Lustlosigkeit bei der Frau

Vermindertes sexuelles Verlangen in einer Beziehung kommt häufiger vor, als die meisten denken. Die Ursachen dafür sind vielfältig, können sowohl körperlicher als auch psycho-sozialer Natur sein. Ebenso unterschiedlich sind auch die Lösungsansätze.

Definition

Die internationale Bezeichnung für diese Störung heißt Hypoactive Sexual Desire Disorder (HSDD) - wir bezeichnen sie als „vermindertes sexuelles Verlangen“. HSDD wird im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-IV) der US-amerikanischen Gesellschaft für Psychiatrie folgendermaßen definiert:

Vermindertes sexuelles Interesse oder Verlangen, fehlende sexuelle Gedanken oder Fantasien bzw. das verminderte Verlangen nach sexueller Aktivität.

Wenn Sie, etwa aufgrund einer momentanen Belastung, öfter mal keine Lust auf Sex mit Ihrem Partner haben, ist das noch keine Störung. Wenn Ihre Lustlosigkeit aber zum Dauerthema wird, wenn Sie gar keine Lust mehr auf Sex haben und Sie und/oder Ihr Partner/Ihre PartnerIn darunter leiden, wird es Zeit, sich dieses Thema genauer anzusehen.

Wie immer man es nennen mag, Lustlosigkeit über längere Zeit kann nicht nur Beziehungsprobleme verursachen, sie führt auch zu Problemen mit sich selbst.

Lustlosigkeit ist übrigens dann keine Störung, wenn Sie und/oder Ihr Partner/Ihre PartnerIn kein Problem damit haben.

Häufigkeit

Vermindertes sexuelles Verlangen in einer Beziehung ist viel häufiger, als Sie vielleicht denken. Sollten Sie glauben, Sie stünden mit diesem Problem alleine dar, so irren Sie.

Eine große amerikanische Studie, die im Jahr 2008 publiziert wurde, und an der 31.000 Frauen teilgenommen haben, ergab, dass ca 40 Prozent der Befragten gelegentlich oder häufig keine Lust auf Sex haben. Ca. 10 Prozent der in dieser Studie befragten Frauen gaben an, sehr unter ihrer Lustlosigkeit zu leiden.

(Shifren, JL et al. Sexual Problems and Distress in United States Women: Prevalence and Correlates. Obstet Gynecol 2008; 112(5))

Lustlosigkeit in einer Beziehung ist also sehr häufig!

Ursachen

Lustlosigkeit kann viele Ursachen haben. Körperliche Erkrankungen, aber auch eine ganze Reihe von psychischen und sozialen Ursachen können die Lust auf Sex ganz schnell zum Verschwinden bringen. Und so ganz von selbst kommt die Lust auf Sex auch nicht wieder zurück.

A) Körperliche Faktoren

Eine Reihe von körperlichen Erkrankungen kann direkt oder indirekt zu Lustlosigkeit führen.

• Chronische Erkrankungen und deren Behandlung o Chronische Schmerzen o Herzerkrankungen, wie etwa die koronare Herzkrankheit o chronisches Nierenversagen o Leberzirrhose o Diabetes (fraglich)

• Hormone o Androgenmangel (z. B. nach bilateraler Oophorektomie) o Hypothyreoidismus (Schilddrüsenunterfunktion) o Hyperprolaktinämie

• Suchterkrankungen wie Alkoholkrankheit oder Drogenabhängigkeit

• Psychiatrische Erkrankungen o Depressionen o Angststörungen

• Medikamente o Antidepressiva wie z.B: Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) o Antihormone o Antihypertensiva o Chemotherapie

B) Psycho-soziale Ursachen

Individualpsychologische Faktoren • Familiäres Klima • Schlechte Beziehungserfahrungen • Gewalt, Traumata

Beziehungsfaktoren • Sexualstörung beim Partner • Routine, Gewohnheit • chronische Konflikte

Soziokulturelle Faktoren • Armut/ niedriges Einkommen • Arbeitsbedingungen • religiöse/ kulturelle sexuelle Normen • Sexualmythen

Anmerkungen zu verschiedenen psycho-sozialen Konflikten

Konflikte in der Partnerschaft, ob unausgesprochen oder verschwiegen, belasten die Sexualität zusätzlich und können ebenfalls zu Lustlosigkeit führen. Wer seinen Partner/seine Partnerin nicht mehr begehrt, weil etwas zwischen den beiden steht, nimmt das sexuelle Verlangen quasi automatisch ab.

Da hilft nur, Konflikte zu thematisieren und miteinander zu reden, entweder alleine oder mit therapeutischer Hilfe.

Unausgesprochene Partner-Konflikte können eine wesentliche Ursache sexueller Lustlosigkeit bei Frauen sein.

Fragen Sie sich: • Was bedeutet mir meine Sexualität mit meinem Partner? • Ist es schön, wenn wir uns sexuell begegnen? • Gefällt mir vieles nicht, was mein Partner/meine PartnerIn mit mir macht? • Habe ich Schmerzen beim Geschlechtsverkehr? • Leidet mein Partner unter vorzeitigem Samenerguss - denn auch da ist unser Körper meistens schneller als unsere Psyche.

Ein Beispiel: Ihr Partner hat beim Sex immer einen vorzeitigen Samenerguss. Einfacher ausgedrückt: Wenn es bei Ihnen gerade losgeht, ist es bei ihm schon wieder vorbei. Um Dauerfrust vorzubeugen, stellt sich Ihr Organismus auf Lustlosigkeit um und verhindert so selbst immer wieder enttäuscht zu sein, weil das Liebesspiel schon zu Ende ist, bevor es für Ihren Körper richtig begonnen hat.

Sexualität ist knifflig - und sehr leicht zu stören, das zeigt sich etwa auch in sehr harmonischen Beziehungen.Die PartnerInnen lieben sich, verstehen sich gut, können auch miteinander reden - aber die Lust auf Sex ist irgendwann geschwunden.

In einem solchen Fall sollten die Alltagsbeziehungen hinterfragt werden:
• Wie gehen wir miteinander um? • Sind wir noch Liebende oder nur noch FreundInnen, „Brüderchen und Schwester“? • Nehme ich meine/n PartnerIn überhaupt noch als sexuelles Wesen wahr?

Auch hier hilft die intensive Auseinandersetzung der PartnerInnen miteinander. Sie sollten aber auch darüber nachdenken, welche Vorstellungen von Sexualität für Sie wichtig sind, und für Ihren Partner/Ihre Partnerin. Möglicherweise existieren auch innere Konflikte und Probleme, die noch niemals aufgearbeitet worden sind.

Wer einen Job, einen Partner und vielleicht auch noch Kinder hat, wer also mehrfach belastet ist, dem bleibt kaum Zeit sich um sich selbst zu kümmern. Das kann aber bereits der erste Auslöser für dauerhafte Lustlosigkeit sein. Wenn Sie sich fühlen wie der sprichwörtliche „Hamster im Laufrad“, haben Sie wahrscheinlich kaum noch Lust, sich abends ins schicke Negligé zu werfen, um Ihren Partner/ihre PartnerIn gekonnt zu verführen.

Stress ist einer der wichtigsten Auslöser für sexuelle Lustlosigkeit. Wer im Dauerstress ist, kann auf Dauer keine Lust auf Sex entwickeln, weil Körper und Geist permanent mit anderen Dingen beschäftigt sind.

Um unter diesen Umständen Sex zu haben, müssen Sie entweder gerade frisch verliebt sein - dann kann auch der heftigste Stress Ihrem Liebesleben wahrscheinlich kaum etwas antun - oder Sie müssen sich Freiräume schaffen. Zeit für sich und Zeit, die Sie bewusst gemeinsam mit Ihrem Partner/Ihrer Partnerin verbringen.

Unser Körper ist klug: Wer unter Dauerstress leidet und deshalb keine Lust auf Sex hat, reagiert ganz normal. Unser Körper merkt, dass alle Energien jetzt in andere Bereiche fließen müssen, etwa in den Job, die Versorgung der Familie oder die Pflege eines älteren Angehörigen. Und - so paradox es klingt - auch wenn wir uns in dieser Zeit Sex mit unserem Partner/unserer Partnerin wünschen würden, sagt unser Körper wahrscheinlich NEIN dazu - zu viel Energieverbrauch!

Wichtig ist allerdings: Lustlosigkeit verschwindet manchmal nicht von selber. Suchen Sie sich Hilfe!

Lösungsansätze

Wie Sie weiter oben nachlesen können, hat der Verlust der Libido eine ganze Reihe von Ursachen.

In Zeiten großer Belastungen, wenn etwa beruflich viel gefordert wird, Kinder auf die Welt kommen oder Erkrankungen auftreten, kann sexuelle Lustlosigkeit durchaus sinnvoll sein. Wenn die Zeit für Sexualität fehlt, kann mangelndes Verlangen sogar hilfreich sein.

Wenn Sie aber unter Ihrer sexuellen Lustlosigkeit leiden, dann sollten Sie beginnen, etwas dagegen zu tun. Der erste Schritt ist, sich die Ursachen für die Lustlosigkeit bewusst zu machen. Dazu können Sie sich folgende Fragen stellen:

Fragen:

  1. Seit wann habe ich keine Lust mehr auf Sex?
  2. Was passiert gerade in meinem Leben - im Job, in der Familie?
  3. Welche Dinge belasten mich gerade sehr?
  4. Wie ist das Verhältnis zu meinem Partner/meiner PartnerIn?
  5. Will ich überhaupt noch mit meinem Partner/meiner Partnerin intim sein?
  6. Leidet mein Partner/meine Partnerin an einer Sexualstörung?
  7. Wie verhält sich mein Partner/meine Partnerin bezüglich meiner Lustlosigkeit?
  8. War ich in jüngster Zeit besonderen Stresssituationen ausgesetzt?
  9. Gibt es etwas in meinem/unserem Sexualleben, das mir besonders missfällt/zu Schmerzen führt/mich belastet?
  10. Leide ich an einer chronischen Erkrankung?
  11. Ist in der jüngsten Zeit eine Erkrankung bei mir/bei meinem Partner aufgetreten?
  12. Welche Medikamente nehme ich regelmäßig ein?

Ärztliche Lösungsansätze

Wenn Sie für sich all diese Fragen beantwortet haben und Ihnen keine Lösungen zur Behebung des Problems einfallen, führt der nächste Schritt zu einem Arzt/einer Ärztin Ihres Vertrauens. Das kann Ihr Hausarzt/Ihre Hausärztin sein, aber auch ein Facharzt/eine Fachärztin für Gynäkologie, Urologie oder Innere Medizin. Wichtig ist: Der oder diejenige sollte ein offenes Ohr für sexuelle Probleme haben.

Es ist sinnvoll, bei jedem sexuellen Problem, eine körperliche Untersuchung und Labortests durchführen zu lassen. Denn auch (unerkannte) chronische Erkrankungen und die Einnahme bestimmter Medikamente können zu Lustlosigkeit führen.

Stellt sich bei der ärztlichen Untersuchung heraus, dass Ihr Problem körperlicher Natur ist, so besprechen Sie mit Ihrem Arzt/Ihrer Ärztin, wie Sie am besten mit diesem Problem so umgehen können, dass sich auch die Lust nach Sexualität wieder einstellt.

Anmerkung zu chronischen Erkrankungen:

Direkte Auswirkungen der chronischen Erkrankung, deren Therapie, Ihre Einstellung der chronischen Krankheit gegenüber aber auch die dadurch geänderte Lebenssituation können zu Lustlosigkeit führen.

Es gibt nur wenige wissenschaftliche Untersuchungen zu diesem Thema. Eine Studie, die den Zusammenhang zwischen Typ 2-Diabetes bei Frauen und Lustlosigkeit erforschte, wurde 1998 publiziert. In dieser Studie gaben 30 bis 50 Prozent der befragten Frauen an, gelegentlich oder häufig unter Lustlosigkeit zu leiden.
Ärztlicherseits aber auch von Seiten der betroffenen Patientinnen wird dies nur selten angesprochen. Sexuelle Probleme, die aufgrund von chronischen Erkrankungen auftreten, sind immer noch tabuisiert. Dabei sollten diese unbedingt mit bedacht werden, denn schon die Auseinandersetzung mit diesem Thema kann zu einer Verbesserung der Situation führen.

Anmerkung zu Antidepressiva:

  • Bei einer Depression ist der Gehirnstoffwechsel gestört. Es wird zu wenig Serotonin produziert und weitergeleitet. Serotonin ist für unser Gefühlsleben von enormer Bedeutung. Sehr vereinfacht gesagt: Ist zu wenig Serotonin vorhanden, kann es zu einer depressiven Verstimmung bis hin zur Depression kommen.
  • Ziel einer medikamentösen Therapie muss also sein, das alte Gleichgewicht wieder herzustellen, um überhaupt Lebenslust und dadurch auch wieder Lust auf Sexualität empfinden zu können.
  • Depressionen werden heute einerseits mit Psychotherapie und anderseits mit Medikamenten behandelt. Die Medikamente sorgen dafür, dass der Serotonin-Spiegel im Gehirn wieder ins Gleichgewicht gerät.
  • Fast alle Antidepressiva haben allerdings eine unangenehme Nebenwirkung: Sie schwächen das sexuelle Verlangen ab und können Orgasmusschwierigkeiten erzeugen. Je nach Präparat und Patientin kann diese Nebenwirkung mal stärker und mal schwächer sein.
  • Wenn Sie, aufgrund einer Depression, Antidepressiva einnehmen müssen, besprechen Sie dieses Thema unbedingt mit ihrem Arzt. Und sollten Sie eine solche Nebenwirkung bemerken, dann dürfen Sie Ihre Medikamente nicht eigenhändig absetzen - auch dies müssen Sie mit dem Arzt/der Ärztin Ihres Vertrauens besprechen. Diese werden gemeinsam mit Ihnen versuchen, ein anderes Medikament zu finden, das diese Nebenwirkung nicht oder in geringerem Ausmaß aufweist.

Psycho-soziale Lösungsansätze

WICHTIG!

Vergessen Sie nicht, nur wenn Sie unter der Lustlosigkeit leiden, kann von einer Störung gesprochen werden!

Manchmal weiß unser Körper besser als unsere Seele, dass Lustlosigkeit gar keine schlechte Sache ist, um Dauerfrust zu vermeiden.

Sie kann ein vorübergehender, aber auch ein dauernder Zustand sein - und sie kann belastend - oder eben gar nicht belastend sein. Nicht alles, was wie eine Störung klingt, ist auch eine solche.

Wenn Sie in einer Beziehung leben und Ihre Partnerin/Ihr Partner will ebenso wenig Sex wie Sie - und Sie sind damit glücklich, dann ist das okay.

Auch wenn die Medien uns ständig suggerieren wollen, dass wir am besten rund um die Uhr Sex haben sollten -jeder sollte Sexualität so leben, wie er oder sie das möchte.

Sexualtherapie

Liegt Ihre Lustlosigkeit nicht in einer körperlichen Ursache begründet, ist es sinnvoll, eine Sexualtherapeutin/einen Sexualtherapeuten aufzusuchen. Dies können Sie allein, aber auch gemeinsam mit Ihrem Partner/Ihrer Partnerin tun. Eine Sexualtherapie versucht, den Ursachen Ihrer Lustlosigkeit auf den Grund zu gehen, nimmt Ihnen eventuelle Schuldgefühle - „ich funktioniere nicht richtig!“ - und erarbeitet gemeinsam mit Ihnen und Ihrem Partner/Ihrer Partnerin Strategien, wie Sie Ihr Sexualleben wieder zu neuer Blüte führen können. Dazu brauchen Sie allerdings Geduld und Zeit! Sexuelle Unlust entsteht über lange Zeit - und Sie kann nicht in wenigen Stunden wieder behoben werden.

Sexual- oder Lebensberatung

Bei belastenden sozialen Problemen (familiäre, berufliche, partnerschaftliche…), bei starren religiösen oder kulturellen sexuellen Normen oder Rollenerwartungen oder bei unsicherem oder mangelndem Wissen über Sexualität usw. können Gespräche mit Sexual- oder LebensberaterInnen große Veränderungen bringen.

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