Ich fühle nichts mehr

Ich fühle nichts mehr

Die Sexualmedizinerin Dr. Elia Bragagna berichtet in der „Sprechstunde“ von Fällen aus ihrer täglichen Praxis. Alle persönlichen Angaben der Patienten und Patientinnen wurden geändert, die Geschichten, Probleme und Lösungsfindungen entsprechen jedoch der Realität.

Frau Petra S. (47) glaubt, dass psychisch bei ihr etwas nicht stimmt, denn ihre Genitale empfinden kaum mehr etwas, wenn ihr Mann sie dort berührt.

Vorgeschichte

Sie kommen zu zweit in meine Praxis, denn auch er ist sehr verunsichert. Beide können sich nicht erklären, was denn los ist. Früher hätten sie regelmäßig Sex gehabt. Beide seien voll auf ihre Rechnung gekommen. Sie haben genau gewusst, wie sie einander gut sexuell stimulieren können. Er kennt all ihre erotischen Stellen. Sex war einfach ein normaler Bestandteil ihres Lebens, hat ihnen viel Nähe und schöne Stunden gebracht.

Abklärungsversuch

Sie sind schon bei zwei Gynäkologen gewesen. Diese haben aber nichts Auffälliges gefunden. Alles sei altersentsprechend. Man könne zwar sehen, dass sie langsam in den Wechsel komme. Das sei aber sicher keine Erklärung dafür, warum sie kaum mehr auf die Berührungen ihres Partners anspricht.

Problem

Frau S. bemerkt auch, dass ihr Mann viel länger zum Orgasmus braucht als früher. Manchmal artet das richtig in Arbeit aus. Er meint, dass es sicher daran liegt, dass seine Frau nicht mehr ganz bei der Sache ist. Diese Aussage setzt aber Petra S. noch mehr unter Druck. Sie hat das Gefühl, daran Schuld zu sein, dass ihr Mann Sex mit ihr als Anstrengung empfindet. Als der letzte Gynäkologe meinte, dass körperlich nichts zu finden sei und psychisch etwas falsch laufen müsse, beginnt Sex für beide belastend zu werden.

Sexualtherapeutische Erklärung

Frau S. kann beim besten Willen nichts finden, was diesen Zustand erklärt, denn alles passt. Sie haben zwei Kinder, die ihnen Freude bereiten. Sie sind alle gesund. Ihr Mann ist so nett wie immer und finanziell kann sie sich auch nicht beklagen.

Ich stoppe beide vorerst einmal, denn vor lauter Verzweiflung suchen sie Erklärungen, wo sie keine finden können. Das Thema, das sie so beschäftigt, ist sehr häufig - nur spricht niemand darüber. Frauen mit zwei oder mehreren Kindern, um den Wechsel herum, beklagen oft, dass ihre Genitale weniger spüren. Manche berichten, dass ihre Empfindungen „stumpf“ geworden sind. Sie fühlen den Penis in ihrer Scheide nicht mehr so intensiv wie früher. Manche beschreiben auch, dass es ihnen viel schwerer fällt, erregt zu werden und zum Orgasmus zu kommen. Gelegentlich beklagen auch ihre Partner, dass die Scheide nicht mehr so stark den Penis umschließt und sie dadurch weniger empfinden.

Medizinische Erklärung

So ist es auch wirklich. Hier wird ein ganz natürlicher Prozess beschrieben. Der Beckenboden von Frau und Mann wird mit dem Alter schwächer. Bei den Frauen wirkt es sich allerdings meist stärker aus, da sie Kinder gebären. Dadurch wird die Beckenbodenmuskulatur stärker belastet. Um den Wechsel kann sich die Situation noch zusätzlich verschlechtern. Etliche Frauen berichten, dass sie sich nicht mehr niesen oder husten trauen, ganz zu schweigen von tanzen und laufen. Da gingen immer einige Tropfen Urin ab.

Wenn der Beckenboden aber an Spannung verliert, wirkt sich das auch auf die Scheidenmuskulatur aus. Die Beckenbodenmuskulatur besteht aus einem kompliziert aufgebauten Muskelwerk, in dem eine Struktur die andere beeinflusst. Mit dem Abfall der Hormone werden die genitalen Schwellkörper der Frau weniger durchblutet. Frauen beschreiben, dass sie den Mann nicht mehr so intensiv fühlen und länger brauchen, um feucht zu werden. Die inneren und äußeren Genitallippen schwellen nicht mehr so stark an, sind weniger empfindlich, genauso wie die Klitoris.

Lösungsansätze

Beide sind vorerst beruhigt zu hören, dass es einen organischen Grund für dieses Problem gibt. Sie hätten einfach nicht gewusst, was sonst nicht passen könnte. Auch wenn beide erleichtert sind zu erfahren, dass es eine Lösung gibt, so müssen sie sich doch bewusst sein, dass es Geduld braucht, bis sich die körperliche Situation wieder bessert. Es braucht vor allem Disziplin von der Frau, denn sie muss ihre Beckenbodenmuskeln wieder stärken. Es kann auch sein, dass eventuell Hormone in Form von Zäpfchen oder Salben in die Scheide eingeführt werden müssen.

Ich überweise Frau S. in ein Beckenbodenzentrum, wo erst einmal die Ausgangssituation der Muskeln festgestellt wird. Anschließend wird ihr von ÄrztInnen beigebracht, diese optimal zu trainieren. Durch den Aufbau der Muskulatur bekommt die Frau wieder einen guten Kontakt zu ihren Genitalen. Sie wird sich sicherer fühlen, weil sie wieder „dicht“ ist und ihr Lustempfinden wird sich wieder steigern. Das Angenehme dabei ist, dass beide davon profitieren.

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