Modelle weiblicher Sexualität

Modelle weiblicher Sexualität

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Grundsätzlich lassen sich hinsichtlich der Sexualität drei Aspekte unterscheiden (vgl. Beier et al. 2001):

  • Der narzisstische Aspekt, d.h. die intrapsychische Funktion (innerhalb der Psyche ablaufend) und die Bedeutung von Sexualität für die Selbstbestätigung und Selbstregulation sowie für die Identität als Mann oder Frau.
  • Der Beziehungsaspekt, d.h. Sexualität in ihrer interpersonalen Orientierung. Sexuelles Erleben ist (auch in der Phantasie) fast immer auf den Anderen gerichtet, und in der Auseinandersetzung mit frühen und späteren Bezugspersonen bilden sich unser inneres „erotisches Drehbuch“ bzw. unsere „Matrix sexueller Präferenzen“ heraus.
  • Der Reproduktionsaspekt, der in Zeiten zuverlässiger Verhütungsmittel eher vernachlässigt wurde, tatsächlich aber nicht nur in direktem Zusammenhang mit einem unerfüllten Kinderwunsch eine wichtige Rolle spielt.

Die Modellbildung im Bereich weiblicher Sexualität und ihrer Störungen wurde über Jahrzehnte dominiert vom berühmten Schema des sexuellen Reaktionszyklus nach Masters & Johnson, das von einer linearen, für beide Geschlechter sehr ähnlichen Abfolge von Erregung, Plateauphase, Orgasmus und Rückbildungsphase ausging.
Die Sexualtherapeutin Helen Singer Kaplan ergänzte dieses Modell später um eine Phase des sexuellen Verlangens, die dem sexuellen Reaktionszyklus vorangestellt wurde. Die einzelnen Störungstypen wurden diesen verschiedenen Phasen zugeordnet. Erst in den 1990er Jahren regte sich deutlicherer Protest gegen dieses Modell, der sich insbesondere auf dessen Angemessenheit für die weibliche Sexualität bezog.

Basson-Modell

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Wenngleich bis heute kaum durch empirische Daten gestützt, hat sich in den letzten Jahren das von Rosemary Basson entwickelte Konzept der weiblichen Sexualität durchgesetzt (s. Abb.).

Dieses zirkuläre Modell bezieht sich vor allem auf die Regulation der Sexualität in längerfristigen Partnerschaften und geht davon aus, dass die sexuelle Motivation der Frau weniger von einem intrinsischen „Sexualtrieb“ gespeist wird, sondern eher von dem Bedürfnis nach (emotionaler und körperlicher) Intimität. Die Bereitschaft zu sexueller Aktivität und die sexuellen Reaktionen sind somit sowohl „Mittel zum Zweck“ als auch in sich selbst angenehm und befriedigend.

Das Basson-Modell berücksichtigt, dass Frauen durchschnittlich seltener als Männer an Sexualität denken und in ihrer sexuellen Motivation weniger aktiv und initiativ, sondern nach Basson eher rezeptiv (aufnehmend) sind. Anders als in dem traditionellen sequenziellen Konzept, in dem das sexuelle Verlangen am Anfang steht und in gewisser Weise Voraussetzung für alles Weitere ist, kann das Verlangen nach diesem Modell auch im Verlauf eines sexuellen Kontakts, gleichzeitig mit oder nach der sexuellen Erregung entstehen - wie sich Lust und Erregung in diesem Modell ohnehin gegenseitig bedingen, parallel ausbilden und gleichsam gegenseitig „hochschaukeln“ können.

Gelingt dieser Prozess und führt er für die Frau zu sexueller Befriedigung und Intimität und Nähe, entsteht eine Positivkaskade, die mittels verstärkter „Gewinnerwartung“ die sexuelle Motivation erhöht.

Durch die zentrale Stellung der Intimität kann das Basson-Modell auch die stärkere Abhängigkeit der weiblichen Sexualität von psychosozialen, vor allem partnerschaftlichen Rahmenbedingungen erklären. Insgesamt ist das Basson-Modell eine wichtige Weiterentwicklung, das jedoch besserer empirischer Evidenz bedarf und wohl kaum für alle Frauen unter allen situativen Bedingungen Gültigkeit hat.

Bio-psycho-soziale Modelle der Sexualität

Empirisch besser abgesichert und für beide Geschlechter gültig sind bio-psycho-soziale Modelle der Sexualität. Sie berücksichtigen die Komplexität biologischer Faktoren ebenso wie die Vielfältigkeit auf Seiten psychosozialer Variablen und deren jeweilige Wechselwirkungen, ohne bestimmte Kausalbeziehungen oder Phasenabläufe zu fordern.

Ein solches bio-psycho-soziales Modell bildet auch gut die Praxiswirklichkeit ab, in der der Arzt/die Ärztin in jedem Einzelfall vor die Aufgabe gestellt ist, das individuelle Zusammenwirken bestimmter somatischer und psychosozialer Faktoren zu identifizieren.

Weiterführende Artikel

Dieser Artikel ist Teil einer Serie über weibliche Sexualstörungen. Lesen Sie dazu auch die Artikel:

Arzt-Patientinnen-Gespräch sexuelle Funktionsstörungen der Frau Orgasmusstörungen Therapie von Orgasmusstörungen sexuelles Interesse Störungen im sexuellen Verlangen