Intimitätshürde Brustkrebs

Intimitätshürde Brustkrebs

Die Sexualmedizinerin Dr. Elia Bragagna berichtet in der „Sprechstunde“ von Fällen aus ihrer täglichen Praxis. Alle persönlichen Angaben der Patienten und Patientinnen wurden geändert, die Geschichten, Probleme und Lösungsfindungen entsprechen jedoch der Realität.

Hans S. (40) weiß nicht wie er damit umgehen soll. Er möchte gerne wieder mit seiner Frau schlafen, traut sich aber nicht, es ihr zu sagen. Sie hatte Brustkrebs und hat sich in der Folge körperlich ganz von ihm zurückgezogen.

Vorgeschichte

Ich bitte Herrn S. zu mir in die Ordination, weil er sich am Telefon so verzweifelt und hilflos anhört. Er sitzt mir auch wir ein Häufchen Elend gegenüber. Seine Frau wurde vor über einem Jahr an der rechten Brust operiert. Zum Glück musste nur ein kleiner Teil entfernt werden. Es erinnert nur eine Narbe an die belastende Diagnose Brustkrebs. Beide seien unter Schock gestanden. Sie seien sprachlos gewesen und hätten leider auch später kaum miteinander geredet. Seine Frau hat sich immer mehr zurückgezogen. Sie versuchte so gut es ging mit der Operation und der folgenden Behandlung fertig zu werden. Er hatte entsetzliche Angst sie zu verlieren. Auch Angst, was dann mit den Kindern werden würde. Er unterdrückte alle Gefühle, weil er einfach nicht wusste, wie er damit fertig werden sollte.

Problem

Seine Frau muss Antihormone einnehmen und er hat das Gefühl, dass sie das zusätzlich noch mehr veränderte. Sie wirkt gedrückter und leidet unter dem frühen Eintritt des Wechsels.
Er fragt mich verlegen, ab wann er denn wieder mit seiner Frau intim sein könne. Er will allerdings nicht, dass Sie das Gefühl hat, er reagiere sich körperlich an ihr ab. Es fehle ihm der Austausch von Zärtlichkeit und diese innigen Nähe, die nur beider Sexualität möglich sei. Seine Frau vermeidet aber jede Situation, in der er ihr näher kommen könnte. Sie schließt die Badezimmertür ab, was sie früher nie gemacht habe. Legt sich früher schlafen oder geht erst zu Bett, wenn er schon längst schläft.

Herr S. fühlt sich wie viele Männer in dieser Situation hin und hergerissen zwischen der Sehnsucht nach körperlichen Nähe und der Angst seine Frau dadurch zurückzuschrecken. Leider reagiert er auch wie die meisten in dieser Situation: Sie schweigen und hoffen, dass sich die Situation von selbst klärt. Das geschieht leider sehr selten. Meistens führt das nur zu einer unnötig langen, bedrückenden Situation. Gelegentlich finden Paare auch gar nicht wieder zu einander.

Lösungsansatz

Jetzt wäre es an der Zeit, dass er seine Frau auf seine Unsicherheit und sein Bedürfnis nach Nähe anspricht. Das überfordert ihn allerdings vollkommen. Ich lade ihn ein, das nächste Mal mit seiner Frau zu mir auf ein Gespräch zu kommen. Als das Paar zusammen zu mir kommt, scheint schon etwas Bewegung in die Situation gekommen zu sein. Seine Frau erzählt, dass es ja wirklich an der Zeit sei, sich wieder in das Leben zurück zu begeben. Unter Tränen erzählt sie, dass sie noch so viele Hürden zu überwinden habe. Sie habe noch immer so schreckliche Angst vor Metastasen. Jedes Mal, wenn sie im Spiegel die Narbe an der Brust sehe, werde sie wieder daran erinnert. Sie könne sich deswegen auch nicht von ihrem Mann an der Brust streicheln lassen.

Beide laden zum ersten Mal seit der Schock-Diagnose Brustkrebs all ihre Ängste und Unsicherheiten bei mir ab. Zusammen erarbeiten wir einen Stufenplan, wie sie einander wieder näher kommen können. Dazu gehört auch ein Austausch über Gefühle, seelische und körperliche Bedürfnisse. Beide beginnen in kleinen Schritten einander körperlich wieder näher zu kommen und sind froh, dass sie eine Begleitung durch diese Zeit der Unsicherheit in die Sicherheit gefunden haben.

Information

Jährlich erkranken ca. 4700 Frauen in Österreich an Brustkrebs. Das kann in der Folge auch einen starken Einfluss auf die Beziehung und Sexualität haben. Seien Sie nett zu sich und holen Sie sich professionelle Unterstützung, wenn Sie nicht mehr weiter wissen.

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