Rede Bill Clintons bei Aids 2010: Jeder und Jede kann etwas tun!

Rede Bill Clintons bei Aids 2010: Jeder und Jede kann etwas tun!

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Am 19. Juli 2010 hielt der 42. Präsident der Vereinigten Staaten, Bill Clinton, eine vieldiskutierte Rede im Rahmen der 18. Welt-Aids-Konferenz in Wien. Nachstehend finden Sie die wichtigsten Auszüge seiner Ansprache. Das Originaltranskript der Rede, das diesem Artikel zugrunde liegt, wurde von der Kaiser Family Foundation zur Verfügung gestellt.

Menschenrechte hier und jetzt!

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Das Motto der diesjährigen Welt-Aids-Konferenz lautet: “Menschenrechte hier und jetzt!” Dieses Motto erinnert uns daran, dass medizinische Versorgung ein Recht für jeden Menschen sein sollte - aber dies gilt leider bis dato noch lange nicht für alle Menschen. Wir wissen alle - es gibt noch viel zu tun!

Ungeachtet der Weltwirtschaftskrise dürfen wir jetzt in unserer Arbeit nicht nachlassen. Neue Formen des Spendensammelns haben uns und werden uns in Zukunft viel Geld einbringen. UNITAID sammelt die meisten Spenden über einen winzigen Zuschlag für ein Flugticket ein. Mittlerweile beteiligen sich bereits 29 Länder an diesem Programm.

Begonnen hat all dies als simple kleine Steuer auf alle internationalen Flugtickets von und nach Frankreich. Mittlerweile spenden 29 Nationen jedes Jahr an UNITAID, manche aus dieser Steuer auf Flugtickets, manche aus der CO2-Steuer. Andere Menschen finden andere Wege unsere Arbeit finanziell zu unterstützen - ich bin wirklich dankbar dafür.

UNITAID und CHAI - zwei starke Partner

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Unsere Stiftung CHAI arbeitet gemeinsam mit UNITAID intensiv an einer weiteren Senkung der Medikamentenpreise. Wir konnten bereits eine umfassende Preisreduktion bei sogenannten Firstline-Medikamenten erreichen (das sind Medikamente, die bei einer Erkrankung in erster Linie verordnet werden). Nun wurden wir gebeten, das auch für die Secondline-Medikamente zu tun. Und es ist uns gelungen. Die Preise für Secondline-Medikamente haben sich 1.000,00 Dollar auf 425,00 Dollar reduziert.

Als wir mit unserer Arbeit angefangen haben, kosteten antiretrovirale Medikamente für Kinder 600 Dollar pro Person und Jahr. Mittlerweile kosten die gleichen Arzneimittel 60 Dollar pro Person und Jahr.

Mit unserer Stiftung ist es uns gelungen, mit vielen Generikaproduzenten verminderte Preise für Medikamente auszuhandeln. Nunmehr haben wir erstmals einen Vertrag mit einem amerikanischen Pharmaunternehmen geschlossen: Das Unternehmen ist Pfizer und meines Wissens nach das einzige Unternehmen, das ein Medikament zur gleichzeitigen Behandlung von Aids und Tuberkulose herstellt. Pfizer reduzierte den Medikamentenpreis für uns um 60 Prozent.

Viel erreicht - noch viel zu tun

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Mittlerweile sind weltweit 5,2 Millionen Menschen in antiretroviraler Behandlung. Das bedeutet für die vergangenen beiden Jahre eine Steigerung um 2,6 Millionen Menschen. Rund die Hälfte von ihnen profitiert von den von unserer Stiftung ausgehandelten niedrigeren Medikamentenpreisen. 300.000 Kinder können mittlerweile behandelt werden. Und die globale HIV-Inzidenz ist auf 17 Prozent gesunken.

Viele Länder setzen sehr entschlossene Schritte zur Bekämpfung von HIV/Aids, wir alle sind begeistert von dem Weg, den etwa Südafrika zur Zeit geht.

Ich traf Präsident Jacob Zuma, als ich kürzlich in Südafrika war. Und der Mann ist stolz darauf, dass sein Land nicht länger ein Paria im Kampf gegen Aids ist. Mit innovativen Programmen ist es Südafrika gelungen mehr als 300 Millionen Dollar einzusparen. Geld, das nun in Millionen Tests und Therapien für HIV-infizierte Menschen investiert werden kann.

Zirkumzision schützt

Wissen heute, dass die Beschneidung der Vorhaut des männlichen Penis die Ansteckungsgefahr für Männer um 50 Prozent reduziert. Dafür haben wir nun Beweise. Wir wissen, die Behandlung einer HIV-Infektion mit hochwirksamen antiretroviralen Medikamenten reduziert das Übertragungsrisiko gar um 90 Prozent.

Und jene tradierten, kulturellen Mythen wie etwa: Afrikanische Männer würden niemals zum Arzt gehen um sich beschneiden zu lassen, haben sich als falsch erwiesen. Sie würden - aber es fehlt immer noch an geeigneten Einrichtungen, denn natürlich muss eine solche Zirkumzision unter gesicherten Bedingungen erfolgen.

Wir müssen mehr tun!

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Wir müssen dort ansetzen, wo es die höchsten Transmissionsraten gibt. Das betrifft auch jene Orte auf der Welt, in denen die höchsten Ansteckungsraten immer noch unter homosexuellen Männern zu finden sind. Und die Politik in diesen Ländern ignoriert diese Tatsache oder stigmatisiert die Betroffenen.

Das betrifft aber auch jene Orte, wie etwa in Osteuropa, in denen sich die meisten Infektionen unter Drogengebrauchern finden, die sich Drogen intravenös verabreichen.

Es freut mich, Ihnen sagen zu können, dass die Gelder aus unserer Stiftung seit kurzem auch für Spritzenaustauschprogramme verwendet werden können. Denn - und das sollten alle wissen - Substitutionsprogramme und Spritzentausch erhöhen den Drogenkonsum nicht - im Gegenteil, er sinkt.

Wir haben nicht das Geld der ganzen Welt. Aber wir müssen die Mittel, die wir haben, besser einsetzen.

Weniger Kosten - effizienteres Arbeiten

Wir müssen endlich die Kosten senken. In der vergangenen Dekade haben wir Notfallpläne entwickelt, um Geld in die richtigen Kanäle zu lenken. Geld, das in etablierte Organisationen gesteckt wurde, die erst einmal hohe Kosten verursachen, bevor sie Projekte angehen können.

Es wird zu viel Geld für Studien und Reports ausgegeben, die dann in der Schublade landen. Das wäre nicht tragisch, hätten wir alles Geld der Welt. Aber vergessen Sie bitte nicht: Jeder Dollar, der verschwendet wird, ist ein Dollar weniger, den wir für die Rettung eines Menschenlebens einsetzen können.

Ich denke, in zu vielen Ländern wird zu viel Geld für zu viele Menschen, die in zu viele Meetings gehen und zu viel in Flugzeugen sitzen und zu viel technische Assistenz benötigen, verschwendet.

Wir müssen die zur Verfügung stehenden Mittel weiser ausgeben. Die Gelder sollten direkt den Regierungen in jenen Ländern zugute kommen, die sie brauchen, und die oft selbst Organisationen mit viel weniger Mitteln und Aufwand auf die Beine stellen können, als eine Hilfsorganisation, die von außen ins Land kommt.

Und auch wir als Hilfsorganisationen haben die Pflicht, unsere Kosten soweit wie möglich abzusenken. Wir haben gedacht, wir tun bereits das Beste was wir können. Und dann habe ich herausgefunden, dass dem nicht so ist. Ich denke, jene, die Geld für Organisationen spenden, die Aids bekämpfen, sollten nachdenken und sich selbst sagen: Ich gebe mein Geld nur noch jenen Organisationen, die die Dinge besser, schneller und mit geringeren Kosten umsetzen können.

Gesundheit - eine lukrative Investition

Wenn Sie in den USA ein Kraftwerk errichten, so zahlt der Staat dem Erbauer um die 20 Jahre lang Geld für seine Investition. Wenn Sie heute einem Kind das Leben retten, so heißt es nur: Was kostet diese medizinische Innovation heute? Das ist falsche Ökonomie. Denn die Rettung dieses Kindes ermöglicht diesem Menschen ein produktives, mindestens 70 Jahre dauerndes Leben. Deshalb ist Investition in die Gesundheit eine lukrative Investition, die Früchte trägt.

The Bucket List

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Lassen Sie mich zum Schluss kommen: Vor einigen Jahren sah ich einen großartigen Film mit Morgan Freeman und Jack Nicholson. Der Film heißt “The Bucket List” (zu Deutsch etwa: Bevor ich den Löffel abgebe…, Anm. der Autorin). In diesem Film spielen die beiden zwei Männer, die an Krebs erkrankt sind. Sie freunden sich an und erstellen eine Liste der Dinge, die sie vor ihrem Tod unbedingt noch tun wollen - und diese Liste arbeiten sie dann ab.

Ich bin jetzt 64 Jahre alt und ich denke ich habe das Recht auf meine eigene “Löffelliste”. Ich habe eine A- und eine B-Liste. Auf der B-Liste stehen Dinge die Spaß machen, wie etwa den Kilimanjaro (auf Deutsch: Der kleine Hügel) zu besteigen, bevor der letzte Schnee dort oben geschmolzen ist. Es macht nichts aus, ob ich diese Dinge tatsächlich noch tun kann oder nicht.

Auf meiner A-Liste stehen die Dinge, die wirklich wichtig für mich sind: Ich möchte meine Enkelkinder noch erleben und ich wünsche mir, dass in einigen Jahren alle Enkelkinder die Chance haben, ihre Träume zu verwirklichen und nicht vor ihrer Zeit zu sterben. Für uns heißt das: Spenden sammeln, Menschen ausbilden, falsche Entscheidungen zu verhindern. Für uns heißt das: Wir müssen besser, schneller, effizienter werden. Wir haben nur eine Chance: Wir müssen daran glauben, dass es mehr positive als negative Dinge gibt - und ich wette mit Ihnen - es ist so!

Danke und Gott schütze Sie alle!