Selbstbefriedigung

So wie die Sexualität mit einem Partner hat auch Selbstbefriedigung ihren Platz im Geschlechtsleben. Sie ist kein minderwertiger Ersatz für „richtigen“ Sex mit dem Partner, sondern eine gleichberechtigte Variante der Sexualität.

Begriffsklärung

Die beiden geläufigen Ausdrücke für Selbstbefriedigung, Masturbation und Onanie, sind beide in Wahrheit irreführend.

  • „Masturbation“ kommt vom lateinischen „masturbare“, das sich wiederum aus „manus“ für Hand und „stupare“ für besudeln ableitet. Da die Selbstbefriedigung aber nicht notwendigerweise mit der Hand geschehen muss, ist der Begriff nicht korrekt - wenn auch landläufig etabliert.
  • Ähnlich verhält es sich mit der „Onanie“, die auf die biblische Gestalt des Onan zurückgeht. Nach damaliger Sitte musste Onan nach dem Tod seines Bruders mit dessen Witwe schlafen, um mit ihr Kinder zu zeugen. Er jedoch wollte zweiteres nicht und zog seinen Penis vor dem Samenerguss aus der Frau heraus, betrieb also Coitus interruptus und nicht Selbstbefriedigung. Was die begriffliche Gleichsetzung bewirkte, ist jedoch, dass er seinen Samen damit „verschwendete“ und Sexualität von Fortpflanzung entkoppelte.

Definition

Unter Selbstbefriedigung versteht man im sexualmedizinischen Sprachgebrauch „jede bewusste körperliche Selbststimulierung, die eine sexuelle Reaktion hervorruft“. Meistens werden dazu die Hände benützt, die Geschlechtsorgane und andere erogenen Körperzonen wie Brüste oder Anus gestreichelt und gerieben, meist bis zum Orgasmus. Es können auch Hilfsmittel wie Polster und Decken an denen man sich reibt, und diverses Sexspielzeug verwendet werden.

Selbstbefriedigung bei der Frau

Bei der Selbstbefriedigung greifen viele Frauen gerne zu einfachen Hilfsmitteln: Das Reiben an einem Polster, ein zusammengerolltes Leintuch zwischen den Beinen oder der Duschstrahl mit warmem Wasser können ebenso Lust bereiten wie das simple Zusammenkneifen und Reiben der Oberschenkel. Natürlich kann auch Sexspielzeug wie Vibratoren verwendet werden.

Selbstbefriedigung bei der Frau

Entgegen der Meinung vieler Männer, dass Frauen sich beim Onanieren penisförmige Gegenstände in die Scheide einführen, tun das nur wenige, denn die Scheidenwände haben dafür viel zu wenige Nerven. Vielmehr stimulieren die meisten Frauen bei der Selbstbefriedigung in erster Linie Klitoris und kleine Schamlippen. Oft werden bei der weiblichen Selbstbefriedigung nur dann Gegenstände in die Vagina eingeführt, um einen möglicherweise zusehenden Mann zu erregen.

Selbstbefriedigung beim Mann

Selbstbefriedigung beim Mann So wie bei der Frau, sind auch beim Mann die Techniken und Vorlieben bei der Selbstbefriedigung sehr unterschiedlich. Besonders sensible Teile des Penis sind Eichel und Vorhautbändchen, viele Männer lieben es auch, ihre Prostata direkt oder indirekt zu stimulieren (siehe dazu Artikel G-Punkt beim Mann).

Historische Hintergründe

Selbstbefriedigung war über viele Jahrhunderte nicht nur als große moralische Sünde, sondern auch als gesundheitsgefährdende Praktik angeprangert. Jugendlichen sollte noch in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts mit schweren Strafen oder dem Anbinden der Hände in der Nacht die Masturbation „abgewöhnt“ werden. (Wie es auch im Film „Das weiße Band“ gezeigt wird.) Hartnäckig hielt sich - auch in Medizinerkreisen - der Ansatz, dass Selbstbefriedigung zahlreiche Krankheitsszenarien wie Epilepsie, Rückenmarksschwund, Blindheit und Zersetzung des Gehirns verursachen würde.

Diese jahrhundertelange Verdammung ist auch heute noch in Ansätzen spürbar. Viele, vor allem in Partnerschaft lebende, Menschen unterschiedlichen Alters und beiderlei Geschlechts haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich selbst befriedigen. Und im bekannten aufklärerischen Dr. Sommer-Team der Jugendzeitschrift „Bravo“ befasst sich auch heute noch jede vierte Anfrage von Jugendlichen zwischen zwölf und 16 Jahren mit Ängsten, die die Selbstbefriedigung betreffen. Etwa bei Jungen, ob dadurch „der Samen einmal ausgeht“ oder bei Mädchen, ob ein vaginaler Ausfluss von zu häufiger Selbstbefriedigung herrührt.

Mehr dazu auch im Artikel: Selbstbefriedigung bei Jugendlichen

Medizinische Sicht

Heute ist bekannt, dass Selbstbefriedigung nicht nur keine gesundheitsgefährdenden Auswirkungen hat, sondern erstens völlig normal und für die sexuelle Entwicklung und das Kennenlernen des eigenen Körpers wichtig ist sowie zweitens positive gesundheitliche Auswirkungen hat.

  • Im British Journal of Urology (Originalstudie im BJU International, Bd. 92, S. 211; BJU International) wurde 2003 eine australische Studie veröffentlicht, nach der häufiges onanieren Männer vor Prostatakrebs schützt. Wer in jungen Jahren, genauer genommen in seinen 20ern, öfter als fünf Mal die Woche ejakuliert, senkt der Studie zufolge damit sein Risiko für Prostatakrebs.
  • Jeder Orgasmus trainiert den zwischen Schambein und Anus gelegenen Pubococcygeus-Muskel im Beckenboden. Dies stärkt das sexuelle Erleben und beugt Blasenschwäche vor.
  • Auch auf psychischer Ebene bewirkt ein Orgasmus viel Positives: er baut Stress ab, entspannt und ist ein gesundes und nebenwirkungsfreies Schlafmittel

Alte Ängste

Wie bei den „Historischen Hintergründen“ bereits erwähnt, ist die heutige gesellschaftliche Akzeptanz der Selbstbefriedigung noch sehr jung. Viele Männer und Frauen sehen sie noch immer als einen minderwertigen, „unreifen“ Ersatz für den „richtigen“ Sex mit dem Partner. Onanie wird oft nur als Notlösung betrachtet, wenn kein Partner vorhanden ist. Dabei steht der Selbstbefriedigung eine mit der partnerschaftlichen Sexualität ebenbürtiger Rolle zu, die zum geschlechtlichen Leben ganz normal dazu gehört. Sie ist eine weitere Spielart der Sexualität, unabhängig von der Lebens- und Liebessituation und kann zum Beispiel auch in das partnerschaftliche Sexleben integriert werden. Bei Frauen existiert oft sogar das Phänomen, dass die Lust am Masturbieren mit einer erfüllt gelebten Paar-Sexualität ansteigt.

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