Soziale und kulturelle Faktoren für Sexualität bei der Frau

Soziale und kulturelle Faktoren für Sexualität bei der Frau

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Wenn Paare zu mir in die Ordination kommen, fällt mir auf, dass fast immer einer der beiden die Schuld für das Problem bei sich sieht. »Sonst wäre ja eigentlich alles in Ordnung zwischen uns.«

Meistens wünschen sich beide Partner, dass hinter dem Sexualproblem eine Erkrankung steht, denn dann gibt es keine Schuld, denn »dafür kann man ja wirklich nichts«. Normal zu sein, zu funktionieren, ist von enormer Wichtigkeit. Doch wie erfahren wir, was normal ist, wenn etwas so tabuisiert wird wie Sexualität?

Jede Frau und jeder Mann in jeder Phase ihres bzw. seines Lebens ist verschieden »normal« . Was ist z. B. mit der Sexualität, wenn jemand krank wird? Ein Mensch wächst in jeder Lebensphase unter anderen psychischen Bedingungen auf als ein anderer und hat dadurch etwas anderes als »normal« abgespeichert.

Sexualität wird von unserer Gesellschaft entweder tabuisiert oder wirtschaftlich als Werbeträgerin genutzt. Beides verhindert, dass wir uns ehrlich über sie austauschen.

Wenn wir aber nicht ehrlich miteinander darüber sprechen können, was für uns normal ist,

  • woher soll dann mein Gegenüber wissen, warum ich irritiert bin, wenn er etwas für mich »Nicht-Normales« macht, sagt oder sich wünscht?
  • Wie sollte mein Partner verstehen, dass ich ganz verstört bin, nur weil er mit mir diesen oder jenen »ganz normalen« sexuellen Wunsch ausleben will?
  • Wie soll ich damit umgehen, wenn ich es normal finde, nur mit meinem Partner zu schlafen, wenn ich mich ganz geliebt fühle, er aber mit Sex vor allem seine Körperspannungen abbauen will - oder umgekehrt?
  • Was tun wir, wenn wir alt sind und Lust auf Sex und Sinnlichkeit haben, jedoch vermittelt bekommen, dies sei nicht »normal«?

Wenn wir nicht ehrlich miteinander über Sexualität reden, bleibt jeder in seiner Vorstellungswelt gefangen und muss zusehen, wie er damit fertig wird, den Normen zu entsprechen, die uns entweder Medien, Religion, Freundeskreis oder Familie - kurz: die Gesellschaft - vorgeben.

Sexualität jedoch so zu leben, wie sie uns als Individuum entspricht und als Quelle für Freude und Zufriedenheit dienen kann, fordert von uns einige Fähigkeiten.

Stellen Sie sich zum Beispiel eine Situation mit Ihrem Partner vor, in der Sie ein Gefühl sexueller Lust verspüren. Sofort beginnt, ohne dass Sie es bewusst wahrnehmen können, in Ihrem Inneren ein Zwiegespräch. Ihr sexuelles Bedürfnis aktiviert im Gedächtnis Ihre gesamte gespeicherte Geschichte zu diesem Gefühl. Dieses bewertet, was es von dieser Situation halten soll. Gleichzeitig beginnen Sie bewusst zu überprüfen, ob unter den jetzigen Rahmenbedingungen Sex überhaupt stattfinden könnte und wie.

Wird sowohl das Gefühl von Ihrer sexuellen Biografie als auch die Situation beim Überprüfen als günstig eingestuft, dann werden Sie Ihrem Partner verbal oder nonverbal signalisieren, dass Sie von ihm etwas Sexuelles wollen. Ihr Partner wird diese Signale empfangen und beginnt, sie sofort aufgrund seiner sexuellen Biografie zu deuten und die Umgebungsbedingungen abzutasten.

Werden die Signale von ihm positiv bewertet und die Umgebungsbedingungen passen, dann wird er wiederum einladende Signale an Sie zurückschicken. Wenn Sie diese positiv aufnehmen, dann werden Sie sich ihm entspannt nähern. Möglich wäre es jedoch auch, dass Ihre abgespeicherten Erinnerungen seine Reaktion auf Ihre Annäherung falsch interpretieren und Sie sich daraufhin zurückziehen.

Soziale Fähigkeiten der (sexuellen) Kommunikation

Folgende soziale Fähigkeiten sind für eine erfolgreiche sexuelle Kommunikation wichtig:

Uns selbst kennen

Wenn wir uns selbst kennen, stehen wir auf sicherem Boden. Wir kennen unseren Körper, seine Bedürfnisse, wir kennen unsere Ängste, Stärken, Schwächen und Grenzen. Wir nehmen unseren weiblichen Körper an und haben unsere Rolle als Frau so gestaltet, wie es für uns passt. Wir verstehen, warum wir sexuell so sind, wie wir sind, weil wir unsere sexuelle Biografie kennen.

Uns mitteilen können

Wir sollten fähig sein, über Dinge zu reden, die in uns ablaufen, und gleichzeitig Signale, die von unserem Partner ankommen, zu verarbeiten. Das braucht aber wiederum einen Austausch, denn ein und dasselbe Wort kann für jeden etwas anderes bedeuten. Wir brauchen deshalb eine gemeinsame Sprache, um über Sexualität, Körper und Umgangsformen kommunizieren zu können. Über Gefühle
zu sprechen und sie preiszugeben, macht aber verletzlich und kann deshalb Angst oder auch Schamgefühle auslösen. Miteinander zu reden bedeutet also auch, den Mut zu haben, zu sich zu stehen, sich zu zeigen. Dies kann sehr wohl auch Diskussionen, Unstimmigkeiten und Konflikte auslösen.

Konflikte lösen können

Ich stelle in meinen Sprechstunden häufig fest, dass viele Paare alles daran setzen, Konflikte zu vermeiden, und zwar so konsequent, dass sie alles tun, was der Partner verlangt, damit es nur ja keinen Anlass für eine Auseinandersetzung gibt. Diese Taktik geht jedoch nicht auf. Selbst wenn wir uns noch so sehr bemühen, können wir nicht verhindern, manchmal etwas anderes zu brauchen und den anderen zu enttäuschen.

Am schwierigsten erlebe ich Therapien mit Paaren, die gar keine Disharmonie aushalten. An der Oberfläche erscheint alles nett und lieblich, doch bei näherem Hinsehen geht dies nur auf Kosten der einzelnen Persönlichkeiten und der Lebendigkeit ihrer Beziehungen.

Konflikte lösen zu lernen garantiert uns (sexuelle) Lebendigkeit bis ins hohe Alter. Warum? Konflikte entstehen meistens dann, wenn ein Paar sich auf etwas vermeintlich Sicheres eingespielt hat und sich die Situation dann unerwartet verändert, wie zum Beispiel durch Krankheit, berufliche Änderungen etc. Es ist irritierend, wenn der Partner plötzlich etwas anderes will als vorher. Es hilft jedoch, herauszufinden, warum wir irritiert sind, das dem Partner mitzuteilen und zu erarbeiten, was nun für beide eine befriedigende Lösung sein könnte - bis zum nächsten Wachstumsschritt.

Zu sich stehen und es zeigen

Gesellschaft und Medien stellen hohe Anforderungen an das Image einer sexuell attraktiven Frau, denen nur ganz wenige gerecht werden können. Es braucht Mut, zu seiner persönlichen Art zu stehen. Es zahlt sich aber aus, dies zu tun, denn nur so geben wir uns als etwas Einmaliges und Besonderes zu erkennen. Wir werden vielleicht nicht von jedem geliebt werden, aber dafür vom Passenden - und das ist doch das einzig Wichtige.

Paar sein und zugleich Individuum bleiben

Zu den intensivsten und innigsten Erfahrungen gehören sicher die, einem Partner emotional und körperlich so nahe zu kommen, dass das Gefühl entsteht, mit ihm eins zu sein. Natürlich will man diese intensiven Gefühle aufrechterhalten. Dabei kann es leider leicht passieren, dass man vergisst, auf sich als Individuum zu achten.

Viele Paare verwechseln Innigkeit mit dem Zustand, eine Kopie des anderen zu werden, und dadurch geht die Einmaligkeit der Partner verloren. Doch gerade diese ursprünglich eigenständigen Persönlichkeiten, die in einer Liebesbeziehung zusammentreffen, ermöglichen erst Lebendigkeit und Austausch innerhalb der Beziehung.

»Sexualität gehört nicht besprochen, weil sie doch so selbstverständlich und natürlich ist« - dass dem nicht so ist, wissen Sie vielleicht schon. Nun wird es darum gehen, nicht mehr die Schuld an auftretenden Problemen beim Partner zu suchen, sondern sich konstruktiv dem zu widmen, was möglicherweise genau Ihr Knackpunkt ist und wie Sie auf eine konstruktive Weise dazu kommen, es mit Ihrem Partner gemeinsam lösen zu können.

Für ungestörten Sex braucht es ein Gleichgewicht zwischen körperlichen, psychischen und sozialen Faktoren, und das gilt selbstverständlich für beide Partner.

Beispiel

In meine Sprechstunde kam ein junges Paar, weil die Frau keine Lust auf Sex hatte. Sie vermied jede Nähe zu ihrem Freund. Beiden schien klar, dass sie »schuld« am Problem war. Als ich ihr erklärte, wie Sexualität funktioniert, und sie fragte, was denn ihrem »Belohnungszentrum« fehle, um wieder Lust auf Sexualität zu bekommen, meinte sie, dass sie mehr Zeit brauchen würde. Das gehe aber nicht, denn ihr Mann habe keine Kontrolle über seinen Samenerguss und komme immer nach so kurzer Zeit, dass es sich für sie nicht mehr »auszahle«, sich fallen zu lassen. Alles sei vorbei, noch bevor sie beginnen könne, es zu genießen. Der Freund hat also ein organisches Problem (vorzeitiger Samenerguss), das sich auf sein Sexualverhalten auswirkt, das wiederum Einfluss auf die Sexualität der Partnerin hat - und umgekehrt.

Ich gehe aber noch weiter. Personen, die einen wichtigen Einfluss auf unser Leben haben, brauchen, genauso wie wir selbst, ein körperliches, psychisches und soziales Gleichgewicht. Wenn das Gleichgewicht gestört ist, kann sich dies auf unser Leben und damit auf unsere Sexualität auswirken.

Sie finden das übertrieben? Haben Sie noch nie erlebt, dass Ihr Kind oder Ihre Eltern krank waren und die Betreuung Ihrerseits Ihr eigenes Gefüge so durcheinanderbrachte, dass es keinen Platz mehr für Ihre Sexualität gab? Oder wissen Sie, wie viel Einfluss ein Chef mit Existenzängsten auf seine Mitarbeiter haben kann, wie viele schlaflose Nächte er bereiten kann? Was glauben Sie, wie sich das auf die Sexualität eines Paares auswirkt?

Oft halten wir diese Dinge einfach für alltäglich und übersehen, dass sie wesentliche Ursachen für Irritationen in unserem Beziehungs- und Sexualleben sind.

Andere wichtige Einflussfaktoren auf die sexuelle Gesundheit

Auch in der Gegenwart gibt es soziale Faktoren, die sich positiv oder negativ auf die Sexualität auswirken.

Förderliche und hemmende Einflüsse auf die sexuelle Gesundheit

Beispiele für förderliche Faktoren

• ausgewogenes Verhältnis zwischen Arbeitsbelastung und Erholung • gemeinsame Zeit als Liebespaar • geschützte sexuelle Rückzugsräume • Unterstützung durch Familienmitglieder bei der Versorgung der Kinder • befriedigender Beruf • keine Geldsorgen

Beispiele für hemmende Faktoren

• Sorgen um den Arbeitsplatz • berufliche Überforderung • Geldsorgen • kranke Familienmitglieder • Schlaf raubende Kleinkinder • fehlende Zeit zum Umschalten vom Alltagsstress auf erotische Anbahnung • fehlende intime Rückzugsräume • starre religiöse Sexualnormen • kulturell geprägte Sexualmythen

Weiterführender Artikel

Ich habe eine Sexualstörung

Quellenangabe

Dieser Text ist dem Buch Weiblich, sinnlich, lustvoll von Dr. Elia Bragagna, 2010 erschienen im Ueberreuter Verlag, entnommen.