Nächtliche Harnflut und die Probleme mit der Sexualität

In Österreich nässen ca.120.000 Erwachsene und ca.60.000 Kinder in der Nacht ein.
Die Auswirkungen auf die Gesundheit, das Sozial- und Sexualleben sind verheerend. Zum Glück gibt es sehr effektive Hilfe.

Definition

Der Überbegriff für die Symptomatik des nächtlichen Einnässen als auch des nächtlichen Harndrangs, bei dem die/der Betroffene aufwacht, um die Toilette aufzusuchen - heißt „nächtliche Harnflut“ - der medizinische Fachausdruck dafür lautet nächtliche Polyurie.

Unter diesem Begriff verbirgt sich aber noch ein drittes - wenn auch vergleichsweise seltenes - Krankheitsbild: Diabetes insipidus, bei dem es aufgrund eines Fehlens der Produktion des antidiuretischen Hormons (ADH) zu einer fast unkontrollierten Produktion von Urin von bis zu 20 Litern pro Tag kommen würde.

Von nächtlicher Harnflut spricht man, wenn die Harnausscheidung in der Nacht mehr als ein Drittel der 24-Stunden-Harnmenge beträgt.

Häufigkeit

  • Bettnässen (Enuresis): In Österreich nässen ca.120.000 Erwachsene und ca.60.000 Kinder in der Nacht ein.
  • Nächtlicher Harndrang (Nykturie): Schätzungen zufolge leiden 290.000 Männer und 540.000 Frauen jeden Alters in Österreich unter nächtlichem Harndrang. Aus Scham suchen die Betroffenen nur selten den Arzt/die Ärztin auf.

System der Urinproduktion

Um zu verstehen, wie es zu den oben beschriebenen Vorgängen kommen kann, sollte man das System der Urinproduktion verstehen.

Trinkt man ein Glas Wasser, so gelangt dieses Wasser zunächst in den Magen. Hier erfolgt die erste Aufspaltung von Nahrung und Getränken. Der Mageninhalt wandert weiter in den Darmtrakt, wo Blutgefäße die Flüssigkeit aufnehmen. Das Blut liefert allen Zellen des Körpers Sauerstoff und Nährstoffe und transportiert Abfallstoffe aus den Zellen ab.

Der Großteil des Wassers wird dann an die Nieren weitergeleitet. Sie filtern das Blut und führen dem Körper die Flüssigkeiten und Substanzen wieder zu, die er für seine Funktionen benötigt. Überschüssige Flüssigkeit und Substanzen, die der Körper nicht braucht, werden mit dem Urin ausgeschieden. In 24 Stunden filtern die Nieren ca. 1500 Liter Blut und produzieren dadurch ein bis zwei Liter Urin.

Von den Nieren wird der Urin über die Harnleiter (Ureter) in die Blase transportiert. In der Blase wird der Urin gesammelt und gespeichert. Man spürt das Bedürfnis die Blase zu entleeren, wenn die Blase einen Impuls an das Gehirn sendet, dass sie bald geleert werden sollte.

Beim Wasserlassen steuert das Gehirn die Kontraktion des Blasenmuskels und veranlasst den Schließmuskel (Sphinkter) dazu, sich zu entspannen. So kann der Urin durch die Harnröhre abfließen. In der Regel entleeren wir etwa fünf bis sieben Mal am Tag die Blase, gelegentlich erfolgt auch eine Entleerung in der Nacht.

Bei einem gesunden Menschen produzieren die Nieren tagsüber mehr Urin als nachts, was eine wesentliche Rolle für eine ungestörte Nachtruhe spielt. Ermöglicht wird das durch das Hormon antidiuretisches Hormon (ADH).

Ursachen

In vielen Fällen liegt es an einem bestimmten Hormon, wenn es zu Störungen der Urinproduktion kommt. Dieses Hormon wird als antidiuretisches Hormon (ADH) bezeichnet.

Antidiuretisch heißt „gegen die Harnausscheidung wirksam“ und bedeutet nichts anderes, als ein „Zurückfahren“ der Urinproduktion in der Nacht. ADH steuert den Wasserhaushalt im Körper und spielt eine zentrale Rolle in der Harnproduktion. Produziert wird ADH vom Hypothalamus, einer Region im Zwischenhirn.

Bei Menschen, die unter starkem nächtlichem Harndrang oder sogar an Bettnässen (Enuresis) leiden, kann die Produktion dieses Hormons vermindert oder der Tag/Nacht-Rhythmus der Produktion des antidiuretischen Hormons gestört sein.

Wer regelmäßig mehr als einmal in der Nacht aufstehen muss, um die Toilette aufzusuchen, sollte einen Arztbesuch erwägen - denn Nykturie ist keine unaufhaltsame Alterserscheinung, sondern kann in vielen Fällen erfolgreich behandelt werden. Dazu ist allerdings eine umfassende Untersuchung notwendig, denn neben einem gestörten ADH-Haushalt können noch viele andere Ursachen zu nächtlichem Harndrang führen.

Dazu zählen etwa (auszugsweise):

  • reichliches Trinken am Abend
  • die abendliche Einnahme von diuresefördernden Medikamenten
  • ein schlecht eingestellter Diabetes mellitus
  • gar nicht so selten auch eine obstruktive Schlafapnoe
  • gutartige Prostatavergrößerung
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wie ein schwaches Herz oder eine leistungseingeschränkte Niere
  • überaktive Blase
  • Aber auch bestimmte Medikamente können nächtlichen Harndrang verursachen. Zu diesen Medikamenten gehören natürlich alle entwässernden Medikamente, die sogenannten Diuretika.

Diagnose

Ein Miktionsprotokoll oder Blasentagebuch hat sich in der Diagnose von nächtlichem Harndrang aber auch der Enuresis (Bettnässen) als sinnvolles Instrument erwiesen.
Dabei wird über einen Zeitraum von mindestens 48 Stunden genau aufgezeichnet, wie viel getrunken und wie häufig die Toilette aufgesucht wird. Auch die Menge des entleerten Urins wird aufgezeichnet. Damit kann der Arzt/die Ärztin eine aufschlussreiche Flüssigkeitsbilanz aufstellen, die das weitere therapeutische Vorgehen erleichtert.

Lesen Sie dazu auch den Artikel: Harnmenge-Tagebuch

Blasentagebuch

Nächtliche Harnflut und die Probleme mit der Sexualität: Blasentagebuch

Aus dem Blasentagebuch lassen sich drei Ursachengruppen der Nykturie (nächtlicher Harndrang) ableiten:

  • Harnausscheidung über 2,8 Liter innerhalb von 24 Stunden bedeutet Polyurie (Harnflut).
  • Wird über ein Drittel der 24-Stunden-Harnmenge in der Nacht produziert, so spricht man von einer nächtlichen Polyurie.
  • Häufige Entleerungen kleiner Harnmengen nachts (Miktionsvolumen unter 200 ml) sprechen für eine verminderte Blasenkapazität bzw. für eine hyperaktive Blase.

Hier finden Sie Blasentagebücher (Miktionsprotokolle) für Erwachsene und Kinder zum Download (mit Dank an Clubmondkind.at):

Wichtig! Davon zu unterscheiden sind nächtliche Toilettengänge bei Schlafstörungen anderer Ursache, wobei die PatientInnen “zum Zeitvertreib” die Toilette aufsuchen. Entsprechend der gegebenen Definition handelt es sich dabei jedoch nicht um eine Nykturie.

Therapie

Gegen die nächtliche Harnflut lässt sich in sehr vielen Fällen etwas machen, allerdings suchen nur wenige Betroffene ihren Arzt/ihre Ärztin auf - und nur etwa 15 Prozent der Betroffenen erhalten eine adäquate Behandlung.

  • Alle oben genannten Faktoren abklären
  • Behandlung einer möglichen Grunderkrankung
  • Vorsichtige Einschränkung der abendlichen Trinkmenge
  • Wenn trotzdem keine Besserung der Symptomatik folgt, kann von einer gestörten ADH-Produktion ausgegangen werden.

Therapie des ADH Mangels

Kann von einem ADH-Mangel ausgegangen werden, so ist die medikamentöse Gabe des Hormons in Form von Desmopressin (ein Abkömmling des im Körper produzierten ADH) eine starke Verbesserung der Beschwerden bewirken.

Studien zufolge reduziert sich damit die nächtliche Harnausscheidung um rund 30 Prozent, was den nächtlichen Harndrang auf weniger als zwei nächtliche Toilettengänge reduziert und die Dauer der ersten Schlafphase um durchschnittlich zwei Stunden erhöht.

Erwachsene Bettnässer: Auch bei Menschen, die als Erwachsene von Bettnässen (Enuresis) betroffen sind, kann eine Desmopressin-Gabe - eventuell kombiniert mit einer Verhaltenstherapie - wirksam sein.

Folgen für die Sexualität

Die Enttabuisierung des Problems ist sehr wichtig, denn diese Krankheit hat enorme Auswirkung auf die psychische, soziale und sexuelle Entwicklung und damit des Erwachsenen.

Irritation der sexuellen und psycho-sozialen Entwicklung des Kindes

Unter dem Einfluss der Erkrankung beginnt das betroffene Kind aus Schamgefühl
Kontakten nach außen zu meiden, übernachten bei keinen Freunden mehr, geht auf keine Ausflüge oder Ferienlager usw mit.

Während in der Pubertät Gleichaltrige Freude am eigenen Körper erleben,
sich selbstsicher im Umgang mit den anderen, auch dem anderen Geschlecht, üben, ziehen Betroffene sich zurück, fürchten entdeckt zu werden, übel zu riechen und gehänselt zu werden.

Die anderen finden Bestätigung als Frau und Mann, können körperliche Nähe zulassen und sich ausprobieren, während sie sich zurückziehen.

Kontrollverlust

Der Kontrollverlust über ihren Körper und das eventuell notwendige Tragen einer Windel im Erwachsenenalter geht mit einem Verlust an Selbstachtung und Selbstvertrauen einher. Der Leidensdruck ist hoch, eine Beziehung und ein glückliches Sexualleben sind oft gar nicht möglich.

Genitales Training fällt aus

Nykturie-PatientInnen weisen viel kürzere und auch weniger REM-Schlaf-Phasen (REM = Rapid Eye Movement) auf. Das sind jene Schlafphasen, in denen Menschen träumen. Egal, ob diese Träume sexuelle Inhalte haben oder nicht - die Genitalien werden in diesen Phasen besser durchblutet, es kommt zu nächtlichen Erektionen von Penis und Klitoris. Diese Phasen könnten daher auch als „genitales Training“ bezeichnet werden. Werden diese Schlafphasen geringer, entfällt dieses „genitale Training“, was auch Auswirkungen auf die Sexualität haben kann. Und dass Schlafmangel und Tagesmüdigkeit auch nicht lustfördernd sind, ist logisch.

Nicht resignieren!

Nächtliche Harnflut (Polyurie) und Bettnässen (Enuresis) sind kein unabwendbares Schicksal. Vertrauen Sie sich Ihrem Partner/Ihrer Partnerin und Ihrem Arzt/Ihrer Ärztin. Auch wenn das Gespräch schwerfällt - die Erleichterung, wenn Sie hören, dass es eine Behandlungsmöglichkeit gibt wird groß sein. Es lohnt sich auf jeden Fall, dieses durchaus kalkulierbare Wagnis auf sich zu nehmen.

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