Schmerz statt Lust

Schmerz statt Lust

Die Sexualmedizinerin Dr. Elia Bragagna berichtet in der „Sprechstunde“ von Fällen aus ihrer täglichen Praxis. Alle persönlichen Angaben der Patienten und Patientinnen wurden geändert, die Geschichten, Probleme und Lösungsfindungen entsprechen jedoch der Realität.

Anita B. (24) leidet unter schmerzhaftem Geschlechtsverkehr, aber die Frauenärzte können keine organische Krankheit feststellen. Kann ihr geholfen werden?

Problem

Frau B. kommt mit ihrem Partner in die Sexualambulanz. Jeder Versuch ihres Partners, beim Geschlechtsverkehr in sie einzudringen, verursacht heftige Schmerzen. Die Folge: Seit vier Jahren haben sie nicht mehr miteinander geschlafen, obwohl sie einander lieben. Das Problem belastet beide schwer, denn sie leben nur noch wie enge Freunde zusammen und fürchten, dass die Beziehung daran zerbrechen könnte.

Vorgeschichte

Begonnen hat alles beim ersten Mal. Damals kamen vom Partner schnell eindeutige Signale und sie wollte nicht die sperrige Zicke sein. Ihr ging aber alles viel zu rasch. Es blieb keine Zeit, sinnlich miteinander zu spielen und vertrauter zu werden. Die Folge: Sie wurde nicht erregt, ihre Scheide blieb trocken und war zum Geschlechtsverkehr noch nicht bereit. Beim Eindringen des Penis spürte sie heftige Schmerzen, die noch lange anhielten. Sie wusste nicht, ob und wie sie ihm das sagen sollte und blieb mit dem Problem allein. Trotz heftiger Schmerzen schlief sie in dieser Zeit täglich mit ihm.

Krise

Die Situation spitzte sich zu. Anita begann immer mehr zu bremsen, suchte Ausreden, um nicht mit ihrem Partner schlafen zu müssen. Jede seiner zärtlichen Annäherungen löste in ihr die Angst vor Schmerzen aus. Um solche Situationen zu verhindern, ging sie vor oder nach ihm schlafen oder sie provozierte unbewusst Streitigkeiten. Schließlich gestand sie verzweifelt ihr Problem. Er war erst geschockt und dann sehr um sie bemüht. Gleichzeitig wurde er aber immer unsicherer, weil er fürchtete, ihr weh zu tun. Wenn er doch mit ihr schlief, fühlte er sich schlecht und so begann auch er, sich zurückzuziehen. Ihr war das einerseits recht, andererseits fühlte sie sich schuldig, denn sie wusste, dass ihm Sex viel bedeutete. So suchte sie Hilfe bei Gynäkologen, hörte aber jedes Mal, dass „sie nichts habe“ und blieb weiterhin mit dem Problem alleine.

Medizinische Erklärung

Anita ist in einem Teufelskreis gefangen. Um erregt werden zu können, müsste sie sich auf Sexualität freuen und Berührungen genießen können. So könnte sie ihrem Körper helfen, denn über sinnlich empfundenen Kontakt gehen Meldungen zum Hirn, die in Erregung umgesetzt werden und dadurch die Durchblutung der Genitalien steigern. Erst so kann die Scheide genug Feuchtigkeit produzieren und einen guten Gleitfilm bilden. Gleichzeitig entspannen sich die Beckenbodenmuskeln, der Scheideneingang weitet sich und der Penis kann leicht eindringen. All diese Vorgänge werden durch den „Entspannungsnerv“ geregelt, der nur aktiv werden kann, wenn die Frau sich entspannt hingibt. Anita aber ist das genaue Gegenteil und aktiviert dadurch genau die Nerven, die dazu beitragen, dass die Genitalien schlecht durchblutet werden, kein Schutzfilm gebildet wird und ihr Beckenboden in Abwehrspannung bleibt.

Lösungsansatz

Um aus diesem Teufelskreis herauszukommen, rate ich dem Paar zu einer Sexualtherapie. Dabei lernen beide, ihr altes, angespanntes Muster hinter sich lassen und zu einer unbeschwerten Sexualität zu finden.

Informationen

Entgegen der verbreiteten Annahme, dass schmerzhafter Geschlechtverkehr erst bei Frauen nach dem Wechsel auftritt, zeigen Studien, dass besonders jüngere Frauen betroffen sind.

*Alter*______*Schmerzhafter Geschlechtsverkehr* 18-24___________21 % 25-34___________15 % 35-44___________13 % 45-59___________18 %

(Rosen 1998, Laumann 1999, Madersbacher 2003)

Ursachen:

• Angespannte oder unpassende Situation • Unausgetragene Unstimmigkeiten • Kein Bedürfnis nach Sex • Zuwenig oder falsche Stimulation • Geschlechtsverkehr ohne genügende Lubrikation • Zu geringe Stimulation während des Geschlechtsverkehrs • durch den Hormonmangel nach dem Wechsel: - Verletzbare Scheidenschleimhaut - Schlechte genitale Durchblutung und dadurch Schwierigkeit feucht zu werden

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