Weibliche Sexualität: Sich kennenlernen

Weibliche Sexualität: Sich kennenlernen

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Viele Frauen erklären mir, Sexualität sei für sie nicht wichtig. Sie kommen zu mir, weil ihr Partner frustriert ist, da sie keine oder wenig Lust auf Sex haben. Oder weil sie noch nie mit ihrem Partner geschlafen haben und jetzt fürchten, ihn zu verlieren. Oder weil sie ein Kind wollen, aber nicht mit ihrem Partner schlafen können.

Begebe ich mich mit den Frauen nun auf die Reise zu ihrer persönlichen Sexualität, dann bleiben nur ganz wenige übrig, die wirklich kein Bedürfnis nach Sex haben. Die meisten haben nur keine Lust auf die Form von Sexualität, die unsere Gesellschaft ihnen als Vorbild anbietet. Für diese Frauen sind weder die pornografischen Fantasien noch die liebevollen, aber asexuellen Vorbilder in unserer Kultur als Leitbild geeignet.

Doch welche andere Form der Sexualität könnte es dann noch geben? Eine ganz persönliche, einmalige, individuelle. Eine, die keine andere Frau kopieren kann, weil sie nicht denselben Körper hat, nicht dieselbe Geschichte, nicht dieselbe Form sich auszudrücken.

Selbstbestimmte und selbstbewusste Frauen wünschen sich ebenso selbstbewusste und sinnliche Männer, die keine Angst vor innigen Empfindungen haben, die sich gemeinsam mit ihnen in immer intensivere Erregungen steigern können - ohne vorgegebene, langweilige, altbekannte Spiele. Sie wollen Männer, die stolz auf ihren steifen Penis sind, aber mehr als diesen anzubieten haben, um eine erotische und lustvolle Stimmung zu erzeugen.

Körperbewusstsein

Nicht jeder hat das Glück, in eine Familie geboren zu werden, die einen mit viel Zuneigung auf dem Weg zur Eigenliebe begleitet. Jetzt als Erwachsene haben Sie es selbst in der Hand, diese zu fördern. Seien Sie neugierig auf sich selbst und Ihre ganz persönlichen und einzigartigen Bedürfnisse.

Sinnlichkeit spiegelt sich im Gang, in der Körperhaltung, in den Bewegungen, im Lachen, in der Unbeschwertheit und Selbstsicherheit wider, mit der wir unseren Körper für sinnliche Kontakte einsetzen können, weil wir ihn kennen.

Kennen Sie Ihren Körper?

Erlauben Sie sich, Ihren Körper einmal ganz bewusst wahrzunehmen. Nehmen Sie sich Zeit, achten Sie darauf, dass Sie niemand stört. Stellen Sie sich nackt vor einen großen Spiegel und schauen Sie sich von den Haaren bis zu den Zehen und von allen Seiten an. Es geht darum, zu sehen, wer Sie sind. Genau dieser Körper wird Ihnen, wenn er es nicht schon tut, zu wunderbaren Empfindungen verhelfen.

Vielleicht werfen Sie jetzt ein, dass Ihr Körper nicht jeden anspricht. Das stimmt: KEIN Körper spricht jeden Mann an. Er wird jedoch denjenigen ansprechen, der SIE so annehmen kann, wie Sie sind, der nicht von Ihnen erwartet, dass Sie erst jemand anderer werden müssen, um von ihm geliebt zu werden.

Kennen Sie also Ihren Körper?

  • Welche Stellen haben Sie übersehen?
  • Welche lieben Sie?
  • Wie fühlt sich Ihr Körper überhaupt an? Schließen Sie einen Moment die Augen und streichen Sie zart über Ihren Körper.
  • Welche Körperstellen sind zart, welche eher rau, welche trocken?
  • Welche Stellen sind kompakt und fest, welche eher teigig und weich?
  • Was fühlen Sie, wenn Sie Ihre Haut berühren?

Sinnliche Landkarte des Körpers

Stellen Sie sich vor, Ihr Körper wäre ein unentdecktes Land, das Sie erst kennenlernen müssen. Sie beginnen, den ganzen Körper zu berühren, einmal zart, einmal fest, dann ganz langsam und dann schnell.

  • Wenn Sie an einer bestimmten Körperstelle eine Berührung besonders intensiv empfinden, stellen Sie sich vor, Sie würden in Ihrer Sinnlichkeits-Landkarte dieses Areal rot einzeichnen.
  • Wenn es an einer Stelle sehr fein, aber weniger intensiv war als vorher, zeichnen Sie diese orange ein.
  • Die »feinen« Stellen kennzeichnen Sie gelb,
  • »weniger fein bis neutral « grün,
  • gänzlich neutrale Stellen blau.

Nehmen Sie sich ein Blatt und zeichnen Sie Ihre ganz persönliche Sinnlichkeits-Landkarte. Welche Farben überwiegen? Sind es eher die rot-gelben Töne oder die grün-blauen? Urteilen Sie nicht, wenn Sie das Bild sehen. Nehmen Sie einfach nur wahr, was Ihr Körper fühlt.

Ich hatte in meiner Praxis oft Frauen, die sich fast ausschließlich blau einfärbten. Sie mussten erst darauf kommen, wie ihr Körper überhaupt berührt werden will, um sich anders einfärben zu können. Manchmal brauchten sie intensivere Berührungen, manchmal ganz zarte, manchmal nur ein ruhiges Anfassen. Vor allem mussten sie lernen, dass es zumeist viel Zeit braucht, bis der Körper sich fallen lassen und die Berührungen genießen kann. Sie mussten auch lernen zu akzeptieren, dass ein müder Körper etwas anderes braucht als ein ausgeschlafener, fitter. Allmählich lernten sie, von ihrem Körper nicht mehr zu verlangen, dass er »zu sein hat«, sondern ließen sich von seinen Bedürfnissen leiten und entdeckten dabei, dass dies die lebendigste Form der Begegnung möglich machte, weil nie vorhersehbar war, was ihn heute beleben würde.

Kennen Sie Ihre erogenen Zonen?

Für manche sind es die Brüste, für andere der Nacken oder der Rücken entlang der Wirbelsäule oder die Genitalien. Aber auch diese Zonen sprechen nicht jeden Tag auf dieselben Berührungen an. Manche Frauen müssen ihren Partner innig küssen, um Lust oder Erregung zu spüren, andere reagieren erst, wenn sie lange gehalten werden.

Wie vertraut sind Ihnen Ihre Genitalien?

Wüssten Sie, wie Ihre Klitorisspitze aussieht? Ist sie eher stecknadelkopfgroß oder so groß wie eine Haselnuss? Welche Form haben Ihre inneren Genitallippen, welche Farbe?

Nehmen Sie sich doch einmal die Zeit, sich selbst ungestört anzusehen. Setzen Sie sich zum Beispiel bequem auf Ihr Bett, so, dass Sie sich anlehnen können. Das Licht sollte nicht zu grell, aber doch hell genug sein, sodass Sie alles gut erkennen können. Nehmen Sie einen kleinen Spiegel und gehen Sie auf Entdeckungsreise, angefangen vom Venushügel bis zur Klitorisspitze, zu den äußeren und inneren Genitallippen, der Harnröhrenöffnung, dem Scheideneingang, dem Damm bis hin zum Anus.

Urteilen Sie nicht, sondern erkennen Sie einfach Ihre sinnlichen Verbündeten. Es kann sein, dass das Aussehen Ihrer Vulva Sie irritiert. Vielen Frauen fällt es schwer, sich damit anzufreunden, dass die Genitalien wirklich »Fleischeslust« symbolisieren.

Die Formen und Farben sind sinnlich und ursprünglich, so wie ihr Geruch und der Feuchtigkeitsfilm, der die Schleimhäute überzieht. Lustorgane sollen erregen, enthemmen und den Partner locken. Stehen Sie voll und ganz zu diesen sichtbaren Zeichen der weiblichen Lust!

Sinnlichkeits- Landkarte der Genitalien

Gehen Sie auf eine Entdeckungsreise. Beginnen Sie zuerst damit, Ihre Genitalien abzutasten.

  • Wie fühlt sich die Haut der Leistengegend im Vergleich zu der des Venushügels oder der inneren Genitallippen an?
  • Wie die Pölsterchen unter den äußeren Lippen im Vergleich zum Klitoriskörper unter der Haut?
  • Dann schließen Sie die Augen und streicheln Sie jeden Millimeter dieser Haut. Was melden die Sinnesrezeptoren Ihrer Genitalien?

Versuchen Sie ganz unterschiedliche Berührungsarten - sanft, fest, langsam, schnell. Manche Frauen lieben die Berührungen mit der flachen Hand, andere mit den Fingerspitzen. Wenn Sie sich Zeit lassen, verändern sich die Empfindungen.

Seien Sie nicht verwundert, wenn Ihre Klitoris zu Beginn gar nicht so empfindlich ist. Es kann sein, dass die Leistengegend oder die äußeren Genitallippen sensibler sind. Manche mögen es, wenn die flache Hand in kreisenden Bewegungen die Klitoris stimuliert. Andere legen den Handballen mit sanftem Druck auf den Venushügel und machen langsame Bewegungen Richtung Vagina.

Lassen Sie bei Ihrem Erkunden keine Stelle aus. Es könnte sein, dass die Zonen um den Anus oder den Damm besonders stark auf Berührungen ansprechen. Jede Frau ist anders.

Tragen Sie in Gedanken die Farben in die Landkarte ein. Sie werden sehen, dass die Karte sich verändert, wenn Sie sich am nächsten Tag stimulieren oder wenn Sie einen Vibrator oder andere Hilfsmittel verwenden.

Seien Sie auch neugierig auf Ihre Vagina. Gleiten Sie sanft in die Vaginalhöhle und tasten Sie alle Wände ab. Welche ist die empfindlichste? Was ändert sich, wenn Sie mit einem feinen Gegenstand oder einem Vibrator die Scheide erkunden? Werden Ihre Empfindungen intensiver oder schwächer? Was ändert sich, wenn Sie mit dem Vibrator in der Scheide sind und gleichzeitig mit einer Hand die äußeren Genitalien stimulieren?

Weiterführender Artikel

Selbstbestimmte und selbstbewusste Sexualität bei der Frau

Quellenangabe

Dieser Text ist, mit freundlicher Genehmigung des Verlages, dem Buch Weiblich, sinnlich, lustvoll von Dr. Elia Bragagna, 2010 erschienen im Ueberreuter Verlag, entnommen.