Orgasmusstörungen bei der Frau

Epidemiologische Studien haben gezeigt, dass Orgasmusstörungen nach dem mangelnden sexuellen Interesse die zweithäufigsten Sexualstörungen der Frauen sind. Frauen, die unregelmäßig bis selten einen Orgasmus erleben, fühlen sich oft minderwertig, ausgeschlossen, niedergeschlagen und in ihrem allgemeinen Wohlbefinden eingeschränkt (J.R. Heiman, 2004). Viele Frauen entscheiden sich für eine Geheimhaltung ihrer Problematik, was die psychische Belastung zusätzlich verstärkt und die partnerschaftliche Intimität belastet.
Darüber hinaus können Orgasmusschwierigkeiten auch Auslöser für Appetenz- und Erregungsstörungen darstellen.

Ganz allgemein kann gesagt werden, dass die Fähigkeit der Frau, einen Orgasmus zu erlangen, durch viele verschiedene körperliche, soziokulturelle, interpersonale und psychische Faktoren bestimmt wird. Viele Untersuchungsergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass das Erleben des Orgasmus insbesondere durch psychosoziale und psychische Faktoren beeinflusst wird (R.J. Levin, 1981).

Definition

Bei der „reinen Form“ der Orgasmusstörung erlebt die Frau Lust auf Sexualität, genießt genitale Aktivität und entwickelt ausgeprägte sexuelle Erregung. Die Erregungssteigerung reicht jedoch nicht aus, um die individuell unterschiedliche Orgasmusschwelle zu überwinden. Die Erregung stagniert meist auf der Plateauphase. Die ICD-10 (Internationale Klassifikation der Erkrankungen) gibt folgende Definition einer Orgasmusstörung (F52.3) vor:

„Der Orgasmus tritt nicht oder nur stark verzögert ein. Dies kann situativ, d.h. nur in bestimmten Situationen mit psychogener Verursachung auftreten. Bei ständig vorhandener Orgasmusstörung können körperliche oder konstitutionelle Faktoren schwer ausgeschlossen werden, außer durch eine positive Reaktion auf eine psychologische Behandlung (…)“. Das heißt: Es wird die Unterscheidung in primäre, sekundäre, globale und situative Orgasmusstörungen vorgenommen.

Im DSM IV (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, APA, 1994) wird die Orgasmusstörung unter 302.73 als gehemmter Orgasmus bei der Frau aufgeführt. Er wird definiert als „anhaltende oder wiederkehrende Verzögerung oder Fehlen des Orgasmus bei der Frau nach einer normalen sexuellen Erregungsphase, wobei die sexuelle Aktivität vom Kliniker hinsichtlich Zielrichtung, Intensität und Dauer als ausreichend beurteilt wird.“ (…)

„Wenn Frauen einen Orgasmus ausschließlich bei der Berührung der Klitoris und nicht bei einem Intimverkehr ohne Berührung der Klitoris erleben, ist die Fähigkeit zum Orgasmus nicht gestört, auch wenn der Orgasmus zeitweise beim Intimverkehr ausbleibt. Dies wird als eine normale Variation der weiblichen Sexualreaktion angesehen. Eine psychische Orgasmushemmung sollte erst nach einer gründlichen sexuellen Abklärung diagnostiziert werden.“

Die meisten weiblichen Orgasmusstörungen treten eher lebenslang als erworben auf, da die Orgasmusfähigkeit, wenn sie einmal erlernt wurde, nicht wieder verschwindet, es sei denn, dass die sexuelle partnerschaftliche Kommunikation verarmt bzw. Beziehungskonflikte oder körperliche bzw. affektive Erkrankungen auftreten.

Fallbeispiele

Im Folgenden werden anhand von Fallbeispielen mehrere Subtypen des Orgasmuskontinuums dargestellt, wobei die Abgrenzungsschwierigkeiten zwischen normalem und pathologischem Verhalten deutlich werden:

Fallbeschreibung 1 (primäre, globale Orgasmusstörung): Primär anorgastische Frauen, die bei keiner Praktik je einen Orgasmus erlebten. Die 46-jährige Frau H. leidet darunter, in keiner ihrer bisherigen sexuellen Beziehungen jemals einen Orgasmus erlebt zu haben. Um mit ihren Schamgefühlen umzugehen, hat sie sich bisher entschieden, ihrem Partner den Orgasmus vorzuspielen. Sie selbst beschreibt sich als kontrolliert, oft angespannt, unnahbar und zu Beginn einer Beziehung sehr misstrauisch. Sie brauche viel Zuwendung, um sich auf einen Partner einlassen zu können.

Fallbeschreibung 2 (sekundäre, situative Orgasmusstörung): Frauen, die nur bei Selbststimulation, nicht aber bei Partnerkontakt orgasmusfähig sind Die 38-jährige Frau Q. leidet darunter, dass sie noch nie im partnerschaftlichen Kontakt einen Orgasmus erlebt hat. Obwohl sie bei Selbststimulation einen Orgasmus erlebe, habe sie Schwierigkeiten, dies mit ihrem Partner gemeinsam zu erleben.

Fallbeschreibung 3 (sekundäre, situative Orgasmusstörung): Frauen, die nur bei manueller Fremdstimulation orgasmusfähig sind Die 30-jährige Frau K. erlebt in ihrer 10-jährigen Beziehung bei manueller Stimulation durch ihren Partner einen sehr befriedigenden Orgasmus. Selbstbefriedigung habe sie selten. Beim Intimverkehr habe sie noch nie einen Orgasmus erlebt. Sobald sie den Penis in sich aufnehme, „lege sich bei ihr innerlich der Schalter um“, so dass die Erregung abbreche oder stagniere. Sie habe den Eindruck, dass sie beim Aufnehmen des Penis die Aufmerksamkeit mehr auf ihren Partner lenke und weniger auf sich. Ihr Partner sei ein sehr liebevoller Mann, der um ihre Bedürfnisbefriedigung sehr bemüht sei, so dass es an ihrem Partner nicht liegen könne. Sie erlebe sich selbst selten als lustvoll und brauche, um sich auf den Intimverkehr mit ihrem Partner einlassen zu können, eine ganz bestimmte Atmosphäre.

Fallbeschreibung 4 (sekundäre, situative Orgasmusstörung): Frauen, die aufgrund partnerschaftlicher Probleme keinen Orgasmus mehr erleben können Die 38-jährige Frau S. hat in der vorherigen Beziehung ihren Orgasmus als lustvoll erlebt. In ihrer aktuellen Beziehung beschreibt sie ihren Orgasmus jedoch als gehemmt. Sie berichtet, dass sie ihren vorherigen Freund immer noch liebe, aufgrund vieler verschiedener äußerer Gegebenheiten eine Partnerschaft für sie mit vielen Veränderungen verbunden sei, die sie nicht vornehmen wolle. Frauen, die koital nur bei gleichzeitiger klitoraler Stimulation einen Höhepunkt erreichen oder Frauen, die nie oder selten einen vaginalen Orgasmus erleben, bedürfen in den meisten Fällen keiner Behandlung, außer eine Behandlung wird ausdrücklich gewünscht.

Häufigkeit

Laut einer amerikanischen Repräsentativstudie von E.O. Laumann et al. (1994) erleben 20 Prozent der Frauen manchmal oder selten und vier Prozent der Frauen nie einen Orgasmus. Dennoch besteht laut dieser Umfrage kein eindeutiger Zusammenhang zwischen der Orgasmusfrequenz und einem erfüllten Sexualleben.

Ähnliche Zahlen ergab auch eine Studie von C.R. Ellison und Zilbergeld (2000), die ebenfalls 1994 mit 2.632 Frauen durchgeführt wurde. In dieser Studie berichteten 25 Prozent der Frauen, die in einer Partnerschaft lebten, Schwierigkeiten beim Erreichen des Orgasmus, und 17 Prozent der Frauen hatten noch nie einen Orgasmus erlebt. Unter den orgasmusfähigen Frauen gaben 30 Prozent an, dass sie mit ihrer Orgasmusfrequenz beim Intimverkehr unzufrieden seien.

In einer neueren Studie von J. Bancroft et al. (2003) konnte nachgewiesen werden, dass 30 bis 50 Prozent der Frauen, die Orgasmusschwierigkeiten hatten, mit ihrer sexuellen Beziehung und 30 bis 40 Prozent mit ihrer eigenen Sexualität unzufrieden waren. - Das deutet darauf hin, dass Orgasmusprobleme zwar nicht zwingend mit sexueller Unzufriedenheit und sexuellen Beziehungsproblemen einhergehen, es aber anderseits doch klare Zusammenhänge gibt.

Die erste Orgasmuserfahrung machen Frauen laut A.C. Kinsey et al. (1953) am häufigsten bei der Selbstbefriedigung (40 %), beim Intimverkehr (27 %) oder beim Petting (24 %). Dieses Ergebnis konnte in einer schwedischen Studie von 2006 weitestgehend repliziert werden.

Allgemein steigt die Orgasmusfähigkeit aufgrund der sexuellen Erfahrung mit dem Alter der Frauen an, so dass Störungen des Orgasmus häufiger bei jüngeren als bei älteren Frauen beobachtet werden.

Hintergründe

Variationen des Orgasmuserlebens

Das Spektrum der Orgasmuserfahrungen ist bei Frauen ausgesprochen differenziert. Siegmund Freud (1905) und seine Nachfolger wie zum Beispiel E. Bergler (1951) unternahmen erste Kategorisierungsversuche und führten die Unterscheidung zwischen einem klitoralen und einem vaginalen Orgasmus ein (A. Lehmann et al., 2003), wobei die Einteilung nach dem Ort der erlebten Stimulation bzw. dem Ort der Orgasmusauslösung erfolgte. Zugleich wurde eine Wertung zwischen dem (für eine erwachsene, psychosexuell gesunde Frau) „unreifen“ klitoralen und dem „reifen“ vaginalen Orgasmus vorgenommen. Grundlage für diese Unterscheidung war die Annahme von Siegmund Freud, dass die erogene Reizbarkeit in der Pubertät von der Klitoris auf die Vagina übergeht und dass sich der Penis und die Klitoris homolog entsprechen. Ein Wechsel von der klitoralen Stimulation zur vaginalen Stimulation symbolisiere die Loslösung von männlichen Anteilen und die Reife der weiblichen Sexualität im Sinne des Freudschen Konzepts des genitalen Primats.

Siegmund Freuds Überlegungen konnten in der Hinsicht bestätigt werden, als physiologisch-anatomische Untersuchungen zeigten, dass sich Penis und Klitoris in der Embryonalphase aus einer bipotenten Anlage entwickeln (K.M. Beier, A.G. Bosinski, U. Hartmann und K. Loewit, 2001) und dass der Vaginaleingang eine erogene Zone ist (H.E.O’Connel et al., 1998). Freuds postulierte Existenz zweier anatomisch unterschiedlich zuzuordnender Arten des weiblichen Orgasmus bleibt jedoch weiterhin umstritten, und vor allem ist die vorgenommene Bewertung der „Reife“ in dieser Form nicht haltbar.

Erst vor wenigen Jahren konnten anatomische Studien von H.E. O’Connel et al. (1998) zeigen, dass die mit der Glans clitoridis verbundenen anatomischen Strukturen größer sind als bisher angenommen und dass das nervöse klitorale Versorgungsgebiet weit in die Vagina hineinreicht bzw. sich zirkumvaginal erstreckt. Eine vaginale Stimulation ohne Klitorisstimulation ist somit unter dieser Voraussetzung gar nicht möglich.

Weitere Unterteilungsversuche

Neben der Einteilung des Orgasmus in klitoral und vaginal wurden von J. Singer und I. Singer (1972) sowie A.K. Ladas, B. Whipple und J.D. Perry (1982) eine feinere Unterteilung in einen Vulvaorgasmus, einen bei der Masturbation ausgelösten Orgasmus durch klitorale Stimulation, einen uterinen Orgasmus, einen durch die Stimulation des Gräfenberg-Punktes oder einen durch das Verschieben des Uterus ausgelösten Orgasmus vorgeschlagen.

Nach V. Sigusch (1970) wäre auch eine Einteilung in oral, mammär (über die Brust) und anal denkbar. Neuere sexualwissenschaftliche Annahmen lösen sich wieder von dem kategorialen Ansatz und gehen eher davon aus, dass das Erleben des Orgasmus situativ bedingt ist und interindividuell verschieden sein kann (S. zur Nieden, 1992). Offensichtlich dient der kategoriale Ansatz eher der Verständigung über die Vorgehensweise bei Orgasmusstörungen und als Hilfe für die Frau, ihre eigenen subjektiven Vorlieben in Abhängigkeit von bestimmten situativen und psychosomatischen Aspekten herauszufinden.

Eine neuere Studie von A. Lehmann et al. (2003) zum weiblichen Sexualerleben hat gezeigt, dass Frauen bei einem Vergleich der beiden Orgasmusformen den klitoralen Orgasmus im Vergleich zum vaginalen Orgasmus als intensiver bewerten. Gleichzeitig sind die Frauen, die sowohl einen klitoralen als auch einen vaginalen Orgasmus erleben können, mit ihrer partnerschaftlichen Sexualität zufriedener und erleben häufiger einen Orgasmus beim Koitus.

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Faktoren weiblicher Orgasmusfähigkeit

Frauen verfügen im Vergleich zu Männern über eine größere Variationsbreite sexueller Reize, die sie zum Orgasmus führen. Darüber hinaus können sie bei ausreichender sexueller Stimulation prinzipiell mehrere Orgasmen hintereinander erleben, brauchen jedoch für die Erregungssteigerung beim Intimverkehr eine länger andauernde Stimulation. Eine neuere Untersuchung von RJ Levin et al. (2006) an 371 Studenten (180 Männer, 191 Frauen) hat gezeigt, dass die Mehrheit der Frauen (81,5 %) auch durch die Stimulation der Brust oder der Brustwarzen sexuell erregt wird oder die sexuelle Erregung dadurch verstärkt wird; nur eine geringe Anzahl (7 %) berichtete von einer Erregungsabnahme.

Orgasmus bei Selbstbefriedigung und mit Partner

Die physiologisch intensivsten Orgasmen erleben Frauen laut der klassischen Studie von W. Masters und V. Johnson (1966) durch Selbstbefriedigung, wobei auch nicht unbedingt eine lang andauernde Stimulation benötigt wird. Frauen beschreiben dennoch unabhängig vom Orgasmuserleben sexuelle Erlebnisse mit ihrem Partner als befriedigendste Aktivität, was vermutlich ein Resultat der Bewertung der Partnersituation darstellt. Die Selbstbefriedigung wird dagegen häufig als „unnormal“ oder als halbwertiger Ersatz angesehen.

Neben den eher psychischen und soziokulturellen Faktoren konnte jetzt in einer neuro-endokrinologischen Studie (Brody und Krüger 2006) gezeigt werden, dass der nach einem Orgasmus bei Männern und Frauen eintretende Anstieg von Prolaktin (der bisher einzige zuverlässige „Orgasmusmarker“) bei einem im Partnerkontakt bzw. beim Geschlechtsverkehr erlebten Orgasmus deutlich höher ausfällt als bei einem masturbatorischen Orgasmus.

Dieser mit einem Gefühl der Sättigung und Befriedigung verbundene Prolaktinanstieg könnte somit auch eine Erklärung für die unterschiedliche Bewertung von „Partnerorgasmen“ darstellen.

Jede Frau hat aufgrund ihrer lebensgeschichtlichen Erfahrungen ihre subjektiven sexuellen Erregungsorte und auch ihre subjektive Orgasmusschwelle, die je nach Einflussfaktoren wechseln können (H.S. Kaplan, 1987). Die Orgasmusschwelle kann außer durch die Art der Stimulation unter anderem auch durch das psychische Befinden sowie durch Kognitionen, Drogen und Medikamente, Partnerschaftsfaktoren, Stimulationsfertigkeiten des Partners/der Partnerin oder Stress beeinflusst werden. Um die für den Erregungsaufbau adäquaten Stimulationstechniken herauszufinden, brauchen Frauen daher die Aufmerksamkeitslenkung auf ihr Körpererleben und oft mehrere Jahre des Erkundens.

Nach R. Basson (2000) sind für die sexuelle Erregung der Frau zusätzlich zu den sexuellen Reizen auch Umgebungsreize entscheidend. Als Beispiele werden sexuelle Erwünschtheit, Verhütung einer ungewollten Schwangerschaft, Sicherheit vor Krankheit, Erwartungen an sich und den Partner und Schamgefühle genannt. K.S. Fugl-Meyer et al. (2006) aus Schweden weisen in ihrer Übersichtsstudie von 1996 zudem darauf hin, dass ein guter Protektor gegen Orgasmusstörungen ein junges Alter bei der ersten Orgasmuserfahrung, ein relativ gesehen breites Spektrum an Stimulationstechniken, ein Orgasmuserleben auch beim Geschlechtsverkehr, eine Wertschätzung sexueller Aktivität und eine relativ leichte Erregbarkeit sein können.

Orgasmusfähigkeit im Alter

Nach J. Bitzer (2003) scheint die Orgasmusfähigkeit der Frau durch den menopausalen Übergang und das Älterwerden nicht wesentlich beeinflusst zu werden. Verschiedene Studien zeigen eine gleich bleibende, eventuell sogar ansteigende Frequenz des Orgasmuserlebens mit zunehmendem Alter.

Ein Grund dafür kann die Zunahme der sexuellen Erfahrung mit dem steigenden Lebensalter sein. Bei manchen Frauen ist jedoch eine Abnahme der sexuellen Aktivität und des sexuellen Interesses feststellbar. Aus entsprechenden Studien ist bekannt, dass Frauen in der postmenopausalen Lebensphase infolge des Östrogenmangels unter einer Verringerung der Schwellfähigkeit des vaginalen Gewebes leiden und dass diese körperliche Veränderung eine Ursache für Orgasmusschwierigkeiten und nicht zuletzt auch für Luststörungen sein kann.

Die Bedeutung des G-Punktes

In der sexualwissenschaftlichen Literatur werden im Zusammenhang mit der weiblichen sexuellen Erregung auch immer wieder das Phänomen der weiblichen Ejakulation und die Existenz des Gräfenberg-Punktes (G-Punkt) diskutiert. Ernst Gräfenberg (1950) ging davon aus, dass es in der vorderen Vaginalwand eine erogene Zone gibt, die bei Stimulation zum Orgasmus führt und eine aus paraurethralen Drüsen stammende Flüssigkeit abgibt. Es bestand damit mancherseits die Hoffnung, der Angst vor dem Blasenkontrollverlust und dem männlichen Vorrecht der Ejakulation begegnen zu können. Außerdem fand R.J. Levin (1992) heraus, dass eine Stimulation der Zone in der vorderen Vaginalwand im Vergleich zur Stimulation der hinteren Vaginalwand zu einer stärkeren sexuellen Erregung führt.

In jüngerer Zeit wird die Existenz des G-Punktes kritisch betrachtet, es wird davon ausgegangen, dass es sich bei der erogenen Zone eher um die in der Scheidenwand unmittelbar benachbarte Harnröhre als stimulierbares Organ handelt (K.M. Beier et al., 2001) bzw. um die bereits erwähnten zirkumvaginalen Extensionen der Klitoris.

Ursachen

Es gibt viele Überlegungen dazu, welche Ursachen zur Entstehung von weiblichen Orgasmusstörungen führen können. Letzte Klärung steht jedoch noch aus. Anzunehmen ist ein Zusammenspiel von neurophysiologischen, anderen körperlichen, psychischen, sozialen und kulturellen Faktoren, was dem heute gültigen bio-psycho- sozialen Modell der Sexualität entsprechen würde.

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Organische Faktoren

Die organischen Ursachen von Orgasmusstörungen können vielfältig sein. Da der weibliche Orgasmus überwiegend durch die Aktivierung der Beckenbodenmuskulatur ausgelöst wird, die durch den Nervus pudendus innerviert wird, der auch für die Kontrolle der vesikalen und analen Sphinkteren zuständig ist, sollten Orgasmusprobleme auch immer neurourologisch abgeklärt werden (K.M. Beier et al., 2001).

Es wird vermutet, dass insbesondere bei der klitoralen Stimulation der Nervus pudendus beteiligt ist. Bei genitaler Erregung sind auch die cholinergen und adrenergen vegetativen Nerven mitbeteiligt: Aufgrund von Befunden im Zusammenhang mit den Nebenwirkungen von selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) ist bekannt, dass serotonerge und dopaminerge Transmitter für die sexuelle Erregung, die Orgasmuslatenz und das sexuelle Verlangen eine bedeutende Rolle einnehmen (R.C. Rosen et al., 1999). Bei der Einnahme von SSRI kann dementsprechend die Orgasmusfähigkeit fast völlig gehemmt werden.

Über die neuroanatomischen und neurophysiologischen Einflüsse auf den weiblichen Orgasmus ist derzeit jedoch noch wenig bekannt. B. Komisaruk et al. (2002) untersuchten die Bedeutung von Gehirnprozessen bei durch Masturbation herbeigeführten Orgasmen. Dabei zeigte sich, dass insbesondere der Nucleus paraventricularis des Hypothalamus, die graue Substanz des Mittelhirns, das Kleinhirn und der Hippocampus beteiligt sind.

Am häufigsten sind im Hinblick auf die organischen Faktoren bei Orgasmusstörungen Beeinträchtigungen nervaler Strukturen beschrieben, die durch die Einnahme von Pharmaka entstehen:

  • Antidepressiva und Neuroleptika
  • Substanzen zur Blockade von Alpha-Adrenorezeptoren,
  • Sedativa, Narkotika und Alkohol in höheren Dosierungen.

Eine seltenere Ursache stellen die neurologischen Erkrankungen bzw. Läsionen dar:

  • Multiple Sklerose als Erkrankung des Rückenmarks
  • Schädigungen peripherer Nerven bei diabetischen oder alkoholischen Neuropathien, bei altersbedingten Fibrosierungen in der Klitoris, bei Spinalstenosen und bei Wurzelkompressionen
  • Organschädigungen bei chirurgischen Interventionen und
  • Querschnittsläsionen des Rückenmarks.

Eine Zwillingsstudie (K.M. Dunn et al., 2005), an der 683 eineiige weibliche Zwillingspaare im Alter von 19 bis 83 Jahren teilnahmen, hat gezeigt, dass 32 Prozent der Frauen während der sexuellen Aktivität mit ihrem Partner/ihrer Partnerin keinen oder nur selten einen Orgasmus erlebten. 21 Prozent dieser Frauen jedoch berichteten, während der Masturbation zum Orgasmus zu gelangen. Ein genetischer Einfluss auf die weibliche Orgasmusfähigkeit kann somit nicht ausgeschlossen werden.

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Psychische Faktoren

Frauen mit Orgasmusstörungen scheinen häufig dazu zu neigen, sowohl gegenüber dem Intimverkehr als auch gegenüber dem Sexualpartner negative Einstellungen auszubilden (G.E. Birnbaum, 2003). Schon H.S. Kaplan (1974) nahm an, dass viele verschiedene psychische Faktoren zu einer negativen symbolischen Bedeutung der Sexualität bei der Frau führen können, die ihrerseits mit einer Abwehr gegenüber erotischem Erleben und auch mit Erzeugung einer anti-erotischen Atmosphäre einhergehen können.

Ängste und sexuelle Schuldgefühle

Viele Frauen mit Orgasmusproblemen berichten von Angstgefühlen verschiedenster Art. Am häufigsten sind wohl die Ängste, sich während des Orgasmus zu „verlieren“, d.h. die Kontrolle über sich und das sexuelle Geschehen zu verlieren.

Die Angst, sich in der intensiven Nähe mit dem Partner während des Orgasmus zu verlieren, kann aus psychoanalytischer Sicht von einer zu wenig erlebten, gefühlsmäßig nahen Mutter-Tochter-Bindung herrühren, in der die Tochter die Nähe der Mutter als angenehm und steuerbar hätte erleben können. Oft findet man die „Angst vor Selbstverlust“ aber auch bei Frauen, die sich in ihrer Persönlichkeit unsicher fühlen oder Schwierigkeiten haben, Grenzen zu setzen und ihre Bedürfnisse einzubringen.

Die Angst vor Kontrollverlust zeigt sich aus psychoanalytischer Sicht, wenn die Frau in den regressiven Momenten von Hingabe und Loslassen in der Sexualität die körperlichen Reaktionen im Übermaß kontrolliert, den Erregnungslevel beobachtet und dadurch die Erregungssteigerung behindert.

Neben Angstgefühlen können auch Ärger- und Ekelgefühle sowie sexuelle Schuldgefühle Ursache von Orgasmusschwierigkeiten sein. Oft sind diese Gefühle das Ergebnis aus früheren gefühlsmäßigen Beziehungen zu den Eltern oder auch das Ergebnis der Vermittlung von bestimmten Einstellungen zur Sexualität seitens der frühen Bezugspersonen.

Aus lerntheoretischer Sicht entsteht ein Orgasmusproblem eher dann, wenn das sexuelle Verhalten mit unangenehmen Gefühlen wie Angst oder Schmerz in Verbindung gebracht wird. Dies kann durch sexuell unangenehme Erfahrungen im Verlauf von Partnerschaften, infolge mangelnder Bestätigung im Zusammenhang mit sexuellen Verhaltensweisen oder auch durch schwere sexuelle Traumatisierungen geschehen sein. Unangenehme Gefühle während sexueller Aktivitäten können aber auch bei einem angenehmen sexuellen Kontakt wieder reaktiviert werden.

Negative Bewertung von Sexualität

Das gleiche gilt für eine negative Einstellung gegenüber Selbstbefriedigung und Sexualmythen, die aber auch durch andere sexuelle Erfahrungen entstanden sein kann. Auch ein durch soziale Erfahrungen geprägtes negatives Selbstbild, welches intensive Lust als zu unangemessen erleben lässt, kann die Orgasmusfähigkeit mindern.

Oft hemmt ferner die „innere Beobachterin und Bewerterin“, die die eigenen sexuellen Verhaltensweisen und den Grad der eigenen Erregung bewertet, eine sexuelle Erregungssteigerung, da die Frau sich hierbei eher in bewertenden Gedanken und weniger in Kontakt mit ihrem lustvollen Empfinden und ihren Wünschen befindet.

Nicht zuletzt kann eine gedankliche Beschäftigung mit dem Erreichen des Höhepunktes das lustvolle Erleben im Hier und Jetzt beeinträchtigen. - Diese Prozesse haben große Ähnlichkeit mit dem „spectatoring“ (Selbstbeobachtung), welches schon Masters & Johnson als zentralen Faktor bei den weiblichen Orgasmusstörungen betrachtet haben.

S.M.Grüsser und Kollegen (2003) konnten in einer Studie zeigen, dass dagegen ein erhöhter sexueller Selbstwert die Orgasmusfähigkeit positiv beeinflussen kann. Frauen, die ein positives Körperselbstbild beschreiben, bewerten körperliche Attraktivität im Vergleich zu Frauen mit einem negativen Körperselbstbild als weniger wichtig, sind sexuell aktiver und weisen eine höhere Orgasmuskapazität auf (D.M. Ackard at al., 2000) Eine höhere sexuelle Aktivität und eine größere Sensibilität bezüglich körperlicher Vorgänge stellen aber bei der Frau Bedingungen für eine höhere Orgasmusfrequenz und -konsistenz, für postorgastische Zufriedenheit und eine höhere Zufriedenheit mit dem Sexualleben dar (A. Lehmann et al., 2003). Auch depressive Symptome sind oft durch Luststörungen begleitet. Sie können aber auch indirekte Ursache von Orgasmusproblemen sein.

Informationsmangel, Sexualmythen und sexuelle Skripts

Neben den bisher aufgeführten psychischen Faktoren nennt J. Barbach (1980) auch noch andere Faktoren, so den Informationsmangel, den Glauben an eine „richtige“ sexuelle Reaktion und die Ansicht, dass die weibliche Rolle in der Sexualität immer eine passive und an gepasste sein sollte (die für das Orgasmuserleben hinderlich sein kann).

W. Stock (1984) geht davon aus, dass die frühe soziale Umgebung für das sexuelle Erleben im Erwachsenenalter eine wichtige Rolle spielt. Er beschreibt bestimmte sexuelle Skripts, die er häufig bei Frauen mit Orgasmusproblemen gefunden hat. Zwei davon sind das „good girl“-sexuelle Skript und das „sleeping beauty“-Skript. Im „good girl“-sexuellen Skript verhält sich die Frau passiv, gehorsam und angepasst, und im „sleeping beauty“-Skript verhält sich die Frau ebenfalls passiv, auf den Mann wartend, welcher ihre Erregung weckt und sie auch zum Orgasmus führt. Nach W. Stock haben Männer vorzugsweise das „nice girl“-Skript im Kopf, in der die Frau sich sexuell gezügelt verhält. W. Stock ist der Ansicht, dass Frauen schon in ihrer Jugend lernen, ihre sexuellen Impulse eher zu unterdrücken als zu leben und deshalb in den späteren Beziehungen lernen müssen, sexuell offener zu reagieren.

C.R. Ellison (2000) erwähnt als kulturell geprägtes sexuelles Skript noch das „manufacturing orgasm“-Skript. Sie ist der Ansicht, dass der „sexuelle Erfolg“ der Frau über die Qualität und die Vielzahl der Orgasmen bewertet wird und der „sexuelle Erfolg“ des Mannes in der „Produktion“ des Orgasmus besteht. Dies impliziert, dass der Orgasmus das Ziel der Sexualität darstellt und darüber hinaus während des Koitus geschehen sollte.

Sexuelle Traumata

Sexuelle Traumata sowohl aus der frühkindlichen Entwicklung als auch aus später eingegangenen Partnerschaften können, müssen aber nicht notwendigerweise zu einer negativen Besetzung von Sexualität und Angst vor erneuten sexuellen Grenzüberschreitungen oder Kontrollverlust führen.

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Partnerschaftliche Faktoren

Die meisten sexuellen Probleme werden erst mit Beginn einer Partnerschaft oder durch erlebte unangenehme sexuelle Interaktionen offensichtlich und spürbar (D.H. Barlow, 1986). Die Begleitsymptome der sexuellen Schwierigkeiten sind häufig Versagens- und Bewertungsängste, Beschäftigung mit der eigenen Wirkung auf den Partner, verstärkte Selbstbeobachtung und selbst abwertende Gedanken (H.S. Kaplan, 1974; Bleck and Loveless, 1987).

Attraktivität des Mannes T.K. Shackelford et al. (2000) überprüften die Hypothese von Thornhill (1995), dass der weibliche Orgasmus dazu dient, die Spermien von Männern mit „guten Genen“ zu behalten. Als Indikator für „gute Gene“ definierten sie die körperliche Attraktivität des Mannes. Sie konnten in ihrer Studie nachweisen, dass Frauen, die einen attraktiven Mann als Partner gewählt haben, häufiger einen Orgasmus erleben als Frauen mit einem weniger attraktiven Mann.

Kommunikationsschwierigkeiten Auch Kommunikationsdefiziten bzw. -hemmungen und einem Mangel an Zufriedenheit über die Kommunikationsform wurde für die Entstehung oder Aufrechterhaltung von sexuellen Störungen ein großer Einfluss zugesprochen.

In einer älteren Studie von P.R. Kilman et al. (1983), in der 48 Frauen in heterosexuellen Partnerschaften mit einer sekundären Orgasmusstörung im Vergleich zu sexuell zufriedenen Frauen untersucht wurden, konnte nachgewiesen werden, dass sowohl Frauen mit Orgasmusstörungen als auch deren Partner mit der Häufigkeit und der Vielfalt der sexuellen Aktivitäten im Vergleich zur Kontrollgruppe unzufriedener waren, eine geringere Selbstakzeptanz aufwiesen und die Partner zugleich eine geringere Akzeptanz der sexuellen Schwierigkeiten ihrer Frauen zeigten.

Aus klinischer Erfahrung ist jedoch bekannt, dass für viele oder die meisten Frauen eine klitorale Stimulation entscheidend sein kann, um eine ausreichende sexuelle Erregung und einen Orgasmus zu erleben. Für den partnerschaftlichen Kontext bedeutet das, dass Frauen für die Entwicklung einer genussvollen sexuellen Stimulation zum einen ihre sexuellen Bedürfnisse kennen und zum anderen diese ihrem Partner mit einer klaren, nicht vorwurfsvollen Formulierung deutlich machen müssten (H.J. Markman et al., 1988; Halford et al., 1990).

M.P. Kelly et al. (1990) untersuchten deshalb sexuelle Einstellungen und Verhaltensweisen von Frauen mit Orgasmusstörungen in heterosexuellen Partnerschaften im Vergleich zu Frauen ohne Orgasmusstörungen sowie Frauen mit einer chronischen Erkrankung. Sie stellten fest, dass Frauen mit Orgasmusstörungen häufiger eine negative Einstellung gegenüber Selbstbefriedigung, häufiger ein ausgeprägtes sexuelles Schuldgefühl und häufiger die Befürwortung von Sexualmythen aufweisen.

In Bezug auf ihre Partnerschaft erwarten sie bei der Kommunikation über eine direkte klitorale Stimulation (oral oder manuell) ein größeres Unwohlsein. Ein Unwohlsein bei der Kommunikation über sexuelle Aktivitäten während des Geschlechtsverkehrs besteht jedoch nicht. Die Vermutung, dass das Unwohlsein bei der Kommunikation über direkte Stimulationstechniken auf eine allgemeine Abneigung gegenüber den erwähnten Stimulationstechniken und auch auf eine sexuelle Hemmung bei Erleben klitoraler Stimulation hinweisen könnte, bestätigte sich nur teilweise.

Man kann jedoch annehmen, dass die Partner aufgrund der geringen Kommunikation über die sexuellen Wünsche bezüglich der klitoralen Stimulation die Frauen unabhängig von deren sexueller Einstellung nicht angemessen sexuell stimulieren konnten, ausgenommen die Partner, die sehr experimentierfreudig und bezüglich der sexuellen Vorlieben von Frauen sehr erfahren waren.

M.P. Kelly et al. (1990) vermuteten weiterhin, dass auch die Rolle der Frau bei oraler und manueller Stimulation als „nur Annehmende oder Genießende“ mit negativen Bewertungen verbunden sein und der Steigerung der Erregung entgegenwirken könnte. In einer aktuelleren Studie (M.P. Kelly et al., 2004) bestätigte sich, dass auch die Partner von Frauen mit Orgasmusstörungen ein größeres Unwohlsein bei der Kommunikation über klitorale Stimulation haben.

Außerdem haben M.P.Kelly et al. (2006) in jüngerer Zeit spezifische Kommunikationsaspekte von 14 heterosexuellen Paaren, bei denen die Partnerin Orgasmusstörungen hatte, im Vergleich zu Paaren untersucht, bei denen die Partnerin keine Sexualprobleme hatte und frei von chronischen Erkrankungen war.

Sie fanden heraus, dass die ersteren Paare allgemein seltener miteinander kommunizierten, sich beim Austausch über ihren Intimverkehr häufiger Vorwürfe machten und eine geringere Aufnahmefähigkeit zeigten, insbesondere die Partnerinnen (mit Orgasmusstörungen).

Orgasmus-fördernde Interaktionen mit dem Partner In der Übersichtsstudie von 1994 hat C.R. Ellison (2000) 2371 Frauen mit Hilfe eines umfangreichen Fragebogens nach Aktivitäten gefragt, die ihre Orgasmusfähigkeit während des Intimverkehrs erhöhen oder erleichtern.

  • 90 Prozent der Frauen gaben an, dass sie sich beim sexuellen Akt so positionieren, dass sie ihre bestmögliche Stimulation erfahren
  • 83 Prozent der Frauen, dass sie ihre Aufmerksamkeit auf ihre sinnliche Erfahrung lenken
  • 75 Prozent der Frauen, dass sie ihre Beckenbodenmuskeln an- und entspannen, ihre Körperbewegungen denen ihres Partners angleichen, ihren Partner dazu ermuntern, sie so zu stimulieren, wie sie es gerne haben oder sich vor dem sexuellen Akt in eine sexualisierte Stimmung bringen.

Weitere Orgasmus-fördernde Verhaltensweisen waren

  • die Aufmerksamkeitslenkung auf das Vergnügen des Partners (68 %)
  • liebevolle Gedanken an den Partner (65 %)
  • sexuelle Fantasien (56 %)
  • und Augenkontakt mit dem Partner (46 %).

Aufgrund der Antworten der Frauen fand C.R. Ellison (2000) heraus, dass neben der erotischen Stimulation bzw. dem Ausprobieren verschiedener Berührungsqualitäten die Aufmerksamkeitslenkung weg von der Leistungsorientierung hin zum Vergnügen, der äußere Rahmen und die Interaktion der Partner eine entscheidende Bedeutung beim Orgasmuserleben haben.

Diagnose

Die Sexualanamnese bei Orgasmusstörungen

Viele GynäkologInnen haben - vor allem auch aus Zeitgründen - die Befürchtung, bei der Exploration sexueller Probleme „ein Fass“ aufzumachen und auf die Fülle der berichteten Probleme nicht adäquat und zufriedenstellend reagieren zu können. Anderseits bringen die Patientinnen dem Gynäkologen/der Gynäkologin ein hohes Vertrauen entgegen und besprechen oft nur oder zumindest bevorzugt in der gynäkologischen Praxis ihre sexuellen Probleme. Sie suchen in erster Linie ein „offenes Ohr“ und Verständnis für ihre Probleme, wünschen sich zeitweise aber auch kompetenten Rat.

Nicht selten mangelt es an gezielten Fragen, um das jeweilige sexuelle Problem genau einzukreisen. Die folgenden Hinweise sollen eine Vorstellung von den Möglichkeiten geben, wie GynäkologInnen ihren Patientinnen schon durch eine gezielte Anamneseerhebung und die genauere Beschreibung der Problematik konkret helfen können.

Im Einzelnen zu empfehlen ist die folgende Vorgehensweise:

  1. Problem genau schildern lassen und erste Hypothesen bilden;

  2. Erlaubnis zum weiteren Nachfragen einholen:
    Wäre es für Sie in Ordnung, wenn ich noch genauer nachfragen würde?

  3. Abklärung, ob es sich um eine primäre oder sekundäre Orgasmusstörung handelt:

  4. Seit wann bestehen Ihre Orgasmusschwierigkeiten? primäre Orgasmusstörung: seit dem ersten sexuellen Kontakt sekundäre Orgasmusstörung : seit einem bestimmten Ereignis oder einer bestimmten Partnerschaft

  5. Erleben Sie bei der Selbstbefriedigung einen Orgasmus? Primäre Orgasmusstörung: nein Sekundäre Orgasmusstörung: ja

  6. Abklärung, ob eine globale oder situative Orgasmusstörung vorliegt:

  7. In welchen sexuellen Situationen treten die Orgasmusstörungen auf? Globale Orgasmusstörung: bei Selbstbefriedigung, in allen Partnerschaften, sowohl bei klitoraler als auch vaginaler Stimulation und beim Intimverkehr Situative Orgasmusstörung: nur bei gegenseitiger manueller Stimulation oder nur beim Intimverkehr, bei partnerschaftlichen Probemen.

5a. Abklärung des sexuellen Potenzials bei bestehender Selbstbefriedigung:

  • Wie oft befriedigen Sie sich selbst?
  • Wissen Sie, welche Stimulation Sie zum Orgasmus bringt?
  • Wissen Sie, welche erotischen Reize Sie zum Orgasmus bringen?

5b. Abklärung des sexuellen Potentials bei nicht bestehender Selbstbefriedigung:

  • Was hindert Sie daran, sich selbst zu befriedigen?
  • Welche Einstellungen sprechen dagegen?
  • Wissen Sie, was Sie im Partnerkontakt sexuell erregend finden?

  • Abklärung der Ursachen für die Orgasmushemmung:
    Primäre Orgasmusstörung:

  • Was passiert in Ihren Gedanken und Gefühlen beim Intimverkehr?

  • Wann endet die Erregungszunahme und was geschieht dann gefühlsmäßig bei Ihnen?
  • Sprechen Sie mit Ihrem Partner ausreichend über Ihre sexuellen Wünsche?

Sekundäre Orgasmusstörung:

  • Was ist in ihrer Umgebung, in Ihrer Partnerschaft passiert, als die Orgasmushemmung auftrat?
  • Was hat das Ereignis für Sie bedeutet?
  • Gab es Zeiten, in denen Sie Orgasmen erlebt haben?
  • Ist ein Orgasmus für Sie nur verzögert erreichbar?
  • Wie weit steigt Ihre Erregung an?
  • Steigt Ihre Erregung bis kurz vor dem Erregungshöhepunkt an?
  • Erleben Sie die genitale Stimulierung Ihres Partners als erfüllend?
  • Ist ein Orgasmus für Sie nur bei bestimmten Stimulationstechniken erreichbar?
  • Mögliche Ursachen von Störungen des Orgasmuserlebens

Vortäuschen von Orgasmen

Laut einer früheren Studie von C. Darling und J. Davidson (1986) entscheiden sich viele Frauen (bis zu 58 %), einen Orgasmus vorzutäuschen, um sich von Scham- und Schuldgefühlen kurzfristig zu entlasten, ihrem Partner Bestätigung zu geben oder partnerschaftlichen Auseinandersetzungen aus dem Wege zu gehen.

Eine Studie von S.M. Grüsser und KollegInnen (2003) hat ferner gezeigt, dass Frauen unter anderem einen Orgasmus vortäuschen, um für den Partner sexuell attraktiver zu sein. Dies hat allerdings häufig Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl der Frauen. Viele Frauen spüren, wie sie sich durch ihr unehrliches Verhalten von ihrem genussvollen Körpergefühl entfernen und sich in einen Teufelskreislauf hinein begeben: Aufgrund des nicht erlebten Orgasmus und der Zunahme des Erwartungsdruckes an sich selbst verstärkt sich meist auch die innere psychische Anspannung und ein Orgasmuserleben wird durch die Anspannung verunmöglicht.

Zusammenfassung

Obwohl der physiologische Ablauf des weiblichen Orgasmus bei allen Frauen ähnlich ist, unterliegt das subjektive Erleben deutlichen Schwankungen und ist multifaktoriell bestimmt. Die meisten Orgasmen werden durch eigene oder fremde klitorale Stimulation hervorgerufen. Brustwarzen- und vaginale Stimulation können die Erregung steigern. Bei optimaler Erregung können Frauen auch mehrere Orgasmen hintereinander erleben.

Die Orgasmusschwelle und die für das Überwinden dieser Schwelle notwendigen Reize sind vielfältig und durch sexuelle Erfahrung subjektiv zu eruieren und auch zu kommunizieren.

Das Alter bringt sexuelle Reife mit sich und hat nur insofern einen Einfluss, als körperliche Veränderungen das Orgasmuserleben beeinträchtigen können.

Bei der Diagnostik ist abzuklären, ob eine Orgasmusstörung primär oder erworben ist, global oder situativ auftritt und welchen Einfluss diese auf die Partnerschaft zum Beispiel in Form des Vortäuschens von Orgasmen hat.

Es gibt viele verschiedene Ursachen für die Entstehung von Orgasmusstörungen.

  • Die organischen Faktoren sind auszuschließen, bevor eine ausführliche psychologische Ursachenforschung vorgenommen wird.
  • Als bedeutsame psychische Faktoren sind Ängste und sexuelle Schuldgefühle, eine negative Bewertung der eigenen Sexualität, Sexualmythen, sexuelle Skripts sowie auch Informationsmangel und sexuelle Traumata zu nennen.
  • An partnerschaftlichen Faktoren kommen bei Orgasmusstörungen mangelnde Attraktivität des Mannes, Kommunikationsdefizite und Interaktionsschwierigkeiten in Frage.

Lesen Sie hier weiter über Therapiemöglichkeiten und Lösungsansätze bei Orgasmusstörungen.

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Checkliste: Orgasmusstörungen bei der Frau

Dieser Artikel ist Teil einer Serie über weibliche Sexualstörungen. Lesen Sie dazu auch die Artikel:
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Modelle weiblicher Sexualität
sexuelle Funktionsstörungen der Frau
Therapie von Orgasmusstörungen
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Störungen im sexuellen Verlangen