Wie viel anal ist normal?

Gesehen haben sie oft schon mehr als ihre Eltern, denn Pornoseiten und Handyclips, die Analverkehr zeigen, gehören zum Standardrepertoire ganz vieler Jugendlicher. Das Tabu ist gefallen, anal ein Gesprächsthema auf den Schulhöfen. Zwar liegt das Einstiegsalter für das erste Mal nach wie vor bei knapp unter 17 Jahren, zwar wird’s da meist nicht gleich hinten gemacht, aber eines ist dennoch erkennbar: Viele Jugendliche sitzen dem Irrtum auf, Analverkehr gehöre unbedingt zur erwachsenen Sexualität dazu. Wenn’s dann nicht klappt oder als unangenehm empfunden wird, kann es nur einen Grund haben, nämlich, dass etwas nicht stimmt bei einem selbst oder dem Bettpartner, der Bettpartnerin. Denn schließlich machen es ja alle anderen auch…oder?
Blödsinn!

Veränderter Zugang

Bettina Weidinger vom Institut für Sexualpädagogik erlebt in ihrer täglichen Beratungsarbeit, wie Jugendliche mit dem Thema Analverkehr umgehen. „Hieß es früher bei den Mädchen lediglich: Hilfe, er will Analverkehr! Oder bei den Burschen: Wie krieg ich sie dazu?, so ist heute die Fragestellung eine ganz andere. Es wird zuerst einmal gemacht. War es unangenehm, fragen die Jugendlichen, wie sie den Schmerz vermeiden können. Sie erkundigen sich also nach einer mechanische Anleitung, statt zu hinterfragen, warum sie etwas machen, was für sie offensichtlich nicht passt.“

Das eigene Körpergefühl

Ein Gefühl zur eigenen Körperlichkeit, zum Lustempfinden, das muss erst gelernt werden - am besten von frühen Kindesbeinen an. Hier biegt sich allerdings bereits der erste leicht rostige Haken auf, denn unsere Gesellschaft ist nicht sonderlich lustfreundlich. Kinder wachsen hierzulande mit einer Art Zensurbalken zwischen den Beinen auf. Spielt ein dreijähriges Kind in einer unpassenden Situation in seiner Hose herum, wird es oft geschimpft. Das Gefühl zur eigenen Körperlichkeit entwickelt sich oft gar nicht. Die Frage im Jugendalter, wie man es denn eigentlich spüre, dass man Sex, insbesondere Analsex haben möchte, können die meisten nicht beantworten.

Klare Worte sind gefragt

Hier herrscht Erklärungsbedarf, den die Erwachsenen in den allermeisten Fällen nicht liefern. Falls überhaupt Antworten auf offene Fragen kommen, dann in einer rein mechanischen Anleitung. Und wenn die Fragen gar nicht erst gestellt werden? Dann hilft genaues Hinhören. Denn oft versteckt sich etwa hinter Schimpfworten Unsicherheit.

Ein Jugendlicher, der wiederholt andere als „Arschficker“ bezeichnet, hat offensichtlich Informationsbedarf zum Thema. Und zwar nicht nur hinsichtlich der richtigen Technik, sondern auch und vor allem zur Frage, wie er ein guter Sexpartner sein kann, der seiner Freundin/seinem Freund nicht Schmerzen, sondern Lust bereitet.

Dazu muss zuallererst aber verstanden werden, dass Sex aus unzähligen Variationen besteht, dass Sex nicht ganz oder gar nicht bedeutet. Wie überall, so gibt es auch im Analbereich Abstufungen. Eine/r schätzt die einfache Berührung, der oder die andere das Eindringen mit einem Finger. Manchmal ist hier die Grenze, manchmal geht es weiter. Ganz egal, alles normal.

Die Sache mit dem Schutz

Es gibt auch jene Mädchen und junge Frauen, die aus kulturellen Gründen ihr Jungfernhäutchen schützen wollen. (Vermeintlich - denn die Mär, dass dieses beim ersten Mal reißt und damit blutet, hält sich hartnäckig. Mehrheitlich ist das nicht so.) Wollen sie, meist dem Burschen zuliebe, trotzdem schon sexuelle Kontakte mit Eindringen erleben, wird Analverkehr als Alternative gewählt.

Generell führen Jugendliche Analverkehr oft ungeschützt durch, denn „sie kann ja eh nicht schwanger werden“. Dass aber diese Form des Verkehrs ein erhöhtes Risiko birgt, sich mit HIV zu infizieren, klammern die meisten aus. „Wenn es um Sexualität geht, werden von Erwachsenen oft keine Abstufungen gemacht, gerne wird alles über einen Kamm geschoren: alles ist gefährlich, also Finger weg! Das hat zur Folge, dass Jugendliche in ein risikoreiches Verhalten abrutschen, weil sie nicht mehr differenzieren können“, weiß Weidinger. Nach dem Motto: Eh schon egal, dann dürfte man ja gar nichts mehr machen.

Verletzungsrisiko

Fakt ist jedoch, dass die Verletzungsgefahr bei Analverkehr größer ist als bei vaginalem Geschlechtsverkehr. Sehr leicht kann es zu Einrissen und Schleimhautverletzungen kommen, die wiederum ein erhöhtes Infektionsrisiko mit sich bringen. Kondom und Gleitgel sind daher ebenso notwendig wie ein vorsichtiges und langsames Vorfühlen mit den Fingern.

Einstiegsalter

Und wie verbreitet ist Analverkehr tatsächlich unter den Jugendlichen? Die meisten unter 16jähigen sind aus Mangel an Gelegenheit sowieso noch Verbalerotiker. Erst im Alter zwischen 16 und 17 wird laut einer aktuellen Studie des Österreichischen Instituts für Sexualpädagogik die 50 Prozent Marke jener überschritten, die ihr erstes Mal bereits hinter sich haben. In den allermeisten Fällen vaginal. Punkto Analverkehr ist das sexuelle Verhalten der Mädchen und Burschen stark von ihrem Umfeld geprägt. In einer großstädtischen Berufsschule für klassische Männerberufe, die zu 90 Prozent von Burschen besucht wird, schätzt Weidinger die Rate jener, die bereits Analverkehr hatten, auf zwei Drittel. Geht man zu Gleichaltrigen in ein Gymnasium, sieht die Sache jedoch ganz anders aus.

Eins noch zum Schluss: Analverkehr ist nicht schlechter oder besser als jede andere sexuelle Spielart. Mögen es beide Beteiligte, können sie darin wunderbare Erfüllung finden. Und wem es nicht gefällt, der lässt es - im Sinne der Eigenkompetenz - einfach bleiben.

Weiterführende Informationen:

Österreichisches Institut für Sexualpädagogik Sollingergasse 23/22 1190 Wien Tel.: 01-328 66 30 [email protected] www.sexualpaedagogik.at