Stuhlinkontinenz

Stuhlinkontinenz

Stuhlinkontinenz ist ein weitaus häufigeres Leiden, als allgemein angenommen wird. Es betrifft in erster Linie Frauen. In selteneren Fällen, vor allem als Folge von Operationen, sind aber auch Männer betroffen. Die Folgen der Stuhlinkontinenz sind soziale Isolation, Vereinsamung (auch innerhalb der Familie bzw. Partnerschaft), Angst, Scham, Ekel und dadurch auch fast immer negative Auswirkungen auf das Sexualleben.

Definition

Kontinenz bedeutet das willentliche Zurückhalten von Stuhl und Winden bis zum Erreichen einer Toilette. Auch der Zeitpunkt der Entleerung kann selbst bestimmt werden (normale Verzögerungsperiode). Ist diese Funktion gestört, so spricht man von Stuhlinkontinenz.

Schweregrade

Grad I : Geringe Verschmutzung der Unterwäsche
Grad II: Verlust von Winden Grad III: Verlust von flüssigem Stuhl Grad IV: Verlust von festem Stuhl

Häufigkeit

Es gibt eine hohe Dunkelziffer. Unter Leuten, die im aktiven Berufsleben stehen, leiden 3,6 % unter Stuhlschmieren und 1,4 % an manifestem Stuhlverlust. Bei den über 65-jährigen tritt die Stuhlinkontinenz deutlich häufiger auf (insgesamt 5 bis 10 %!!)

Hintergrund

Die Voraussetzungen für Stuhlkontinenz sind

  • ein normaler Darminhalt (geformter Stuhl),
  • ein intakter Schließmuskelapparat bzw. Beckenboden,
  • ein normales Fassungsvermögen des Enddarms und
  • eine funktionierende Nervenversorgung im Bereich des Mastdarms und Anus.

Ursachen

Durchfall - flüssiger Stuhl

  • durch akute oder chron. Darmerkrankungen,
  • Verengungen des Mastdarms wie bei Tumoren,
  • Nahrungsmittelunverträglichkeit,
  • Mastdarm- oder Analvorfall.

Schließmuskel- u. Beckenbodenschwäche

  • viele Geburten,
  • Zustand nach Gebärmutterentfernung,
  • Dehnung und Degeneration des versorgenden Nervus pudendus,
  • chronische Verstopfung,
  • Nervenschäden bei Wirbelsäulenproblemen und neurologischen Erkrankungen,
  • Diabetes mellitus

Operationen u. Verletzungen

  • Dammrisse oder -schnitte bei Geburten,
  • nach Gebärmutterentfernung,
  • Hämorrhoidenoperationen,
  • Operation eines Mastdarmtumors,
  • Prostataoperation,
  • nach Pfählungsverletzungen

Behinderung im Alter

  • geistige u. körperliche Abbauprozesse,
  • Insassen von Pflege- u. Altersheimen,
  • Senile Demenz,
  • Alzheimer

Symptome

Am Beginn steht meist der unkontrollierte Verlust von Winden (auch eventuell mit Stuhlbeimengungen). Die Betroffenen müssen sich ständig in der Nähe einer Toilette wissen, da sie bei Auftreten von Stuhldrang diesen nur kurz zurückhalten können (verkürzte Verzögerungsperiode). Sie tragen aus diesem Grunde Einlagen und trauen sich das Haus kaum noch für längere Zeit zu verlassen. Bei schweren Formen kommt es zu unwillkürlichem Stuhlverlust, was so gut wie immer in einer sozialen Isolation mündet. Auch die Sexualität kommt meist vollständig zum Erliegen, da man sich vor dem Partner/ der Partnerin schämt (man „stinkt“).

Diagnostik

Erster und wichtigster Schritt ist es, das Problem anzusprechen (HausärztInnen, GynäkologInnen, in Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen). Anschließend sollte die Zuweisung zu einem/ einer Spezialisten/in (Proktologen/in) erfolgen, welcher eine gründliche Abklärung durch in der Regel schmerzlose Untersuchungen durchführt.

Basisdiagnostik

  • sorgfältige Anamneseerhebung (hinsichtlich Geburten, gynäkologischer Operationen, etc.),
  • Inspektion mit rektal digitaler Untersuchung,
  • Mastdarmspiegelung (Rekto-/Proktoskopie),
  • transanale Ultraschalluntersuchung
  • evtl. Schließmuskeldruckmessung (Manometrie),

Diese Untersuchungen sind allesamt schmerzlos!

Weitere Untersuchungen, wie z.B. eine Darmspiegelung (Koloskopie) können folgen.

Lösungsansätze

Bei zugrundeliegenden organischen Erkrankungen (Darmentzündungen, Hämorrhoiden, Mastdarmtumoren) werden diese kausal oder funktionell (operativ bzw. medikamentös) behandelt. Bei den meisten Betroffenen kann die Stuhlinkontinenz konservativ gebessert oder sogar geheilt werden.

Konservative Therapiemöglichkeiten

  • Stuhleindickung durch Medikamente (Loperamid) oder Diätberatung.
  • Geplante Stuhlentleerung herbeiführen durch Abführzäpfchen (Lecicarbon,Glyzerin), kleine Einläufe oder Selbstirrigation ( Darmspülung mit modernen geschlossenen Systemen).
  • Schließmuskel - u. Beckenbodentraining mit Biofeedback (ggf. elektrogetriggert).
  • Analtampons
  • Sexualberatung

Operative Therapieverfahren

  • Rekonstruktion bzw. Raffung eines geschädigten Schließmuskels
  • Künstlicher Schließmuskel(artificial bowel sphinkter, Analband)
  • Gracilisplastik (Schließmuskelrekonstruktion mit einem gestielten Oberschenkelmuskel)
  • Silikoneinspritzung unter die Mastdarmschleimhaut
  • Sakrale Neuromodulation (SNS): minimal invasives Verfahren mit ausgezeichneten Erfolgen

Vorbeugende Maßnahmen

  • Richtig durchgeführtes Beckenbodentraining (Erlernen durch erfahrene Physiotherapeuten),
  • Hinterfragen der Notwendigkeit einer geplanten Gebärmutterentfernung,
  • möglichstes Vermeiden von Hämorrhoidenoperationen bei Frauen,
  • Bevorzugung einer Kaiserschnitt-Entbindung bei Zustand nach Dammriss

Über den Autor

OA Dr.Wolfgang Werkl
Abtlg. f. Allgemein- u. Viszeralchirurgie Klinikum Klagenfurt a. Wörthersee

Wahlarztordination Schwerpunkt Proktologie
Föhrengasse 15 9061 Wölfnitz/Klagenfurt

Email: [email protected]