Negative Bewertung von Sexualität bei der Frau

Negative Bewertung von Sexualität bei der Frau

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Ein durch soziale Erfahrungen geprägtes negatives Selbstbild, welches intensive Lust als zu unangemessen erleben lässt und negative Einstellung gegenüber Selbstbefriedigung und Sexualmythen können die Orgasmusfähigkeit mindern.

Innere Bewerterin

Oft hemmt ferner die „innere Beobachterin und Bewerterin“, die die eigenen sexuellen Verhaltensweisen und den Grad der eigenen Erregung bewertet, eine sexuelle Erregungssteigerung, da die Frau sich hierbei eher in bewertenden Gedanken und weniger in Kontakt mit ihrem lustvollen Empfinden und ihren Wünschen befindet.

Nicht zuletzt kann eine gedankliche Beschäftigung mit dem Erreichen des Höhepunktes das lustvolle Erleben im Hier und Jetzt beeinträchtigen. - Diese Prozesse haben große Ähnlichkeit mit dem „spectatoring“ (Selbstbeobachtung), welches schon Masters & Johnson als zentralen Faktor bei den weiblichen Orgasmusstörungen betrachtet haben.

Körperselbstbild

S.M.Grüsser und Kollegen (2003) konnten in einer Studie zeigen, dass dagegen ein erhöhter sexueller Selbstwert die Orgasmusfähigkeit positiv beeinflussen kann. Frauen, die ein positives Körperselbstbild beschreiben, bewerten körperliche Attraktivität im Vergleich zu Frauen mit einem negativen Körperselbstbild als weniger wichtig, sind sexuell aktiver und weisen eine höhere Orgasmuskapazität auf (D.M. Ackard at al., 2000) Eine höhere sexuelle Aktivität und eine größere Sensibilität bezüglich körperlicher Vorgänge stellen aber bei der Frau Bedingungen für eine höhere Orgasmusfrequenz und -konsistenz, für postorgastische Zufriedenheit und eine höhere Zufriedenheit mit dem Sexualleben dar (A. Lehmann et al., 2003). Auch depressive Symptome sind oft durch Luststörungen begleitet. Sie können aber auch indirekte Ursache von Orgasmusproblemen sein.

Informationsmangel

Neben den psychischen Faktoren nennt J. Barbach (1980) auch noch andere Faktoren, so den Informationsmangel, den Glauben an eine „richtige“ sexuelle Reaktion und die Ansicht, dass die weibliche Rolle in der Sexualität immer eine passive und an gepasste sein sollte (die für das Orgasmuserleben hinderlich sein kann).

Frühe soziale Umgebung

W. Stock (1984) geht davon aus, dass die frühe soziale Umgebung für das sexuelle Erleben im Erwachsenenalter eine wichtige Rolle spielt. Er beschreibt bestimmte sexuelle Skripts, die er häufig bei Frauen mit Orgasmusproblemen gefunden hat. Zwei davon sind das „good girl“-sexuelle Skript und das „sleeping beauty“-Skript. Im „good girl“-sexuellen Skript verhält sich die Frau passiv, gehorsam und angepasst, und im „sleeping beauty“-Skript verhält sich die Frau ebenfalls passiv, auf den Mann wartend, welcher ihre Erregung weckt und sie auch zum Orgasmus führt.

Nach W. Stock haben Männer vorzugsweise das „nice girl“-Skript im Kopf, in der die Frau sich sexuell gezügelt verhält. W. Stock ist der Ansicht, dass Frauen schon in ihrer Jugend lernen, ihre sexuellen Impulse eher zu unterdrücken als zu leben und deshalb in den späteren Beziehungen lernen müssen, sexuell offener zu reagieren.

"Sexueller Erfolg"

C.R. Ellison (2000) erwähnt als kulturell geprägtes sexuelles Skript noch das „manufacturing orgasm“-Skript. Sie ist der Ansicht, dass der „sexuelle Erfolg“ der Frau über die Qualität und die Vielzahl der Orgasmen bewertet wird und der „sexuelle Erfolg“ des Mannes in der „Produktion“ des Orgasmus besteht. Dies impliziert, dass der Orgasmus das Ziel der Sexualität darstellt und darüber hinaus während des Koitus geschehen sollte.