Modelle weiblicher Sexualstörungen

Modelle weiblicher Sexualstörungen

Während früher aus Mangel an anderen Erklärungsmodellen nur psychische Ursachen für Sexualprobleme herhalten mussten, begann mit der Pionierarbeit von Masters und Johnson in den 1960er-Jahren die Einführung der organisch zentrierten Erklärungsmodelle.

Modell nach Masters und Johnson

Sie beschrieben auf Basis von Laborbeobachtungen die körperlichen Vorgänge der sexuellen Reaktionen von Frauen und Männern während und nach dem Geschlechtsverkehr. Die Arbeit von Masters und Johnson half den Frauen insofern maßgeblich, als sie aufzeigen konnte, dass

  • Frauen anders reagieren als Männer und
  • dass Frauen untereinander verschieden sind.

Jede hat eine eigene Form der Erregungsund Plateauphase und kann Orgasmen in verschiedenster Art und Weise erleben. Viele Frauen, die früher glaubten, Erregungsprobleme zu haben, bzw. sich für »frigide« hielten, fühlten sich durch dieses Erklärungsmodell entlastet.

Die Pioniere auf dem Gebiet der Sexualmedizin versorgten Frauen und Männer mit Wissen über die Wichtigkeit der genitalen Strukturen für den Erregungsaufbau.

Modell nach Helen Singer-Kaplan

Die Sexualforscherin Helen Singer-Kaplan ergänzte dieses Modell um die Phase des sexuellen Verlangens zu Beginn des Reaktionszyklus. Ihr Modell war damals besonders, denn sie ergänzte das vorherige, das sich an sichtbaren äußeren Veränderungen orientierte, um einen objektiv nicht messbaren Zustand. In der Zwischenzeit kann man schon während der sexuellen Phasen Aktivitäten in verschiedenen Regionen des Gehirns nachweisen.

Einteilung der Sexualstörungen

Die Einteilung der Sexualstörungen richtet sich nach diesen Modellen bzw. danach, ob die beschriebenen Reaktionen in einer der Phasen nicht erfolgen können. Verspürt eine Frau also kein spontanes sexuelles Begehren, ließe sich nach Singer-Kaplans Modell sagen, dass sie ein sexuelles Problem hat, ebenso wenn sie die Vorgaben des Erregungsaufbaus nicht erfüllt oder den Orgasmus nicht erreicht.

Für viele Frauen sagt dies aber nichts über ihre Zufriedenheit mit der gelebten Sexualität aus. Sie können sich vollkommen befriedigt fühlen, obwohl sie keine spontane Lust zur Sexualität getrieben hat oder wenn sie keinen Orgasmus erlebt haben. Es ist jedoch so, dass diese nicht vorhandene spontane Lust oder eventuelle Orgasmusprobleme die jeweiligen Partner sehr belasten können, wodurch es im Endeffekt doch zu einem Problem für die Frauen wird.

Es ist also an der Zeit, ein neues Modell für die weibliche Sexualität zu entwickeln, denn die alten Erklärungen sind unter Sexualforschern längst umstritten.

Zeit für ein neues Modell

Die weibliche Sexualreaktion läuft nicht genormt in aufeinanderfolgenden Phasen ab. Es zeigt sich außerdem, dass das spontane sexuelle Verlangen auch bei »sexuell gesunden« Frauen nicht die Regel ist und bei manchen sogar gänzlich fehlt.

  • Am ehesten trifft das bisherige Erklärungsmodell auf Frauen in der Anfangsphase einer Beziehung oder mit selteneren Sexualkontakten zu.
  • Manche Frauen berichten von spontanem sexuellem Begehren um die Mitte des Menstruationszyklus (d. h. eventuell hormonabhängig).
  • Andere Frauen wiederum berichten über diese Form des Verlangens nur, wenn sie Gelegenheitssex mit minimaler Intimität haben.

Die kanadische Sexualforscherin Rosemary Basson entwickelte eine interessante These über die Beweggründe, warum Frauen sexuelle Nähe suchen und wie leicht diese einen Einstieg in die Sexualität ermöglichen. Ihr Modell soll hier an einem Beispiel erklärt werden.

Beispiel

Ein Paar kommt zu mir in die Praxis, weil die Frau »lustlos ist«. Beide sind recht verzweifelt, weil all ihre Anstrengungen nichts an dem Zustand ändern. Sie versucht, alle Tipps und Anregungen ihres Partners zu befolgen, doch jede Bemühung verschlimmert ihre Situation.

Er bringt »heiße Pornos« mit nach Hause, Sextoys, SM-Accessoires usw., kauft ihr Reizwäsche, bringt unbekannte Männer als »Aufputschmittel« mit. Er ist verzweifelt, dass sie nicht einmal durch all diese »geilen« Anregungen aus ihrer Lustlosigkeit zu holen ist, und sie verzweifelt mit ihm.

Als ich nachfrage, was denn sie anregend finden würde, sprudelt es nur so aus ihr heraus.

  • Ihr würde gefallen, wenn ihr Mann sie einfach mal wieder in den Arm nähme,
  • wenn sie nur seine Haut, seine Nähe spüren könnte.
  • Wenn sie sich Zeit füreinander nähmen, zärtlich sein könnten,
  • einander erzählten, was gut an der Beziehung ist, dass er froh ist, sie als Partnerin zu haben.

So sei es zu Beginn gewesen. Sie hätten sich Zeit genommen, um sich gefühlsmäßig aufeinander einzustimmen. Sie würde gerne wieder einmal das Gefühl haben, dass sie eine Freude für ihn ist und nicht nur Enttäuschung.

Sie würde gerne hören, dass sie begehrenswert ist, und zwar nicht erst dann, wenn sie erotisch hergerichtet ist. Sie hat das Gefühl, sich ganz verschließen zu müssen, weil sie ständig Angst hat vor neuen Vorgaben, die für sie alles andere als erotisch sind.

Für ihren Mann sind diese Aussagen seiner Frau verblüffend, denn er kann sich nicht vorstellen, dass sich aus solchen »harmlosen« Begegnungen Erotik entwickeln kann.

Alternatives Modell des weiblichen Reaktionszyklus nach Rosemary Basson

Diese Frau hat also das Bedürfnis, ihrem Partner emotional nahe zu sein, und erst dadurch wird ihr Körper bereit für sexuelle Reize. Im Erklärungsmodell von Rosemary Basson wird die Bedeutung von emotionaler Intimität, partnerschaftlicher Zufriedenheit und passender sexueller Reize für die weibliche Sexualreaktion mitbedacht.

Frauen haben immer das Potenzial, sexuelles Verlangen zu entwickeln. Ihr Körper begibt sich in längeren monogamen Beziehungen in einen Zustand, den wir »sexuelle Neutralität« nennen.

  • Sie sind weder gegen noch für Sexualität.
  • Wenn sie sich auf Sexualität einlassen, genießen sie sie, erleben sie als befriedigend und empfinden emotionale Nähe zu ihrem Partner.
  • Bevor sie sich aber auf eine sexuelle Begegnung einlassen, brauchen sie ein Einschwingen aufeinander.

Dieses Einschwingen ist das, was wir beim Verliebtsein ausleben. Unentwegt denken wir aneinander, schauen, wie wir Freude bereiten können, sagen aufbauende und liebevolle Dinge und haben viel Augen- und Körperkontakt.

Weiblicher Reaktionszyklus nach Rosemary Basson

Zu Beginn befindet sich die Frau im Zustand der sexuellen Neutralität. Ist sie sexuellen Signalen gegenüber offen, kann sich bei entsprechender Stimulation aus der sexuellen Neutralität Erregung entwickeln und der Wunsch nach mehr.

Wenn beide Partner es schaffen, in gutem Kontakt zu bleiben, und die sexuelle Begegnung befriedigend verläuft, führt das zu einer Verstärkung des Gefühls emotionaler Nähe.

In diesem Modell geht die Erregung dem sexuellen Verlangen voraus. Viele Frauen berichten, dass sie nach einer befriedigenden sexuellen Begegnung schon beim Gedanken an den Partner innerlich erregt werden und erneut Lust bekommen. Auch hier geht wieder die Erregung dem Verlangen voraus.

Spontanes sexuelles Verlangen kann wie ein Verstärker wirken, indem es das Bedürfnis nach weiteren sexuellen Kontakten fördert, dadurch die Erregung erhöht und auch wieder zu einem weiteren, befriedigenden Sexualakt beiträgt, der die emotionale Nähe fördert.

Dieses Modell zeigt auch, wie wichtig es ist, sich nicht immer schützen zu müssen, sondern loslassen zu können. Erst dadurch kann sich die Frau den äußeren Stimuli hingeben und sich ins innere Erleben fallen lassen.

Wenn in einer Beziehung viele Verletzungen oder Enttäuschungen passieren, wird die Frau für sexuelle Reize nicht so offen sein. Dasselbe gilt auch für körperliche Schmerzen, die eine Frau beim Geschlechtsverkehr erlebt.

Gründe, sexuelle Nähe zu suchen

Oft erlebe ich Paare, die sich wundern, dass auf der sexuellen Ebene nichts mehr zwischen ihnen entsteht. Ihnen selbst fällt nicht auf, wie weit sie sich emotional voneinander entfernt haben. Viele sind sogar durch die vielen alten Verletzungen voneinander abgewandt und wundern sich dennoch, dass sexuell zwischen ihnen nichts passiert.

Andere erzählen mir wiederum, dass sie sich »eh viel Zeit für das Vorspiel« lassen und meinen damit meistens den direkten Griff zum Schritt und zur Klitoris. Vorher fand kein emotionaler oder gedanklicher Austausch statt, aber auch kein Austausch von Blicken oder Berührungen, somit auch kein sinnlicher Übergang zu einer sexuellen Begegnung.

Frauen sprechen von sehr viel mehr Gründen, Lust auf Sexualität zu bekommen, als nur durch den sogenannten Sexualtrieb.

Gründe, sexuelle Nähe zu suchen:

  • Sexualität als Form, einander mit allen Sinnen emotional nahe zu fühlen
  • ein nonverbaler Weg, Zuneigung und Liebe zu zeigen
  • zeigen, dass ein Streit vorbei ist
  • zeigen, dass man sich vom anderen angezogen fühlt oder ihn begehrt
  • Vertrauen und Offenheit zeigen
  • die Bereitschaft, sich verletzlich zu zeigen
  • intensive körperliche Erfahrungen teilen
  • Wunsch nach Bindung
  • Kinderwunsch
  • Streben nach Geld, Macht, Anerkennung

Weiterführender Artikel

Welche weiblichen Sexualstörungen gibt es?

Quellenangabe

Dieser Text ist, mit freundlicher Genehmigung des Verlages, dem Buch Weiblich, sinnlich, lustvoll von Dr. Elia Bragagna, 2010 erschienen im Ueberreuter Verlag, entnommen.