Zusammenhang von Sexualität und Gehirn bei der Frau

Zusammenhang von Sexualität und Gehirn bei der Frau

Der »Kopf« der Frau spielt, wie beim Mann, eine enorm wichtige Rolle für die Sexualität. Wenn wir »Kopf« sagen, meinen wir meistens Psyche und sprechen dabei über das Gehirn, wo sich unsere zentralen Schaltstellen, nennen wir sie der Einfachheit halber »Sexzentren«, befinden. Hier werden alle Reize, die zum Sex führen könnten, wahrgenommen und bewertet. Anhand der gespeicherten Lebenserfahrungen entscheiden diese, ob sie dem Körper Befehle geben, sich auf die mögliche sexuelle Begegnung einzulassen oder sie zu meiden.

Sie ahnen nicht, wie viele Schritte nebeneinander in Ihrem Körper und Kopf ablaufen müssen, während Sie sich einem Mann sexuell nähern. Sie werden sich in Zukunft nicht mehr wundern, wenn Ihr Körper gelegentlich »nicht funktioniert«. Er hat seine Gründe, und je besser Sie sich selbst kennen, desto leichter können Sie verstehen, was in so einer Situation gerade nicht gepasst hat. Sie können auch viel entspannter reagieren, wenn Sie verstehen, was Ihr Körper (anderes) braucht.

Die wichtigsten Zentren für unsere Sexualität im Gehirn

Ich beschreibe hier Strukturen im Gehirn, die für unsere Sexualität wichtig sind. Für das Zustandekommen von sexuellen Reaktionen sind alle diese Strukturen gleich wichtig und sie arbeiten in Wechselwirkung miteinander.

Nehmen wir an, Sie befinden sich gerade in einer Situation zusammen mit einem interessanten Menschen, der als Sexualpartner infrage käme. Ihre Augen haben seinen Körper und seine Ausstrahlung abgetastet. Ihr Geruchssinn hat ihn registriert und Ihre Ohren haben einen akustischen Eindruck von ihm gewonnen. Vielleicht hat er Sie schon geküsst oder Sie berührt und Ihre Haut konnte ihn wahrnehmen. All diese Meldungen werden umgehend von den Sinnesorganen über Nerven an das Gehirn gemeldet und durch eine Unzahl von Zentren geschickt, die diese Eindrücke verwerten.

Die Großhirnrinde

Da wäre zum einen die nüchternste Schaltstelle in der Großhirnrinde, die feststellt, dass Sie einen Mann von bestimmter Größe und Aussehen, mit einer bestimmten Stimme und Geruch wahrnehmen, dessen Berührungen sich kalt oder warm, mit mehr oder weniger Druck anfühlen und schnell oder langsam erfolgen. Außerdem registriert sie die Umgebungssituation, in der Sie sich gerade befinden.

Hier fließen also alle Sinneswahrnehmungen zusammen. Diese nüchterne Schaltstelle macht aber noch etwas Entscheidendes: Sie fragt alte Verhaltensprogramme ab, vergleicht das, was Sie gerade jetzt erleben, mit früheren Erfahrungen, mit Ihren Normen und Regeln, verarbeitet sie mit Vernunft und löst die für diese Schaltstelle passende Reaktion aus.

Es kann sein, dass die Großhirnrinde die gesamte Situation positiv bewertet und Sie daraufhin das Signal erhalten, sich weiter auf die Begegnung einzulassen, die Situation so zu ändern, dass sie für Sie angenehmer wird, oder sie ganz abzubrechen. Nun, so stark von der Vernunft gesteuert ist das Ganze nun auch wieder nicht. Es herrscht eine eigene Logik, die es zu verstehen gilt, wenn man begreifen will, warum in manchen Situationen ein und dasselbe Signal eher sexuell stimulierend ist und ein anderes Mal das genaue Gegenteil bewirkt.

Das limbische System

Wir haben gehört, dass die eintreffenden Signale mit unseren früheren Erfahrungen, unseren Normen und Regeln verglichen werden. Damit dies geschehen kann, besitzt unser Hirn ein umfangreiches Netzwerk, das limbische System, das ich vereinfacht als Gefühlssystem bezeichnen möchte. Es ist stammesgeschichtlich sehr alt und steuert wesentliche Schutzfunktionen für unseren Körper. Es trägt dazu bei, dass wir aus Erfahrungen lernen, schädliche Situationen meiden und förderliche suchen. Somit ist es notwendig für unser Überleben.

Das Gedächtnis

All unsere Erlebnisse im Zusammenhang mit körperlich-intimen Erfahrungen werden in verschiedenen Arealen des Gehirns verarbeitet und abgespeichert.

Das Belohnungssystem

Ob unsere Erfahrungen positiv abgespeichert werden, bestimmen allerdings andere Strukturen. Dafür ist zum Großteil das Belohnungssystem mit dem Nucleus accumbens zuständig. Immer wenn ein Erlebnis Sie beglückt oder befriedigt, wird dieses System aktiviert und von den oben erwähnten Strukturen abgespeichert.

Erinnert die Situation, in der Sie sich aktuell befinden, an eine positiv gespeicherte, dann kann schon die Erinnerung an die zu erwartende Belohnung Sie motivieren oder gar drängen weiterzumachen. Ja, Sie assoziieren hier zu Recht, dass auf diese Art eine Sucht entstehen kann.

Das Bewachungssystem

Wenn jedoch Situationen als bedrohlich oder beängstigend wahrgenommen werden, meldet sich ein Bewachungssystem mit den sogenannten Mandelkernen (Amygdala). Diese spielen eine wichtige Rolle zu unserem Schutz, denn sie schlagen Alarm, wenn Gefahr droht. Sie helfen uns, gefahrvolle Situationen zu meiden oder aus diesen zu entkommen. Das Verzwickte an diesem Bewachungssystem ist allerdings, dass es auch bei sexueller Erregung bis zu einem gewissen Grad aktiviert wird. Es kann vorkommen, dass körperliche Reaktionen der Erregung, wie schneller Puls und Atem, die auch bei Angst auftreten, eher eine Fluchtreaktion auslösen, falls wir viele negative Vorerlebnisse abgespeichert haben. Das Bedürfnis nach sexueller Nähe kann dann schwerer entstehen.

Der natürliche Filter

Da während unserer Annäherung an einen potenziellen Sexualpartner unzählige Informationen über die momentane Situation um uns herum und aus unserem Körper an das Gehirn weitergeleitet werden, hat die Natur klugerweise einen natürlichen Filter (Thalamus) eingebaut, der entscheidet, welche Informationen für die jeweilige Situation gerade wichtig sind. Nur die wesentlichen Informationen werden zur Großhirnrinde weitergeleitet, damit diese die passenden Schlüsse daraus ziehen kann.

Das Steuerungszentrum mit typischen Körperempfindungen

Wenn schlussendlich die Situation, in der Sie sich gerade mit Ihrem Partner befinden, von Ihrem Großhirn als passend, angenehm, anregend und sinnlich beurteilt worden ist, gehen Befehle an ein Steuerungszentrum (Hypothalamus) weiter, das uns all die typischen Körperempfindungen fühlen lässt, die wir bei einer sexuellen Annäherung spüren.

Sie sind einerseits wohlig entspannt, Ihr Körper wird stark durchblutet, Ihnen wird heiß. Gleichzeitig sind Sie aufgewühlt, Ihr Herz schlägt schneller, Ihr Atem wird tiefer, Ihr Körper verlangt danach, die Situation weiterzuführen.

In dieser Phase hat das Steuerungszentrum zum einen das Entspannungssystem (Parasympathikus) aktiviert, zum anderen aber auch das Nervensystem, das aufwühlt und erregt, auch in Alarmbereitschaft versetzt, das Anspannungssystem (Sympathikus).

In welcher Form wir unser erotisches Spiel nun weiterführen, wird auch von diesem mächtigen Steuerungszentrum mitbestimmt. Und so ganz nebenbei aktiviert der Hypothalamus für dieses sinnliche Spiel einige Hormone und Botenstoffe, die selbst wiederum entweder förderlich oder hemmend für die Situation sein können.

Wie aus Sinneseindrücken der Wunsch nach sexueller Nähe entsteht

Wir haben uns bisher die neurobiologischen Voraussetzungen im Gehirn angesehen, die eine sexuelle Begegnung erst möglich machen. Um ein Bedürfnis nach sexueller Verbindung überhaupt zu spüren, braucht es noch eine Motivationsenergie. Diese lässt sich in Form von mindestens drei Schaltkreisen beschreiben, die einander beeinflussen.

Der Sexualtrieb (Lust / Libido)

Dieser motiviert uns, eine sexuelle Verbindung mit einem Partner zu suchen und wird von einem starken Verlangen nach Belohnung angetrieben. Der Sexualtrieb wird vor allem durch Östrogene und Androgene gefördert.

Das Attraktionssystem (Verliebtheit)

Jede/r hat die Macht dieses Systems wohl schon erlebt. Man ist rastlos, denkt ununterbrochen an den Angebeteten, hat nur noch das Verlangen, in seiner Nähe zu sein, eins mit ihm zu sein. Wir nennen diesen Wahn bekanntlich Verliebtheit. Dieser Zustand entsteht durch den chemischen Cocktail aus erhöhtem Dopamin und Noradrenalin und erniedrigtem Serotoninspiegel im Gehirn.

Das Bindungssystem (Liebesbeziehung)

Dieses System bindet die Paare durch das Gefühl der Zusammengehörigkeit, der Sicherheit, der Ruhe und dürfte durch die Hormone Oxytocin und Vasopressin ausgelöst werden.

Zusammenfassung

Unser Gehirn vergleicht alles, was wir gegenwärtig erleben, mit ähnlichen, vergangenen Situationen, die alle in unserem Gedächtnis abgespeichert sind. An die meisten dieser vergangenen Situationen und Erfahrungen werden Sie sich kaum erinnern, Ihr Gehirn jedoch schon. Die Sexualität, die Sie heute leben, ist daher das Endprodukt all Ihrer Erfahrungen.

Das betrifft:

  • körperliches Wohlgefühl,
  • Zärtlichkeit,
  • Nähe,
  • Distanz,
  • Respekt,
  • Zuwendung,
  • Akzeptanz,
  • sich geliebt fühlen,
  • Schutz,
  • sich abgrenzen dürfen,
  • sich sinnlich kennen,
  • mit sich und anderen erotisch-neugierig sein dürfen,
  • im passenden Moment Ja und Nein sagen sowie
  • erlebte Übergriffe gut verarbeiten können.

Je nachdem, wie Ihre Erlebnisschwerpunkte waren, wird sich bei einer sexuellen Annäherung Ihre Erinnerung einmischen und es Ihnen entweder leicht oder schwer machen, sich in diese sexuelle Begegnung fallen zu lassen.

Der beste Ansatz, zu erreichen, dass sinnliche Situationen so entstehen und ablaufen, wie es Ihnen guttut, ist, sich selbst zu kennen und die passenden Schritte zu setzen, damit die Sexualität so verläuft, wie Sie es brauchen. Die einzige Norm, die also Gültigkeit in Bezug auf Ihre Sexualität haben kann, ist die, die Ihnen Ihr Körper vorgibt.

Weiterführender Artikel

Wir haben also jetzt die Voraussetzungen für Sexualität in unserem Gehirn geklärt, nur - wie sollte sie ohne unseren Körper ausgelebt werden? Schauen wir uns deshalb die Organe an, die uns Sinnlichkeit körperlich empfinden lassen.

Quellenangaben

Dieser Text ist, mit freundlicher Genehmigung des Verlages, dem Buch Weiblich, sinnlich, lustvoll von Dr. Elia Bragagna, 2010 erschienen im Ueberreuter Verlag, entnommen.