Weibliche Prostata: Mythos oder Realität?

Die Frage nach der Existenz einer Prostata der Frau scheint schon im Grunde unwissenschaftlich - wenn nicht gar rhetorisch. Wer stellt schon die Frage, ob dieses eindeutig dem männlichen Geschlecht zugeschriebene Organ auch bei der Frau existiert?

Historische Hintergründe

Tatsächlich ist das Wissen um die Prostata der Frau mehr als 2000 Jahre alt. Bereits 300 v. Chr. beschrieb Herophilos von Chalkedon die Prostata bei Mann und Frau. Der in Alexandria tätige Arzt und Anatom war der Pionier der anatomischen Studien an Leichen. Sehr detailliert hat er in seinen Sektionen die Organe des Körpers beschrieben, und immer nach Parallelen bei Mann und Frau gesucht. Ihm war klar, dass die Vorsteherdrüse des Mannes ebenso bei der Frau existieren müsse, wenn auch nur in Ansätzen.

Die klinische Erstbeschreibung der weiblichen Prostata erfolgte 1672 n. Chr. durch den niederländischen Gynäkologen Reinjier De Graaf (1641-1673). Durch seine Studien zur zyklischen Entwicklung der Eizellen des Ovars ist sein Name noch heute in der Gynäkologie fest verwurzelt (Graaf Follikel).

Alexander J.C. Skene (1838-1900) - schottisch-stämmiger und in den Vereinigten Staaten tätiger Gynäkologe und Augenarzt - gilt bis heute als “Verhinderer der weiblichen Prostata.” Seine anatomische Beschreibung der para-urethralen Drüsen der Frau gehört wohl - zumindest bis ins 19. Jahrhundert - zu den genauesten derartigen Beschreibungen. Alexander J.C. Skene

Dennoch waren ihm und seinen Nachfolgern die Parallelen zur Prostata des Mannes nicht bewusst, und es kam später zur Bezeichnung “Skene Drüsen” als eigenständiges Organ. Diese Bezeichnung hat sich bis heute gehalten und erschwert die Etablierung der wahren embryologischen und anatomischen Zusammenhänge.

Anatomie

Anatomisch revolutionär sind J.W. Huffmans’ Wachsmodelle der weiblichen para-urethralen Drüsen - die er wieder als weibliche Prostata erkannte (Abbildung 1). Interessant ist auch die Tatsache, dass die Wachsmodelle der weiblichen Prostata verblüffende Ähnlichkeiten mit entsprechenden Modellen der Prostata des männlichen Embryos aufweisen. Milan Zaviačič - in Bratislava (SLO) tätiger Pathologe - und seine Kollegen der gynäkologischen Abteilung der Universitätsklinik Bratislava haben im Zeitraum 1985 bis 1999 150 Autopsien durchgeführt und 200 Patientinnen hinsichtlich Anatomie, Histologie und Pathologie des para-urethralen Apparates der Frau untersucht.

Der Kernpunkt von Zaviačičs’ Studien ist die Definition unterschiedlicher anatomischer Formen der weiblichen Prostata (siehe Tabelle 1). Sie erklären klinisch und entwicklungsgeschichtlich das Erscheinungsbild des Organs bei der Frau: zum einen wird klar, warum der para-urethrale Apparat derartigen interindividuellen Schwankungen unterliegt. Zweitens sind die anatomisch unterschiedlichen Formen wohl Ausdruck individuell differenter Entwicklungsstufen mit hormonell bedingtem Reifungsstopp beim weiblichen Embryo.

Embryologie

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Embryologisch beginnt die Entwicklung der Prostata im dritten Monat mit der Ausstülpung von Knospen des Epithels der Urethra (späterer Drüsenapparat) ins umliegende Mesenchym (Stroma und Kapsel).

Menschliches Gewebe besteht aus drei Schichten:
a) Epithel b) Stroma c) Endothel (von außen nach innen)

Als Mesenchym wird die Einheit aus Stroma und Kapsel (der weiblichen Prostata) bezeichnet.

Die Bildung der somit aus dem Urogenitalsinus stammenden Vorsteherdrüse steht beim männlichen Embryo unter dem Einfluss von Dihydrotestosteron (DHT). Wesentlich ist weiters die Interaktion zwischen Endoderm und Mesenchym. Ohne ausreichende Androgenspiegel fehlt die Ausreifung beim weiblichen Embryo und der Drüsenkörper bleibt nur in Ansätzen angelegt (Abbildung 3).

Diese Drüsen werden auch in der embryologischen Literatur als para-urethrale Drüsen (Skene) bezeichnet. Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass praktisch jedes Organ bei Mann und Frau ein embryologisches Gegenstück hat (Tabelle 2) ist es nur nahe liegend, dass dies auch für die Prostata zutrifft.

Ejakulation der Frau

Schon in alten indischen Liebeslehren wird die Ejakulation der Frau beschrieben (z. B. im Ananga Ranga, 1172). Diese Emission des so genannten „Liebessaftes“ wurde damals mit hohem Lustempfinden in Verbindung gebracht. In zahlreichen indischen Tempelanlagen zeugen Statuen weiblicher, ejakulierender Figuren von diesem Umstand. Auch De Graaf und Gräfenberg untersuchten die weibliche Ejakulation in Zusammenhang mit ihren Forschungen zur weiblichen Prostata.

Aus dem klinischen Alltag ist bekannt, dass es Frauen gibt, die über eine Flüssigkeitsemission während des Orgasmus berichten. Dieser Umstand wirft jedoch einige grundlegende Fragen auf:

  1. Ist die während des Orgasmus emittierte Flüssigkeit wirklich eine Ejakulation?
  2. Wo liegt der Ursprung einer solchen Flüssigkeit?
  3. Wieso ejakuliert nicht jede Frau?

In Studien konnte mittlerweile gezeigt werden, dass die von Frauen ejakulierte Flüssigkeit in ihrer Zusammensetzung dem Ejakulat des Mannes sehr ähnlich ist. Eine Belastungsinkontinenz als Ursprung der emittierten Flüssigkeit konnte ausgeschlossen werden (vergleichende Proteintests aus Harn und „Ejakulat“, Tampontests, Blaufärbung des Blasenharns etc.).

Die hohe Variabilität der Ejakulation hat wohl zwei Ursachen:

  1. anatomische Variabilität des Drüsenkörpers (vergleiche Zaviačičs’ Daten)
  2. hohe Dunkelziffer ejakulierender Frauen (Schamgefühl, keine wirkliche Pathologie bzw. sogar gesteigertes Lustempfinden).

Pathologie

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Die Pathologie der para-urethralen Drüsen der Frau gibt weitere Hinweise auf die Existenz der weiblichen Prostata. Sporadische Fälle von Prostatakarzinomen der Frau wurden bisher als Karzinom der Skene Drüsen bezeichnet. Histologisch entsprechen diese Karzinome dem Prostatakarzinom des Mannes. Allerdings sind Plattenepithel- und Urothelkarzinome in diesem Bereich häufiger. Das Vorkommen einer benignen Prostatahyperplasie (BPH) der Frau ist dem gegenüber sehr unwahrscheinlich. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden wohl Resektionen des Blasenhalses der Frau beschrieben - in großen Serien konnte jedoch nie BPH Gewebe gefunden werden.

Wahrscheinlicher scheint der Zusammenhang zwischen Interstitieller Zystitis, chronic pelvic pain syndrome (CCPS) und Prostatitis - auch bei der Frau. In diesem Kontext wird von einigen Klinikern ein Ausstreichen von Sekret aus den weiblichen para-urethralen Drüsen zu diagnostischen Zwecken beschrieben. Die para-urethralen Drüsen werden auch als mögliche Reinfektionsquelle bei therapieresistenter Gonokokken Infektion angesehen. Weitere Pathologien des para-urethralen Drüsenkomplexes wie Urethraldivertikel oder sogar -steine (Abbildung 4) könnten in Zukunft ebenfalls als Erkrankungen der weiblichen Prostata erkannt werden.

Zusammenfassung

Die bis heute kontroversiell geführte Diskussion um die Existenz einer Prostata der Frau kann durch folgende Tatsachen klar geklärt werden:

  1. Embryologisch gleicher Ursprung der Prostata des Mannes und der in den letzten Jahrhunderten so genannten paraurethralen Drüsen (Skene) der Frau
  1. Hohe anatomische Variabilität dieser paraurethralen Drüsen der Frau - teilweise mit Ausprägung einer „Prostata“
  1. Klinisch zahlreiche Frauen mit Ejakulation
  1. Bekannte Pathologien des weiblichen paraurethralen Drüsenkörpers - in Analogie zur Prostata des Mannes

Glossar

Glossar

Tabelle 1: Die sechs anatomischen Formen der weiblichen Prostata nach M. Zaviačič

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Tabelle 2: Parallelen der weiblichen und männlichen embryologischen Entwicklung

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