Was ist Sexualpädagogik?

Die Begriffe Sexualaufklärung, Sexualerziehung, Sexualpädagogik und Sexuelle Bildung werden häufig als Synonym verwendet.
In den Handlungsanweisungen der WHO zur sexuellen Gesundheit findet sich das Recht auf umfassende Sexualerziehung (Quelle: World Association of Sexology, 2001), einheitliche Begrifflichkeiten wurden aber nicht formuliert.

Definition

Für eine inhaltliche Differenzierung erscheint es notwendig, Begrifflichkeiten zu definieren. Die folgende Begriffszuordnung wurde vom Österreichischen Institut für Sexualpädagogik vorgenommen, mit dem Ziel einer Professionalisierung in der sexualpädagogischen Arbeit.

  • Alle Menschen sind sexuelle Wesen. In irgendeiner Form haben daher alle Menschen Erfahrungen mit ihrem Körper, mit Gefühlen und mit Sexualität in weiterem oder engerem Sinn.
  • Sexualität ist daher ein Thema, das alle betrifft und das daher oft betroffen macht.
  • Aus dieser Betroffenheit heraus gibt es spezifische Erwartungshaltungen, Erinnerungen, Gefühle, Wertvorstellungen, politische Ansichten, die bei der Auseinandersetzung mit dem Themenbereich Sexualität präsent werden.
  • All das zusammen ergibt eine individuelle Kompetenz im Umgang mit dem Themenbereich Sexualität bzw. mit dem, was man selbst darunter versteht. Fast jede/jeder fühlt sich daher als Expertin/Experte, wenn es um Fragen der Beziehung oder der Sexualität geht.

Professionelle Sexualaufklärung geht allerdings weit über diese individuelle Kompetenz hinaus und beinhaltet unterschiedliche Aspekte, die erst gemeinsam Ansätze liefern, Menschen darin zu unterstützen, ihre Sexualität als positiven und selbstbestimmten Persönlichkeitsanteil zu integrieren.

Sexualerziehung

Sexualerziehung findet immer und überall dort statt, wo das Thema Sexualität in der Begleitung von Kindern und Jugendlichen im engeren oder weiteren Sinne mitbedacht wird.

Sexualerziehung ist:

• geschlechtssensible Erziehung • emotionale Übersetzungsarbeit • Konfliktmanagement • Respekt • Umgang mit Nähe und Distanz • Vorleben eigener Möglichkeiten und Grenzen • Erlernen von Körperwahrnehmung und Körperbewusstheit • Wissen um die sexuelle Entwicklung von Kindern • Offenheit ohne Grenzüberschreitung • Lust im Alltag • emotionale Begleitung

Sexualerziehung kann in der Sandkiste stattfinden, im Schulhof bei der Klärung eines Gruppenkonflikts oder im Zweiergespräch. Sexualerziehung ist präsent, wenn die Pädagogin/der Pädagoge Handlungsschritte transparent macht, wenn Bedürfnisse artikuliert werden dürfen und Fragen beantwortet werden.
Sexualerziehung ist daher nicht „das“ Gespräch, das Themen der Aufklärung beinhaltet.

Sexualerziehung findet im Alltag mit Kindern und Jugendlichen permanent statt.
Professionelle Sexualerziehung ist eine bewusste Haltung, die Reflexion und Auseinandersetzungen ermöglicht.

Sexualerziehung passiert daher nicht einfach so, sondern geschieht aus einer überlegten und reifen Einstellung gegenüber der Vielfalt kindlicher Sexualität.

Sexualaufklärung

Sexualaufklärung im engeren Sinne beinhaltet in erster Linie die Idee der Informationsvermittlung zum Thema Sexualität. Wann auch immer über Sexualaufklärung gesprochen wird, so wird mit diesem Wort der Ruf nach Information über Verhütung, Geschlechtskrankheiten, biologische und medizinische Fakten laut.

So verstandene Sexualaufklärung will lediglich aufklären, was Kinder und Jugendliche meist schon wissen bzw. in den Augen Erwachsener wissen sollten. Sexualaufklärung als Wissensvermittlung von Fakten ohne emotionalen Bezug kann den Zusammenhang zur persönlich erlebten Sexualität nicht herstellen und verfehlt fast immer das Ziel. Auch wenn das Wort Sex allein schon die Spannung erhöht, fällt die Konzentration der Zuhörenden schnell ab, wenn keine Verbindung zum eigenen Erleben, zu persönlichen Gedanken und Gefühlen geschaffen werden kann.

Praxisbezug

Die Idee, Kinder und Jugendliche möglichst früh mit faktischem Wissen zu konfrontieren, um unglückliche Beziehungen, ungeplante Schwangerschaften und die Übertragung von Geschlechtskrankheiten zu vermeiden, ist eine Vorstellung, die in anderen Bereichen bereits aufgegeben wurde. Niemand würde glauben, dass Vorträge zum Thema Ernährung in Kindergarten und Schule zu einem veränderten Essverhalten der Kinder und Jugendlichen beitragen kann. Alle wissen jedoch, dass das kontinuierliche Vorleben eines bestimmten
Umgangs mit dem Essen in Verbindung mit altersadäquater Information eine Verhaltensänderung bewirken kann. Auch würde (hoffentlich) niemand auf die Idee kommen kleinen Kindern zuerst das Notenlesen beizubringen, um dadurch eine Wertschätzung für die Musik zu erreichen.

Menschliche Handlungsmöglichkeiten, die sehr stark von emotionalen Abläufen begleitet sind, können nicht durch eine rein intellektuelle Auseinandersetzung verändert werden. Die pädagogische Herausforderung in all diesen Bereichen liegt darin, in der Vermittlung der Informationen die emotionale Beteiligung der Zielgruppe zu erreichen.

Reine Informationsvermittlung

Solcherart verstandene Sexualaufklärung bleibt reine Wissensvermittlung über

• Geschlechtskrankheiten • Verhütung • biologische Vorgänge im Körper • medizinische Fakten • … und oft auch allgemeine Wertvorstellungen

in altersadäquater Sprache.

Sexualaufklärung in diesem Sinne beschränkt sich auf das beständige Wiederholen von biologischen und medizinischen Fakten, sowie gesellschaftlichen Wertvorstellungen. Grundlage dieses Zuganges ist meist der persönliche Erfahrungshintergrund der Erwachsenen. Die Bereitschaft, sexuelle Themen zu besprechen, wird dadurch stark durch diese persönliche Kompetenz begründet und trägt daher eine hohe emotionale Botschaft der Pädagogin/des Pädagogen in sich, die als Teil der Fakten präsentiert wird und keine Möglichkeit zur aktiven Auseinandersetzung bietet. Nicht selten bezieht sich die Emotionalität auf die durch Angst evozierte Motivation der Pädagogin/des Pädagogen, etwas Schlimmes verhindern zu müssen.

Sexualaufklärung als reine Informationsweitergabe kann daher im besten Falle zu einem Wissen führen, das bei Tests und Befragungen dienlich ist. Die Transformation in die Handlung erfolgt selten, da kein Bezug zum eigenen Leben hergestellt werden kann.

Angst

Die mögliche emotionale Botschaft der Angst (wenn du nicht das tust, was ich dir sage, dann wird dir etwas Schlimmes widerfahren) muss ignoriert werden, da sie nicht in einen realen Lebensbezug gebracht werden kann. Angst und Drohung wirkt weder im Bereich der Sexualität, noch in anderen Bereichen motivierend, sich selbst in positiver Weise so wichtig zu nehmen, um sich vor möglichen Gefahren zu schützen. Faktisches Wissen, das sich auf einen höchst emotionalen Bereich bezieht, kann leicht zu Fehlinterpretationen führen.

Das wiederholte Lernen von Fakten, die für das persönliche Leben von Bedeutung werden können, bewirkt nur dann eine Integration in die persönliche Handlungsweise, wenn es einen emotionalen Bezug zum eigenen Leben gibt, der nicht durch die Angst der anderen bestimmt ist.

Persönliche Auseinandersetzung

Weder konsequente und passende Verhütung, noch die Wertschätzung dem eigenen Körper gegenüber sind möglich, wenn es nur darum geht, den Ansprüchen anderer Personen zu genügen. „Brav sein“ im Bereich der Sexualität ist eine Möglichkeit, über eine kurze Zeitspanne die Erwartungen anderer zu erfüllen, es verhindert aber die persönliche Auseinandersetzung, das persönliche Begreifen von Wertigkeiten, das Erlernen innerer Stabilität und damit die innere Bereitschaft, sich mit allen Konsequenzen für den eigenen Körper und die Sexualität zuständig zu fühlen.

So wesentlich es daher erscheint, sexualpädagogische Wissensinhalte zu vermitteln, so sehr ist auch Kompetenz gefragt, dieses Wissen auf die Ebene der Umsetzung zu bringen und Jugendlichen genau auf dieser Ebene Handlungskompetenz zu vermitteln.

Sexualpädagogik

Sexualpädagogik ist ein professionelles Auseinandersetzungsangebot zum Thema Sexualität an Gruppen oder Einzelpersonen mit einer klaren pädagogischen Zielsetzung, die das Verbinden von Informations- und Handlungsebene ermöglicht.

Professionalität

Sexualpädagogik verbindet faktisches Wissen zu allen Themenbereichen der Sexualität mit der persönlichen Betroffenheit der Zielgruppe.
Sexualität als Thema eines Beratungsgespräches, eines Vortrages, eines öffentlichen Diskussionsforums, eines pädagogischen Vorhabens muss sich einer Professionalität bedienen, die

  • allgemein gültige sexualberaterische Erkenntnisse beinhaltet
  • in didaktischer und pädagogischer Hinsicht argumentierbar ist
  • medizinisches und biologisches Hintergrundwissen in ausreichender Weise beinhaltet
  • sowohl individuelle Aspekte der Sexualität wie auch allgemeine Tendenzen berücksichtigt
  • die sexuelle Entwicklung von Frauen und Männer in ihrer spezifischen Weise berücksichtigt
  • einen spürbaren Respekt Frauen und Männern gegenüber zeigt
  • einen hohen Anspruch an Differenziertheit hat
  • einen kritischen Umgang mit (sexuellen) Klischees hat
  • über ausreichend Kenntnisse theoretischer Hintergründe verfügt
  • das Einhalten von Grenzen ermöglicht» neue Reflexionsmöglichkeiten bietet
  • zur Auseinandersetzung anregt
  • Undefinierbares in Worte fassen lässt
  • Schutz bieten kann
  • die emotionalen Reaktionen der Zielgruppe zulassen kann

Sexualpädagogische Didaktik

Die Umsetzung pädagogischer Zielsetzung in der professionellen Arbeit mit dem Thema Sexualität wird durch die sexualpädagogische Didaktik möglich. Die sexualpädagogische Didaktik ist eine spezielle Form der Herangehensweise in der Gruppenarbeit. Das pädagogische Ziel der Sexualpädagogik ist das Verbinden von Informations- und Handlungsebene bei allen sexualpädagogisch relevanten Themen unter Einbeziehung der Lebenswelten der Betroffenen. Die sexualpädagogische Didaktik fokussiert einen lustvollen, mitunter auch lustigen Umgang mit dem Thema, das bewusste Einsetzen der Vorbildfunktion, die ständige Aktivierung der Gruppe und das bewusste Umgehen mit den drei Ebenen Körper-Psyche-Geist.

Sexualpädagogik leistet einen Beitrag zur Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Themen, die im Kontext Sexualität stehen. Sexualpädagogik zeigt nachhaltige Wirkungen nur dann, wenn das sexualpädagogische Prinzip in den Alltag mit Jugendlichen und Kindern Einzug halten darf. Im pädagogischen Alltag bedeutet dies die Bereitschaft, neben extra vereinbarten, vereinzelt stattfindenden sexualpädagogischen Workshops, auch Gespräche und Situationen, die das Thema Sexualität zum Inhalt haben, aufzunehmen und im Rahmen aller Möglichkeiten und Grenzen zu bearbeiten.

Sexuelle Bildung

Der Begriff Sexuelle Bildung (vgl. Valtl 2006) fokussiert als neues Paradigma einer lernzentrierten Sexualpädagogik insbesondere die Möglichkeit sexueller Weiterentwicklung:

  • sexuelle Bildung ist selbstbestimmt
  • sexuelle Bildung ist ein Wert an sich
  • sexuelle Bildung ist konkret und brauchbar
  • sexuelle Bildung spricht den ganzen Menschen an
  • sexuelle Bildung ist politisch

Autor

Mag. Wolfgang Kostenwein leitet gemeinsam mit Bettina Weidinger das Österreichische Institut für Sexualpädagogik und Sexualtherapien. www.sexualpaedagogik.at