Einerseits sicher, andererseits lustlos

Einerseits sicher, andererseits lustlos

Die Sexualmedizinerin Dr. Elia Bragagna berichtet in der „Sprechstunde“ von Fällen aus ihrer täglichen Praxis. Alle persönlichen Angaben der Patienten und Patientinnen wurden geändert, die Geschichten, Probleme und Lösungsfindungen entsprechen jedoch der Realität.

Frau Rosemarie F. (24) glaubt, dass ihr psychisch etwas fehlt, denn auch in ihrer neuen Beziehung wird sie, nach einer ersten Phase der Verliebtheit, lustlos.

Problem

Die Patientin ist vollkommen ratlos. Sie kann sich einfach nicht erklären, warum ihr Körper so eigenartig reagiert. Ihren Freund kennt sie seit etwa einem Jahr. Sie versteht sich mit ihm wunderbar. Alles sei so passend, sie hätten dieselben Interessen und Zukunftsvorstellungen. Sogar eine gemeinsame Familie könne sie sich mit ihm vorstellen, aber nicht unter diesen Bedingungen. Sie sei eine Zumutung für ihren Freund. Er sei jung und habe Sex so gerne. Er könne doch nicht sein Leben mit einer Frau ohne sexuellem Verlangen verbringen. Dabei hat alles so gut begonnen. Sie hat den Sex mit ihm sehr genossen, doch mit der Zeit hat ihr Körper nicht mehr wollen.

Abklärungsversuche

Da die Gynäkologin alle organischen Ursachen abgeklärt hat und kein Anhaltspunkt zu finden war, müsse der Grund wohl psychisch sein.

Vorgeschichte

Wenn sie ehrlich sei, kenne sie dieses Muster schon. Alle ihre längeren Beziehungen seien so verlaufen. Nur kurze Affären blieben sexuell spannend. Sie hat sich schon alle Gründe überlegt, die an ihrer Lustlosigkeit Schuld sein könnten.

Ihre Kindheit war aber völlig normal. Ihre Eltern waren zu ihr offen und zu einander liebevoll. Auch die Pubertät verlief ganz normal. Sie entdeckte mit zwölf Jahren, wie fein Selbstbefriedigung ist. Dadurch hat sie ihren Körper gut kennen gelernt. Mit 16 freute sie sich schon auf das „erste Mal“. Davor genoss sie mit ihrem Freund Petting. Sie erzählt, dass ihr Körper ganz verrückt nach ihm gewesen sei.

Sie ging dann zu ihrer Gynäkologin, weil für sie Verhütung wichtig ist, um Sex unbeschwert genießen zu können. Die Frauenärztin pflanzte ihr ein „Verhütungsstäbchen“ in den Oberarm, das drei Jahre lang wirkt. Die Regel fiel danach aus, was für sie aber angenehm war. Sie vertrug das Stäbchen gut und hatte einige Monate lang wirklich feinen Sex. Dann fing dieses Problem zum ersten Mal an. Sie schlief mit ihrem Freund nur noch, um ihn nicht zu kränken.

Medizinische Erklärung

Jetzt sitzt sie verloren da und wartet darauf, welche Therapie ich ihr vorschlage.
Bei Frau F. liegt kein psychisches Problem vor. Sie hat einfach nur das Pech, zu den wenigen Prozent der Frauen zu gehören, die auf diese Verhütungsmethode lustlos werden.

Prinzipiell kann jedes hormonelle Verhütungsmittel lustlos machen. Warum sie trotzdem bei jeder neuen Verliebtheit Lust auf Sex verspürte, ist leicht erklärbar. In dieser Phase der Beziehung sind Botenstoffe im Gehirn aktiv, die jede körperliche Annäherung aufregend erleben lassen, wenn nicht eine massive Einschränkung vorliegt. Erst wenn die Beziehung länger anhält, werden andere Botenstoffe aktiv und das sexuelle Verlangen geht auf das Niveau zurück, das vorher unter der Verhütung vorlag.

Lösungsansätze

Ich rate der Patientin, sich mit der Gynäkologin abzusprechen und auf eine andere Verhütungsmethode umzusteigen.

Bei unserem nächsten Termin erzählt mir die Patientin, dass sie sich das Stäbchen von ihrer Frauenärztin entfernen habe lassen und auf eine andere Verhütungsmethode umgestiegen ist. Sie könne es gar nicht fassen, dass ihr Körper wieder von selbst Freude an der Sinnlichkeit habe. Ihr Freund sei natürlich heilfroh, dass sie wieder zusammengefunden hätten. Nur an die Regel müsse sie sich erst wieder gewöhnen.

Information

Sexualität ist heute nicht mehr von Verhütung zu trennen. Wir können selbst entscheiden, wann wir uns für die Elternrolle bereit fühlen.
Dadurch kann Sexualität angstfrei und entspannt genossen werden. Trotz dieser Vorzüge können hormonelle Verhütungsmittel auch potentiell lustlos machen. Falls Sie diese unerwünschte Nebenwirkung bei sich feststellen, dann sprechen Sie mit Ihrer/Ihrem Gynäkologin/Gynäkologen darüber. Es gibt eine Vielfalt von Verhütungsangeboten. Sie werden mit Sicherheit das Passende für sich finden.

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