Posttraumatische Verbitterungsstörung (PTED)

In einer Partnerschaft kann die gegenseitige Verletzung nicht ausbleiben. Denn nach der Phase der Verliebtheit (die von machen Autoren augenzwinkernd als leichte Form der Psychose beschrieben wird) kommt unweigerlich die Realität zurück, bei der der/die PartnerIn, den Glanz verliert, Ecken bekommt und unsympathische Seiten bloßlegt. Das ist an und für sich natürlich und normal, doch schockiert dieses Stadium nicht wenige Liebende und lässt an der Partnerschaft zweifeln. Besonders einschneidende negative Erlebnisse können unter Umständen eine posttraumatische Verbitterungsstörung auslösen.

Definition

Der Berliner Psychiater und Psychologe Michael Linden hat in den letzten zehn Jahren eine Störung beschrieben, die „posttraumatische Verbitterungsstörung“ (posttraumatic embitterment disorder, PTED) genannt wird. Eine PTED kann als Folge außergewöhnlicher, jedoch lebensüblicher Belastungen entstehen. Hier werden insbesondere Partnerschaftsprobleme und zwischenmenschliche Konflikte, aber auch Kündigung und Verlusterlebnisse angeführt. Diese Belastungen werden als ungerecht, kränkend oder herabwürdigend erlebt.

Häufigkeit und Hintergründe

Verbitterung ist ein Gefühl, das jedem Menschen bekannt ist. Bei Umfragen geben etwa die Hälfte der Menschen an, dass sie in den letzten Jahren Erlebnisse hatten, deren Erinnerung ein Gefühl der Verbitterung hochkommen lässt. Ähnlich wie Angst kann eine verstärkte Verbitterung zu einem krankheitswertigen Zustand führen, der die Betroffenen schwer beeinträchtigt und der behandelt werden muss.

Ursachen

Zu schweren Verbitterungsreaktionen kommt es, wenn durch ein Ereignis oder andere Personen wichtige „Grundannahmen“ grob verletzt werden. Grundannahmen (im Englischen: basic beliefs) sind psychologische Einstellungen und Wertorientierungen, die dazu dienen, sich über die Lebensspanne hin kohärent (logisch zusammenhängend und nachvollziehbar) verhalten zu können (z.B. „Die Familie ist das Wichtigste im Leben!“ „Mein Partner betrügt mich nicht!“ „Wir halten zusammen!“ „Wir bleiben ein Leben lang zusammen, bis dass der Tod uns scheidet!“ usw.).

Besonders in jenen Bereichen, in denen Menschen besonders viel Energie hineinstecken, sind sie verletzlich. Kränkungen und Ungerechtigkeit in der Partnerschaft werden psychologisch als Aggression erlebt. Wenn darauf nicht mit wirksamer Verteidigung reagiert werden kann, setzt Hilflosigkeit, Resignation und Verbitterung ein. Verbitterung hat dabei auch den Charakter einer Bestrafung des Aggressors (Partners) durch Selbstzerstörung, was die zum Teil ausgeprägten aggressiven Phantasien und Handlungen sowie erweiterte Suizide (Selbstmorde in Kombination mit der Ermordung enger Verwandter) erklärt.

Verharren in Opferrolle

Die lange, manchmal sogar lebenslange Dauer der Verbitterung kommt dadurch zustande, dass Betroffene oft in einer passiven Opferrolle verharren. Es bildet sich eine Unversöhnlichkeit, die das Verstehen der anderen Seite unmöglich macht. Aus Trotz gehen viele nicht in Therapie, sondern verbohren sich im eigenen Unglück. Das hat zwar den positiven Nebeneffekt, dass das Umfeld Mitleid bekundet, doch bietet das bloß eine bittere und kurze Befriedigung. Zudem verstärkt Mitleid in diesem Fall bloß die passive Haltung und erschwert aktive Änderungen.

Symptome

PTED ist durch Verbitterung, Entwicklung einer ausgeprägten psychischen Begleitsymptomatik, mit chronischem Verlauf und sozialmedizinisch erheblichen Negativfolgen zu charakterisieren. Im Vordergrund des Beschwerdebildes steht ein andauernder Verbitterungsaffekt, verbunden mit Gefühlen von Hilflosigkeit, Vorwürfen gegen sich und andere, aggressiven Phantasien gegen sich selbst und andere bis hin zu Gedanken an Selbstmord. Hinzu kommen typischerweise Antriebsblockade und innere Unruhe, psychosomatische Erkrankungen, Schlafstörungen und sozialer Rückzug. Plätze und Personen, die mit dem traumatischen Ereignis assoziiert sind, werden vermieden, was vordergründig wie eine Phobie erscheinen kann. Die Grundstimmung ist bedrückt, missmutig und traurig (dysphorisch). Diese Störungen können auf den ersten Blick wie eine Depression wirken. Allerdings ist im Gegensatz zur Depression die Bandbreite der emotionalen Reaktionsfähigkeit (affektive Modulation) ungestört.

Die Krankheit weitet sich auch in andere Lebensgebiete in zerstörerischer Weise aus, wobei die Symptome von Selbstzweifel, Appetitlosigkeit, Depressionen, Phobien und Aggressionen bis hin zu Selbstmordgedanken reichen. Viele vereinsamen und gehen nicht einmal mehr auf die Straße.

Diagnose

Diagnostische Kriterien der Posttraumatischen Verbitterungsstörung in Anlehnung an ICD-10:

A.
Die folgenden drei Kriterien müssen erfüllt sein: Die Betroffenen haben

  1. ein einschneidendes persönliches Ereignis erlebt bzw. eine einschneidende persönliche
    Erfahrung gemacht, die sie äußerst gekränkt, herabgewürdigt oder verbittert hat.
  2. Das kritische Lebensereignis wird als ungerecht erlebt mit dem Gefühl, dass das
    Schicksal oder der Verursacher nicht fair mit ihnen umgegangen ist.
  3. Das Ereignis ist den Betroffenen bewusst und hat ihre psychische Befindlichkeit deutlich
    und anhaltend negativ verändert.

B.
Von den folgenden drei Kriterien müssen mindestens zwei vorliegen: Die Betroffenen erleben

  1. wiederkehrend (rezidivierend) sich aufdrängende und belastende Erinnerungen,
  2. Gedanken oder Träume an das kritische Lebensereignis und/oder Zeigen heftiger
    emotionaler Reaktionen, wenn sie an das Ereignis erinnert werden
  3. Die ausgeprägte emotionale (affektive) Reaktion wird von den PatientInnen häufig als
    Verbitterungsgefühl wahrgenommen.

C.
Von den folgenden acht Kriterien müssen mindestens vier erfüllt werden:

  1. tatsächliche oder mögliche Meidung von Orten oder Personen, die an das kritische
    Lebensereignis erinnern
  2. Beeinträchtigung familiärer Aktivitäten
  3. Beeinträchtigung beruflicher Aktivitäten
  4. Beeinträchtigung von Hobbys, Freizeitaktivitäten und sozialen Aktivitäten
  5. erhebliche Selbstvorwürfe, Ärger auf sich selbst
  6. häufig gedrückte Grundstimmung
  7. häufig gereizte Grundstimmung
  8. bei Ablenkung kurzfristig normale Stimmungslage möglich

D.
Die beiden folgenden Kriterien müssen erfüllt sein:

  1. Dieses Verhalten und Erleben bestand nicht vor dem belastenden Ereignis.
  2. Dieses Verhalten und Erleben besteht seit mindestens sechs Monaten.

Vorbeugende Maßnahmen

Faktoren, die der Verbitterungsreaktionen vorbeugen können und auch therapeutisch genutzt werden können, sind zum einen Weisheit im Sinn der modernen Weisheitspsychologie (Experte-sein im Umgang mit schwierigen und unauflösbaren Lebensfragen), zum anderen eine allgemeine Stärkung der individuellen Widerstandsfähigkeit (Resilienz).

Lösungsansätze

„Weisheitsherapie“

Als einen neuen und speziell auf die PTED abgestellten Behandlungsansatz hat Linden Interventionen im Sinne einer “Weisheitstherapie” entwickelt, die sich an der bekannten psychologischen Weisheitsforschung orientieren. Es werden “weisheitsaktivierende” Problemlösestrategien vermittelt, die es dem Patienten/ der Patientin ermöglichen, mit neuen Perspektiven, mehr Distanz, wechselnden Referenzsystemen und unter Berücksichtigung verschiedener Metaaspekte über sein/ ihr Problem differenzierter nachzudenken und zu urteilen und eine Verarbeitung anzustoßen.

Hierbei werden den PatientInnen beispielsweise komplexe Lebensprobleme vorgegeben (z.B. ein Mann lässt seine Frau mit Schulden sitzen) und die PatientInnen angeleitet, dieses Problem aus verschiedenen Perspektiven (Mann oder Frau, heute oder am Lebensende, externer Kommentar eines Pfarrers, Psychologen, einer lebenserfahrenen Großmutter) zu kommentieren und dabei Fähigkeiten des Perspektivwechsels, der Wertrelativierung u.a. einzuüben.

Loslassen und vergeben

Überwinden kann man Verbitterung durch das Loslassen. Verbitterte wollen die absolute Gerechtigkeit hier und jetzt erleben. Man kommt jedoch erst durch die Erkenntnis weiter, dass diese Gerechtigkeit nicht existiert und alles Erlebte bloß relativ ist. In der “Weisheitstherapie” geht es darum, das erfahrene Unrecht zu ertragen statt an ihm zu verzweifeln. Dabei versucht man unter anderem, die Perspektive zu wechseln. Entsprechend der klassischen Methodik wird der Konflikt zunächst aufgezeichnet und dann in verschiedenen Sichtweisen dargestellt, deren Existenz von den Erkrankten zuvor oft geleugnet wurde. Der Therapeut berührt jedoch nicht den inhaltlichen Grund der Verbitterung, sondern andere, scheinbar unlösbare Situationen. Diese lassen leichter erkennen, dass ein Weg aus dem Unglück heraus existiert.

Bisher wurde der Aspekt der Vergebung in Europa kaum wissenschaftlich behandelt, vermutlich aus Angst, dass der Begriff automatisch Religion impliziert. Verzeihen ist jedoch in erster Linie ein psychischer Akt und weniger ein religiöses Phänomen. Verzeihung als beste Form des Loslassens beschreibe einen Prozess, der im Wesentlichen zwei Voraussetzungen braucht. Erstens ist die Erkenntnis nötig, dass man auch selbst Fehler macht. Erst dadurch wird man bereit, auch dem Täter falsches Handeln zugestehen zu können. Zweitens braucht man eine Portion Großmut, um tatsächlich ein ‘Schwamm drüber!’ sagen zu können.