Selbstbefriedigung bei Jugendlichen

Im Umgang mit dem Thema Selbstbefriedigung ist es wichtig, nicht zu werten und zu bewerten. Selbstbefriedigung kann eine gute Möglichkeit sein, die Lust mit dem eigenen Körper zu erleben. Burschen und Mädchen, die jedoch kein Interesse an Selbstbefriedigung haben, sind genauso sexuelle Wesen wie andere, denn sexuelle Kompetenz misst sich nicht an Selbstbefriedigung. Noch immer ist es wichtig, Jugendlichen zu bestätigen, dass Selbstbefriedigung weder körperliche noch psychische Schäden hervorruft. Sie ist jedoch auch nicht unabdingbar, um einen Weg in die eigene Lust zu finden und es ist damit auch nicht schädlich, es nicht zu tun. Wie alles in der Sexualität ist die Selbstbefriedigung geprägt durch das eigene Interesse, die lustvolle Neugierde und den Genuss mit sich selbst.

Erfahrungen mit dem Körper

Die sexuellen Basiskompetenzen für die erwachsene Sexualität werden sehr stark in den ersten sechs bis zehn Lebensjahren gelegt. In dieser Altersphase greifen alle Kinder, Mädchen und Buben, gleich oft, gleich viel, gleich lustvoll an ihr Genital. Kinder spüren, dass diese Berührung lustvoll und angenehm ist, ein besonderes Gefühl.

Positive Erfahrungen

Wenn es Kindern möglich ist, in den ersten zehn Lebensjahren zu erfahren, dass ihr Körper als Ganzes etwas Tolles ist, dass das eigene Genital ein wunderbarer, sensibler Schatz ist, auf den sie selbst achtgeben können, den sie genießen dürfen, dann haben Kinder sehr wichtige Erfahrungen gemacht.

Negative Erfahrungen

Wird hingegen subtil oder direkt vermittelt, dass der Genitalbereich schmutzig ist, dass es nicht erlaubt ist ihn anzugreifen, dass Lust mit sich selbst zu erleben unerwünscht oder peinlich und negativ besetzt ist, dann prägt sich dieser Zugang zum eigenen Körper ein. Er prägt letztendlich auch die erwachsene Sexualität. Zugänge dieser Art können im Erwachsenenalter natürlich wieder verändert werden, es braucht jedoch Energie, Reflexion und ein großes Körperbewusstsein, um diesen Schritt anzugehen.

Keine Regeln

Selbstbefriedigung ist eine gute Möglichkeit, den eigenen Körper kennen zu lernen. Der Umkehrschluss - befriedige dich selbst, dann wirst du wissen, was dir gefällt - gilt aber nicht unbedingt. Selbstbefriedigung ab der Pubertät ist von der erwachsenen sexuellen Neugierde auf den eigenen Körper geprägt.

  • Junge Mädchen oder junge Burschen, Erwachsene, die sich nie [Selbstbefriedigung, können einen ebenso bewussten und positiven Bezug zu ihrem sexuellen Körper haben, wie andere.
  • Und natürlich kann es auch sein, dass jemand viel Erfahrung mit Selbstbefriedigung hat und dennoch mit der eigenen Sexualität nicht klar kommt.
  • Und ja, es kann auch sein, dass sich jemand gerne selbstbefriedigt und seine Sexualität im Kontakt mit jemand anderen sehr genießen kann.

Wichtig sind in erster Linie die Erfahrungen mit dem eigenen Körper und der eigenen Lust in den ersten zehn Lebensjahren.

Unterschiede bei Burschen und Mädchen

Burschen und Mädchen haben grundsätzlich gleich viel Interesse an der Sexualität und an sexuellen Themen. Ein subtil spürbares Gesellschaftsverbot gilt für beide Geschlechter, alt vor 50 Jahren noch viel stärker und wurde und wird trotzdem gebrochen. Rein statistisch betrachtet ist ab zehn Jahren Selbstbefriedigung für Mädchen jedoch ein weniger großes Thema im Vergleich zu Burschen.

Unterschiedlich ist der Umgang mit der sexuellen Lust und der sexuellen Erregung. Burschen und Mädchen in der Pubertät unterscheiden sich in der Art und Weise, was sie als sexuell erregend und aufregend finden.

Mädchen

Mädchen können durch eine Situation, einen Blick, ein Gespräch oder auch „einfach so“ gut Stimmung aufbauen - in weiterer Folge ist die Berührung des eigenen Körpers, des eigenen Genitals anregend und stimulierend. Selten erzählen Mädchen und junge Frauen im Alter von zwölf bis 18 Jahren davon, dass ihre Erregung ausschließlich durch die direkte Berührung ihres Geschlechts oder den Anblick einer nackten Person geschieht.

Burschen

Burschen erleben ihre sexuelle Kompetenz in der direkten Übersetzung des Körpers zur Lust. Ein Bursche, der sich selbstbefriedigen möchte, sein Genital gezielt berührt, wird auf diese Weise sehr einfach in die richtige Stimmung versetzt werden und Lust aufbauen. Die Erregung kann auch durch den Anblick einer nackten Person, die als attraktiv eingeschätzt wird, entstehen.

Nicht alle Mädchen und alle Burschen reagieren immer auf diese Weise, aber tendenziell lässt sich beobachten, dass die Erregungswege von jungen Frauen und jungen Männern unterschiedlich beschrieben werden. Dass es manchmal deshalb zu Missverständnissen zwischen den Geschlechtern kommt, ist nachvollziehbar. Ob diese Unterschiedlichkeit eine Folge der Sozialisation ist oder einfach eine unterschiedliche Verteilung der Kompetenzen lässt sich nicht beurteilen - schließlich ist es nicht möglich, eine echte Vergleichsgruppe zu finden.

Tabuthema Selbstbefriedigung

Bewusste, positive, lustvolle, genussreich gelebte Sexualität ist ein Tabuthema. Das gilt auch für die Selbstbefriedigung. Das Tabu besteht im Ignorieren des Genusses und der Lust. Die meisten PädagogInnen und Eltern sprechen mit Kindern und Jugendlichen lieber über das Thema sexuelle Gewalt und Krankheiten als über das Thema Lust. Es ist also nicht so sehr die Selbstbefriedigung, die per se als negativ bewertet wird, sondern die Sexualität an sich.

Religion

In einigen Religionsgmeinschaften wird die Selbstbefriedigung aber sehr wohl als ablehnenswert dargestellt, was viele Jugendliche verunsichert. Dabei geht es nicht nur um Jugendliche, die die Regeln des Islam gerne genau befolgen möchten, sondern auch um katholische Jugendliche mit ähnlichem Anspruch.

In Österreich wurde mit öffentlichen Fördermitteln eine Aufklärungsbroschüre finanziert, die von Menschen gestaltet wurde, die sich selbst als streng katholisch bezeichnen. In dieser Broschüre wird zwar eindeutig klargelegt, dass nach heutigem medizinischen Wissensstand Selbstbefriedigung als nicht schädlich gilt - jedoch als Ausdruck für Egoismus und daher als ein Zeichen für Rückständigkeit. Sprich, Menschen, die ihre Selbstbefriedigung genießen, sind nicht beziehungsfähig.

In Schulen, in denen diese Broschüre verteilt wird, gibt es von Jugendlichen sehr viele, sehr direkte Fragen zum Thema Sexualität, die sich meist direkt auf diesen Passus in der Broschüre beziehen. Die Aussage verunsichert also sehr, wird aber auch häufig hintergefragt.

Welche individuellen Auswirkungen mit solchen Aussagen verbunden sind, lässt sich kaum abschätzen. Man kann aber vermuten, dass jene Bilder und Stimmungen verinnerlicht werden, die am häufigsten gehört werden.

  • Wenn ein Kind schon im Kleinkindalter gelernt hat, dass das eigene Genital schmutzig ist,
  • wenn es mit zehn Jahren gehört hat, dass man erst alt genug werden muss, um Fragen zum Thema Sexualität stellen zu dürfen und sich überhaupt dafür interessieren zu dürfen,
  • dann wird es mit 13 Jahren die Botschaft, Selbstbefriedigung sei ein Zeichen von Rückständigkeit möglicherweise durchaus ernst nehmen.
  • Wenn es aber einen zufriedenen, bewussten und genussvollen Zugang zum eigenen Körper gibt, ganz egal in welcher Weise dieser gelebt wird, wird dieselbe Botschaft wahrscheinlich weniger ernst genommen.

Wissen versus Unterbewusstsein

Das Tabuthema Sexualität ist meist subtil spürbar. Werden Jugendliche in der Gruppe gefragt, ob sie glauben, dass Selbstbefriedigung schädlich wäre und negative Auswirkungen auf Körper oder Psyche haben könnte, sagen sie meist „nein“. Diese kognitive Antwort ist das, was sie in Zeitschriften lesen und sicher auch von einigen Lehrkräften hören.

Subtil spüren sie aber auf der tabuisierten Ebene etwas anderes. Genau das wird emotional verarbeitet, kann aber kognitiv nicht abgerufen werden und würde daher bei einer Befragung kaum sichtbar werden.

Fragen von Jugendlichen

Artikuliert werden diese Fragen aber z.B. im Rahmen eines sexualpädagogischen Workshops:

  • Ich habe einen Ausfluss, kann es sein, dass dies von der Selbstbefriedigung kommt?
  • Ich habe an meinem Penis kleine Pünktchen entdeckt, kann es sein dass das eine Folge der Selbstbefriedigung ist?
  • Ich weiß, dass Selbstbefriedigung nicht schädlich ist, aber das gilt nur für ein Mal am Tag, oder?
  • Ist es schädlich, wenn man bei der Selbstbefriedigung an perverse Sachen denkt?
  • Ich komme immer zu früh, kommt das von der Selbstbefriedigung?
  • Ich spüre beim Sex wenig, habe Schmerzen, etc. - kann es sein, dass dies von der Selbstbefriedigung kommt?

Was bei diesen Fragen gut erkennbar ist: Das subtile Tabu fängt sofort zu wirken an, wenn etwas am eigenen Körper oder in der Sexualität wahrgenommen wird, das irritierend, störend oder sogar beängstigend ist. Die Suche nach Ursachen beginnt und diese Ursachen werden scheinbar dort gefunden, wo sie jahrhundertelang vermutet wurden.

Aufklärung

Wenn Aufklärung über Selbstbefriedigung passieren soll, dann reicht es daher nicht aus, dieses Thema positiv zu bewerten und zu besetzen. Dann geht es um ein differenziertes Sprechen über dieses Thema und ein aktives Angehen und Erklären möglicher Mythen.

Es macht Sinn, Kindern und Jugendlichen zu erklären, wie Selbstbefriedigung ablaufen kann, welche Erfahrungen dabei gemacht werden können und wie man es anlegen kann, um den eigenen sexuellen Zugang zu erweitern, wenn er/sie dies möchte. Denn Selbstbefriedigung ist ein sexueller Zugang, der sehr unterschiedlich abläuft. Wird über dieses Thema gesprochen, ist es wichtig, es genau, möglichst ohne Bewertungen und in einer bewussten und positiven Sprache zu besprechen.