Meilenstein in der Sexualmedizin: Erste Gruppe schließt sexualmedizinische Grundausbildung ab

Meilenstein in der Sexualmedizin: Erste Gruppe schließt sexualmedizinische Grundausbildung ab

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Die Energie und die Aufbruchstimmung in der MedizinerInnengruppe, die im Mai 2010 ihre sexualmedizinische Grundausbildung abschloss, war förmlich greifbar. Die Euphorie und der Stolz, dieser hierzulande allerersten Generation anzugehören waren groß. Zwar hielt schon 1974 das Fortbildungsreferat der WHO ein Welttreffen ab, das die Notwendigkeit betonte, die Sexualmedizin zu einem Teil der MedizinerInnenausbildung zu machen. Passiert ist allerdings 35 Jahre lang nichts - nicht in Österreich und nicht in den meisten anderen Ländern. Nun aber gibt es sie, die neue Generation von ÄrztInnen, die ein breit gefächertes sexualmedizinisches Basiswissen erlangt hat und dieses nun an ihre PatintInnen weitergeben kann.

Was hat Chirurgie mit Sexualmedizin zu tun?

Ein Exot darunter ist Dr. Gerald Sighardt, der einzige Chirurg in der Gruppe. Die Frage, die sich unweigerlich auftut, nämlich, was ein Chirurg mit Sexualmedizin zu tun hat, macht deutlich, wie breit das Spektrum ist, wie wichtig die Sexualmedizin auch in Bereichen, in denen man sie nicht auf den ersten Blick vermutet. „Bisher hat sich niemand damit auseinandergesetzt, was bei einem Patienten oder einer Patientin nach einer Operation im kleinen Becken mit dem Sexualleben passiert“, erklärt er. Bei schweren Erkrankungen, wie bei Krebs, existieren nun einmal vordergründigere Sorgen wie die Auswirkungen auf das Sexualleben. Nichtsdestotrotz spielen sie eine wesentliche Rolle - vor allem bei jüngeren Leuten. „Ich habe zwei junge Patienten mit 31 und 33 Jahren mit einem Rektumkarzinom operiert. Wie bei Prostataoperationen häufig, wird dadurch die Erektionsfunktion oft völlig gestört, manchmal auch dauerhaft. Ich habe nun aber damit begonnen, nervenschonend zu operieren, um die Sexualität zu erhalten.“ Hinter diesen einfachen Worten verbirgt sich ein medizinischer Meilenstein, der unschätzbare Auswirkungen auf die Lebensqualität der Betroffenen hat.

Sexualität für alle

Ein landesweites Netzwerk wurde im Kurs gespannt, eine Fachrichtung mit der anderen verknüpft. Dr. Doris Linsberger, Gynäkologin und Mitstreiterin der ersten Stunde, spricht vielen aus der Seele, wenn sie betont, wie wichtig es für sie war, im Kurs von diesem übergreifenden Fachwissen profitieren zu können: „Ich habe den Fokus von Frauen auf Menschen, auf Männer und Frauen, legen können!“

Netzwerke knüpfen

„Im Rahmen der Ausbildung haben wir versucht, in jedem Bundesland ein Netzwerk zu knüpfen. Jedes Gruppenmitglied hat Kontakte aus unterschiedlichen medizinischen oder psychosozialen Bereichen bekannt gegeben, mit denen es gute Erfahrungen gemacht hat und diese wurden ausgetauscht“, erzählt Dr. Martina Ballon, Gynäkologin aus Graz. „Wir waren 35 Leute, eine fachlich und von den Persönlichkeiten her recht inhomogene Gruppe. Aber alle waren so motiviert und wir sind alle in die gleiche Richtung gegangen. Man hat gesehen, wie breit das Thema der Sexualmedizin ist, wie sehr es den einzelnen beschäftigt und wie froh jeder ist, endlich jemanden zu haben, mit dem man sich austauschen kann!“

Lust auf!

„Wenn ich mir unsere Gruppe anschaue, wie hoch motiviert sie ist, und Dr. Elia Bragagna, die so engagiert ist, dann denke ich, dass diese Kurse sehr gut weiterlaufen werden“, so Ballon weiter. „Sexuelle Probleme aller Abstufungen sind einfach da! Gibt es aber viele sexualmedizinisch ausgebildete ÄrztInnen, wird langsam über die Jahre hinweg eine gewisse Normalität des Themas entstehen und Probleme können dadurch besser behandelt werden. Es ist eine spannende Zeit, die hier auf uns zukommt, sowohl als Arzt oder Ärztin als auch als PatientIn!“ In diesem Sinne: Lust auf!