In Würde aufhören dürfen

In Würde aufhören dürfen

Die Sexualmedizinerin Dr. Elia Bragagna berichtet in der „Sprechstunde“ von Fällen aus ihrer täglichen Praxis. Alle persönlichen Angaben der Patienten und Patientinnen wurden geändert, die Geschichten, Probleme und Lösungsfindungen entsprechen jedoch der Realität.

Rainer T. (84) fühlt sich mit seinem Entschluss nicht ganz wohl und will darüber mit mir noch einmal reden, um sich sicherer zu werden. Er hat beschlossen, keine Potenzmedikamente mehr zu nehmen. Er will akzeptieren, dass er keine Erektionen mehr bekommen kann und sich auf eine andere Sinnlichkeit umstellen.

Vorgeschichte

Ich kenne Herrn T. schon ca. zehn Jahre lang. Er kam zum ersten Mal zu mir, weil er gehört hatte, dass man auch im höheren Alter mit Hilfe von Medikamenten wieder mit seiner Partnerin schlafen kann. Er hatte gerade eine Frau kennen gelernt, die 15 Jahre jünger war und daher war es ihm wichtig, als „ganzer Mann“ von ihr gesehen zu werden. Er litt schon seit einigen Jahren unter einer Erektionsstörung, hatte aber nie etwas dagegen unternommen, weil er keine Partnerin hatte.

Medizinische Vorgeschichte

Es war gar nicht so leicht, ihm seinen Wunsch zu erfüllen. Auf Grund seines Alters hatte er natürlicherweise schon einen erniedrigten Testosteronspiegel. Zusätzlich hatte er schon lange keine volle Erektion mehr gehabt und sich auch nicht selbst befriedigt. Das bedeutete, dass seine Penismuskeln schon lange nicht mehr „trainiert“ wurden. Wie bei jeder Muskelpartie, die nicht trainiert wird, ist viel Geduld für ihren neuerlichen Aufbau nötig. Er bekam, nachdem für den Urologen nichts dagegen sprach, ein Testosterongel verschrieben, das er sich jeden Morgen auf dem Bauch verteilte. Zusätzlich nahm er zwei bis drei Mal die Woche ein Potenzmedikament, mit dessen Hilfe er versuchte, durch Selbstbefriedigung wieder eine gute Erektion zu bekommen. Nach einiger Zeit war der Patient mit dem Ergebnis zufrieden und er traute sich, mit seiner Partnerin zu schlafen. Es baute ihn sehr auf, einer Frau, die er liebte, auch körperlich sehr nahe sein zu können.

Problem

Nach einigen Jahren besuchte er mich wieder, weil er merkte, dass sein Penis trotz der Medikamente nicht mehr ganz fest oder nach kürzester Zeit wieder klein wurde. Wir stiegen auf eine tägliche Einnahme des Medikamentes um und so schaffte er es erneut, ein zufriedenstellendes Ergebnis zu bekommen. Bei den Gesprächen, die wir bei der Therapieeinstellung führten, besprachen wir oft, was sein würde, wenn wir einmal an den Grenzen der Hilfsmöglichkeiten angekommen sein werden. Dabei hatte ich den Eindruck, dass er sich damit abfinden könnte, wenn er wüsste, dass seine Partnerin nicht darunter leiden würde. Leider traute er sich einfach nicht, mit ihr darüber zu reden, weil er den Eindruck hatte, dass es ihr peinlich wäre darüber zu reden. „Wissen Sie, unsere Generation spricht nicht darüber“, sagte er mir immer.

Jetzt mit 84 sitzt er da und erzählt, dass nichts mehr hilft. Seine Partnerin sei sehr einfühlsam und scheine überhaupt nicht unter der Situation zu leiden. Er befragt mich noch einmal genau über all die Hilfsmöglichkeiten, die es geben würde. Ich erkläre ihm, dass es noch die Erektionsspritze gäbe oder moderne Vakuumpumpen. Er schaut mich an und fragt mich, ob es eigenartig klingt, wenn er es einfach dabei belassen und akzeptieren würde, dass er in seinem Alter nicht mehr „kann“. Er würde nur gerne wissen, ob er seiner Lebensgefährtin glauben kann, dass sie seine Umarmungen, Zärtlichkeiten und die Sinnlichkeit auch ohne Geschlechtsverkehr sehr genießt. Er kann es einfach nicht glauben, denn er liest doch täglich in den Zeitungen, dass alle Menschen bis ins hohe Alter Sex haben wollen und dass das für die Gesundheit so wichtig sei. Ja, es verhindere sogar Krebs.

Lösungsansatz

Ich zeige ihm die neusten Studien, die aufzeigen, dass beides wahr ist. Es gibt Menschen, die wirklich so wie er bis jetzt Sexualität bis ins hohe Alter leben. Andere wiederum leben auch eine körperliche Nähe, aber das bedeutet nicht, dass sie Geschlechtsverkehr haben. Für einen großen Teil von ihnen ist es, wie für seine Partnerin, wichtig Haut an Haut zu liegen, einander zu lieben und zu genießen und sie sind vollkommen zufrieden und glücklich. Er braucht auch keine Angst zu haben, krank zu werden oder Krebs zu bekommen, wenn er beschließt, keinen Geschlechtsverkehr mehr zu haben. Schädlich ist nur der Druck, den wir uns machen, Normen von anderen erfüllen zu müssen, die gar nicht zu uns passen. Jeder hat andere Bedürfnisse und an diese sollten wir uns halten, dann bleiben unser Körper und unsere Psyche ausgeglichen und gesund.

Erleichtert verabschiedet sich Herr T. und bemerkt schmunzelnd, dass er ja wieder zu mir kommen könne, falls die Beziehung unter seinem Entschluss leidet.

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