Sex, Anatomie und Weiblichkeit

Was hat Sex mit Anatomie zu tun? Was ist Anatomie überhaupt? Und warum sitzt das weibliche Lustzentrum im Gehirn?

Die Anatomie ist die Lehre vom Aufbau des menschlichen Körpers. Und um zu wissen, wie Frauen und Männer sexuell „funktionieren“, sollten Sie so einiges über den eigenen Körper wissen. Die weibliche Anatomie, besonders im Hinblick auf Sexualität und Schwangerschaft war über die Jahrhunderte hinweg ein großes Tabu. So glaubte man bis weit ins 18. Jahrhundert hinein, dass die Gebärmutter - die auf griechisch Hystera heißt - im weiblichen Körper herumwandert und dadurch allerlei merkwürdige Zustände hervorrufen würde. Der Begriff „Hysterie“ resultierte aus diesen merkwürdigen Denkansätzen.

Beschneidung

Noch Anfang des 20. Jahrhunderts war in Europa außerdem die Beschneidung des weiblichen Genitales durchaus verbreitet - als Therapie gegen Schwermut und Hysterie. Die weiblichen Sexualorgane waren über lange Zeit - eigentlich bis herauf in die Gegenwart - eine unverstandene Zone. Erst jüngste Forschungsergebnisse zeigen langsam, wie das weibliche Genitale in seiner Gesamtheit aufgebaut ist, welche Funktionen es hat und welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten sich mit dem männlichen Genitale finden lassen.

Schaltzentrale im Gehirn

Um weibliche Sexualität und die Anatomie des weiblichen Körpers zu begreifen, sollten wir allerdings im Kopf beginnen. Denn das Sexualzentrum sitzt im Gehirn. Das gilt übrigens für beide Geschlechter. Das Sexualzentrum befindet sich im Hypothalamus, das ist ein Teil des Zwischenhirns. Der Hypothalamus ist ziemlich klein - etwa so groß wie ein Fünfcentstück und wiegt rund 15 Gramm. Dieser Teil des Gehirns ist nicht nur unser Sexzentrum, sondern regelt auch unser vegetatives Nervensystem, das dafür sorgt, dass wir atmen, im Gleichgewicht bleiben, essen und ausscheiden.

Haufenweise Hormone

Das Sexualzentrum im Hypothalamus ist nur rund vier Gramm schwer, hat es aber gewaltig in sich: Sämtliche Hormone, die für Sexualität notwendig sind, werden von diesem Zentrum gesteuert. Wird dieses Lustzentrum von einem sexuellen Reiz erreicht löst das Zentrum eine ganze Reihe von Befehlen aus, die zur Ausschüttung von Hormonen wie Adrenalin, Noradrenalin, Oxycotin, Testosteron, Östrogen, Progesteron, Prolaktin, Dopamin, Pheromonen und Serotonin führen (Hormone siehe Kasten). Testosteron ist übrigens keineswegs nur ein „männliches“ Hormon. Auch Frauen produzieren es und brauchen es, um ihre Sexualität ausleben zu können.

Kaskade von Ereignissen

Kommt ein sexueller Reiz im Gehirn an, beginnt das Sexzentrum diese Botenstoffe (Hormone) auszuschütten. Das setzt im weiblichen Körper eine ganze Kaskade von Ereignissen in Gang. So wird die Haut besser durchblutet, die Nervenenden werden besonders empfindlich, die Brustwarzen schwellen an, die Haut wird berührungsempfindlicher, im kleinen Becken nimmt die Blutmenge zu und das äußere Genitale (Klitoris, große und kleine Genitallippen, Scheideneingang) schwillt an und wird feucht. Die Scheide selbst wird enger, im hinteren Drittel - in der Nähe des Muttermundes - weiter. Die Feuchtigkeit der Scheide wird durch Gewebswasser, das durch das Scheidengewebe dringt, erzeugt. All dies wird durch Botenstoffe in Gang gesetzt.

Primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale

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Abgesehen vom Gehirn werden primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale unterschieden. Primäre Geschlechtsmerkmale der Frau sind:

Vulva (große und kleine Genitallippen, Scheideneingang) • Klitoris • Vagina (Scheide) • Gebärmutter (Uterus) • EileiterEierstöcke

Sekundäre Geschlechtsmerkmale der Frau sind:

• Brüste • Körperbehaarung • Menstruation • weibliche Körperfettverteilung

Vulva ≠ Vagina

Das Wort Vagina kommt aus dem Lateinischen und bedeutet nichts Anderes als „Scheide“. Als der Begriff eingeführt wurde, stellten sich die damaligen Anatomen so etwas wie eine „Schwertscheide“ vor, im Gründe genommen also nichts anderes als ein „empfangendes Gefäß“.
Der Begriff Vagina wurde kritiklos verwendet, um das weibliche Genitale zu beschreiben - das ist aber falsch.

Denn Vagina, das beschreibt eben nur die Körperöffnung, die das sichtbare weibliche Genitale mit den inneren Geschlechtsorganen verbindet.

Korrekt muss es Vulva heißen, wenn von den äußeren Geschlechtsorganen die Rede ist. Die Vulva umfasst das gesamte äußere Genitale, also große und kleine Genitallippen, Klitoris und Vagina-Eingang.

Die Spitze des Eisbergs

Sex, Anatomie und Weiblichkeit Details Und erst in allerjüngster Zeit hat sich auch die Wissenschaft des Themas angenommen und erforscht Aussehen, Aufbau und Funktion des äußeren weiblichen Genitales. Dabei wurden einige durchaus sensationelle Entdeckungen gemacht. So ist beispielsweise die Klitoris deutlich größer als bisher angenommen wurde. Wie bei einem Eisberg ist nur die Spitze dieses wichtigen Teils der äußeren Geschlechtsorgane zu sehen, der größte Teil der Klitoris befindet sich unsichtbar in unserem Körper. Und so sieht eine Klitoris, vollständig dargestellt, aus: (siehe Bild. Abbildung 1: Darstellung einer Klitoris. Quelle: www.wikipedia.at. Autor: Amphis)

Weiblicher „Penis“?

Wie an diesem Bild deutlich erkennbar ist, sind die Unterschiede der Klitoris zum Penis relativ gering. Der sichtbare Teil der Klitoris sitzt am oberen Ende der kleinen Genitallippen. Sie ist - im Ruhezustand - unter einer Vorhaut verborgen. Die Klitoris verfügt über eine Eichel - ähnlich wie ein Penis - die besonderberührungsempfindlich ist. Was hier nur angedeutet zu sehen ist, ist der sichtbare Teil der Vulva. Der übrige Teil der Klitoris befindet sich unsichtbar im Körper. Da finden sich große Schwellkörper, die die Vulva unsichtbar umschließen. Außerdem hat jede Klitoris zwei Schenkel. Die Schwellkörper schwellen - wie der Name schon sagt - bei Erregung an. Sie füllen sich mit Blut, dies führt zu einer Erektion von Eichel und Klitorisschaft. Zusätzlich weitet sich der Scheidenvorhof, das ist der Bereich rund um die Harnröhre und den Scheideneingang.

Reine Nervensache

Versorgt werden Klitoris, Vulva und Vagina durch ein dichtes Nervengeflecht, das von der Wirbelsäule über das kleine Becken reicht. Das sollten Sie deshalb wissen, weil bei Operationen im kleinen Becken, etwa bei Entfernung der Gebärmutter oder bei anderen Eingriffen, dieses Nervengeflecht verletzt, Teile der Nervenversorgung des äußeren und inneren Genitales sogar ihre Funktion verlieren können. Das bedeutet: Sie empfinden bei Stimulierung der Klitoris, bzw. der Vulva deutlich weniger oder gar nichts mehr.

Und während nervenschonende Operationsmethoden bei Männern - etwa wegen einer Prostatakrebs-OP - mittlerweile bereits eher die Regel als die Ausnahme sind, ist dies bei Eingriffen im weiblichen Becken leider noch nicht zur Routine geworden.

Wenn Sie also einen Eingriff in diesem Bereich Ihres Körpers durchführen lassen müssen, sprechen Sie bitte immer mit mehreren ÄrztInnen und versuchen Sie, eine Chirurgin/einen Chirurgen zu finden, der auf das empfindliche Nervengleichgewicht im kleinen Becken Rücksicht nimmt. Fassen Sie sich ein Herz und fragen Sie solange, bis Sie jemanden gefunden haben, der derartige nervenschonende Operationsmethoden anwendet.

Der G-Punkt

Sie haben sicher schon davon gehört. Vielleicht gehören Sie auch zu den Frauen, die diesen Punkt immer wieder suchen - und nicht finden. Oder Sie wissen gleich, wovon die Rede ist und diese Zone - denn eigentlich ist es kein Punkt - trägt regelmäßig zur Verschönerung Ihres Sexuallebens bei.

Auf der Suche

Die G-Zone befindet sich an der vorderen Wand der Scheide, einige Zentimeter vom Scheideneingang entfernt. Diese Zone besteht aus Klitorisschwellgewebe und ist rund um die Harnröhre zu finden. Nicht jede Frau hat gleich viel Schwellgewebe, und davon hängt es wohl auch ab, warum für manche Frauen Ihr G-Punkt nicht zu finden ist. Dieses Schwellgewebe ist übrigens mit der männlichen Prostata „verwandt“. Manche Frauen können, bei Reizung dieser Zone, beim Orgasmus aus der Harnröhre Flüssigkeit ausstoßen. Dies wird als weibliche Ejakulation bezeichnet. Das Ejakulat ist kein Urin, sondern Prostataflüssigkeit.

Seinen Namen hat der G-Punkt vom Gynäkologen Ernst Gräfenberg, der diese Zone entdeckt hatte. Er selbst gab der G-Zone allerdings nicht seinen eigenen Namen. Dafür verantwortlich ist die Sexualforscherin Beverly Whipple, die den G-Punkt populär gemacht hat. Die Forscherin wollte die Zone zuerst eigentlich nach sich benennen, sah aber dann aus Rücksicht auf ihre Familie davon ab.

Grausiger Trend

Abschließend noch einige Worte zu einem Trend, der Anlass zu großer Besorgnis gibt:
Abgesehen von den beschriebenen Trends in der Schönheitschirurgie kommt aus Amerika nun ein wirklich gruseliger neuer Eingriff: Die Genitalverschönerung. Ja, sie haben richtig gelesen - es besteht - und das mittlerweile auch in Österreich - für Frauen die Möglichkeit, Ihr Genitale „schönen“ zu lassen. Sie können sich die Genitallippen verkleinern, die Klitoris versetzen und die Vagina verengen lassen - schöne neue Welt oder? Einfach formuliert soll damit Ihr Genitale „verjüngt“ werden.

Nun ist es aber so: Die Bandbreite an unterschiedlich aussehenden Vulvae ist riesig - jede Frau sieht „da unten“ anders aus. Und jede Frau weist ein schönes, einzigartiges Genitale auf.

Ganz abgesehen davon darf jede Ärztin/jeder Arzt derartige Genitaloperationen durchführen, eine gesonderte Qualifikation ist dafür nicht erforderlich. Sie wissen, was das bedeutet: Bei einem solchen Eingriff können wichtige Nerven verletzt werden, die Sie mit einem „verjüngten“ Genitale und ohne sexuelle Empfindungen zurück lassen.

Kasten: Hormone

Um im Organismus Nachrichten weiter zu leiten, bedient sich der Körper der Botenstoffe, die auch Hormone genannt werden. Im Sexualbereich sind dies, wie bereits erwähnt:

Adrenalin • Noradrenalin • OxytocinTestosteronÖstrogen • Progesteron • ProlaktinDopaminSerotonin

  1. Adrenalin und Noradrenalin:
    Diese Hormone werden auch als „Stresshormone“ bezeichnet. Sie steigern den Herzschlag und erhöhen den Blutdruck. Im Prinzip versetzen sie den Körper in einen Alarmzustand. Beim Sex dagegen sorgen sie für eine bessere Durchblutung des Körpers und für die Bereitschaft zu sexuellen Aktivitäten.

  2. Oxytocin:
    Dieses Hormon wird gerne auch als „Bindungshormon“ oder als „Kuschelhormon“ bezeichnet. Es wird nach dem Orgasmus ausgeschüttet und sorgt anscheinend dafür, dass Paare Zärtlichkeit und Bindungswillen empfinden.

  3. Testosteron:
    Das „männliche“ Hormon, aber wie bereits erwähnt, wird es auch von Frauen gebildet. Testosteron ist notwendig, um überhaupt Lust auf Sex zu haben. Werden Frauen die Eierstöcke entfernt, in denen etwa ein Drittel des weiblichen Testosterons gebildet wird, verlieren Sie häufig das Interesse an Sex.

  4. Östrogen:
    Das wichtigste weibliche Hormon. Östrogen sorgt am Anfang sexueller Aktivitäten dafür, dass die Scheide weiter und elastischer, die Genitallippen „saftig“ werden und die Scheide feucht wird.

  5. Progesteron:
    Progesteron ist die Vorstufe vieler anderer Hormone, wie etwa Testosteron und Östrogen. Progesteron bereitet den weiblichen Körper auf eine Schwangerschaft vor und ist deshalb während der zweiten Zyklushälfte vermehrt im Organismus vorhanden. Nach Beginn der Monatsblutung fällt der Progesteronspiegel wieder ab.

  6. Prolaktin:
    Prolaktin kommt nach dem Sex erst so richtig zum Einsatz. Während des Liebesspiels wird es vom Dopamin „unterdrückt“, denn Prolaktin ist ein „Lustkiller“. Das ist übrigens auch der Grund, warum Männer nach dem Sex am liebsten sofort einschlafen. Prolaktin wirkt beruhigend, vermittelt Befriedigung und Zuneigung.

  7. Dopamin und Serotonin:
    Diese Hormone werden im Gehirn gebildet, sie werden deshalb auch als Neurotransmitter bezeichnet. Umgangssprachlich werden Sie auch als „Glückshormone“ bezeichnet. Sie sorgen für das „Hoch“ beim Sex, dafür, dass die PartnerInnen sich glücklich und willkommen fühlen.

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