täglichen Praxis. Alle persönlichen Angaben der Patienten und Patientinnen wurden geändert, die Geschichten, Probleme und Lösungsfindungen entsprechen jedoch der Realität.

Simone F. (30) ist ratlos. Seit etwa vier Jahren ist sie vollkommen lustlos. Dabei scheint in ihrem Leben sonst alles in Ordnung zu sein: Sie hat eine liebevollen Partner und zwei entzückende kleine Kinder.

Problem

Frau F. kommt mit ihrem Mann in die Praxis. Eigentlich scheint alles in Ordnung:
Beide begegnen einander freundlich und zuvorkommend. Das ist aber auch alles. Denn außer einem liebevollen Kuss auf die Wange und Kuscheln beim Fernsehen findet schon seit langem keine zärtliche, geschweige denn sexuelle Annäherung mehr statt. Sie erzählen, wie belastend diese Situation für beide ist. „Wir leben zusammen wie zwei Geschwister“, erzählen sie mit einem traurigen Unterton.

Und so hatte alles begonnen: Frau F. fing an, ihrem Mann auszuweichen und sexuellen Kontakt zu vermeiden. Sie ging vor oder nach ihm schlafen. Darüber gab es dann oft auch Streit. So schlief sie zwar mit ihm, wenn es sich nicht umgehen ließ, aber mit Gefühl war sie nicht dabei. Andererseits fühlte sie sich schuldig und hatte Angst, dass er sich mit der Zeit nach einer anderen umsehen könnte. Herr F. seinerseits war zwar verständnisvoll, aber wollte eben auch Sex.

Außerdem merkte er schnell, dass sie nicht bei der Sache war und es machte ihm keine Freude, mit jemandem zu schlafen, der einfach nur so da lag. Er hatte ständig das Gefühl, sie zu benutzen und dabei ging es ihm schlecht. So versuchte er, sie sexuell zu motivieren. Er kaufte erotische Literatur, Videos und sexy Unterwäsche. Das aber ging nach hinten los: Sie fühlte sich nur mehr bedrängt und vermutete hinter jedem Körperkontakt den Versuch einer sexuellen Annäherung. So waren beide in einer Spirale gefangen, aus der sie alleine nicht mehr heraus kamen.

Vorgeschichte

Medizinisch gesehen war Frau F. unauffällig. Die körperliche Untersuchung und die Hormonbestimmung halfen nicht weiter. Im Verlauf des Gespräches stellte sich aber bald heraus, dass die Symptome der Lustlosigkeit nach der Geburt des ersten Kindes aufgetreten waren. Frau F. war mit der Situation komplett überfordert. Unerfahren und ohne Hilfe war sie den ganzen Tag alleine mit dem kleinen Kind, das schrie und nichts sagen konnte. Sie schaffte es kaum, daneben auch noch den Haushalt zu führen und am Abend für ihren Mann das Essen zuzubereiten. In der Nacht war an ein Durchschlafen nicht zu denken. Im Zwei-Stunden-Rhythmus wachte das Kind auf. „Es war wie eine Folter“. Sie habe sich aber nicht getraut, ihren Mann um Unterstützung zu bitten, weil der ja früh morgens zur Arbeit musste. Eigentlich war sie vollkommen erschöpft, hilflos und gereizt. So hatte sich alles in ihr gesträubt, wenn dann ihr Mann auch noch Sex von ihr haben wollte. Sie wollte nur Schlaf und Ruhe.

Medizinische Erklärung

Medizinisch gesehen meldet im Gehirn das „Gefühlszentrum“ bei Überforderung den „Sexzentren“ Unbehagen. Die Sexzentren registrieren diese Meldung und beginnen sie bei häufiger Wiederholung zu speichern. In der Folge fällt es dem Körper sehr schwer, auf sexuelle Reize anzusprechen. So baut sich dann nur selten ein Lustgefühl auf, denn Sex wird unter solchen Bedingungen für den Körper uninteressant. Druck von Seiten des Partners steigert das Unbehagen und folglich die Lustlosigkeit weiter.

Lösungsansätze

Mit dieser Erklärung war es für beide plötzlich leicht nachvollziehbar, dass sich die Situation durch die Geburt des zweiten Kindes noch weiter verschärfte. Während der Therapie lernte Frau F. wahrzunehmen, welche Situationen sie überforderten und wo und wie sie sich Unterstützung holen konnte. Beiden wurde klar, dass es wichtig ist, sich auch Zeit für das Miteinander zu sichern; Zeit, die nur dem Paar gehört - ohne Kinder, Arbeit und Besuch. Beide lernten auch, über ihre körperlichen Bedürfnisse zu reden. Frau F. war regelrecht verblüfft, als sie merkte, dass ihr Mann körperliche Nähe sehr genießen konnte, auch ohne immer gleich zur Sache zu kommen. So schafften sie es nach einiger Zeit wieder, sich nicht nur als Eltern, sondern auch als Liebespaar zu fühlen.

Tipps für Jungeltern

So sichern Sie sich Ihr Liebesleben:

  • Reden Sie mit Ihrem Partner.
  • Besprechen Sie, wie sie einander entlasten können.
  • Sorgen Sie rechtzeitig für ein gutes Netz an Unterstützung.
  • Teilen Sie mit, wenn Sie sich überfordert und müde fühlen, auch wenn andere Mütter sich leichter tun.
  • Sorgen Sie für genug Schlaf.
  • Gönnen Sie sich einige Stunden für sich alleine.
  • Wenn Sie keine Lust auf Sex haben, teilen Sie mit warum, dann kann Ihr Partner nachvollziehen was los ist.
  • Suchen sie Körperkontakt der ihnen angenehm ist, denn Ihr Körper produziert dann vermehrt das Bindungshormon Oxytocin.

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