Wie um zahlreiche andere sexuelle Varianten schwirrt auch um das Thema Analverkehr eine Reihe ganz unterschiedlicher Mythen, Wertungen und Halbwahrheiten. Für die einen ist es die sexuelle Fantasie schlechthin, für die anderen eine abstoßende Vorstellung und für viele irgendwas dazwischen. Neugier und Vermeidung, Faszination und Ablehnung können einander dabei abwechseln.

Tabu oder Neugierde

Für viele Menschen ist der Anus eine Tabuzone. Dementsprechend können und wollen sie diesem Bereich auch keinerlei sexuellen Reiz abgewinnen. Wenn jemand aber grundsätzlich neugierig darauf ist, kann er oder sie im Analverkehr eine lustvolle Sexualpraktik für sich entdecken.

Allerdings hat diese Sexualpraktik auch ihre ganz eigene Herausforderung. Da der Anus für die meisten eine sehr intime und empfindliche Zone darstellt, sollte auch der Zugang zur Analerotik behutsam erfolgen.
Man sollte das sicherlich nicht irgendwie und irgendwo mit irgendwem machen, nur damit man um diese Erfahrung reicher ist.

Vertrauen ist wichtig

Eine wichtige Voraussetzung ist eine gewisse Vertrauensbasis - zu sich selbst und zum Partner. Vertrauen zu sich selbst bedeutet hier, dass man sich sicher ist, aus der eigenen Lust und Neugier heraus zu handeln. Dass man offen dafür ist, etwas auszuprobieren, mit dem Wissen, diese Versuche jederzeit auch wieder abbrechen zu können.
Vertrauen zum Partner/ zur Partnerin bedeutet, dass man zu diesem/ dieser so viel sexuelle Nähe empfindet, dass es eine spielerische und offene Stimmung für Experimente gibt, ohne Druck oder Angst. Wenn diese Voraussetzungen gegeben sind, kann man miteinander auf Entdeckungsreise gehen.

Gegensätzliche Empfindungen

Der Bereich im und um den Anus ist mit vielen verschiedenen Nerven durchsetzt, er reagiert also sehr sensibel auf Berührung und Druck. Gleichzeitig neigen die Anusschließmuskeln dazu, bei Berührung zuzumachen. Sie lassen sich manchmal nur langsam dazu “überreden”, sich zu entspannen. Auf jeden Fall sollte man Gleitmittel benutzen, bevor man irgendetwas in den Anus einführt.
Die Bewegungen und Berührungen sollten langsam und vorsichtig sein, weil Hektik und Stress für den Anus keine geeignete Einladung sind, sich für “Besucher” zu öffnen.

Für den/die passive/n PartnerIn kann die Grenze zwischen dem, was als lustvoll und angenehm erlebt wird, und dem, was sich komisch oder sogar unangenehm anfühlt, ziemlich nahe beieinander liegen. Manchmal überschneiden sich “komisch” und “erregend” dabei sogar. Das liegt z.B. daran, dass Körpergefühle im Enddarm und bei den Schließmuskeln erfahrungsgemäß auch mit dem Stuhlgang assoziiert werden. Mit diesen Körperempfindung können auch Wertungen auftauchen (“peinlich”). Und natürlich kann es auch Ängste geben, Stuhl zu verlieren oder unerwünschte Gerüche und Geräusche loszulassen. Obwohl das zwar grundsätzlich passieren kann, sind diese Ängste meistens unbegründet.
Es kann also manchmal nicht so eindeutig sein, was man als erregend empfindet und was nicht. Wird es währenddessen aber unangenehm oder sogar schmerzhaft, heißt es einen Schritt zurückzugehen oder fürs erste Mal ganz aufzuhören. Denn auch bei Analsex gibt es keinen Grund, warum es am Anfang wehtun müsste. Wenn es weh tut, ist man zu schnell oder es passt gerade nicht.

Vorsichtiges Herantasten

Manchmal kann es zu Beginn erregend sein, einen oder zwei Finger eingeführt zu bekommen. Genauso kann das aber auch unangenehm sein, z.B. aufgrund der Fingernägel. Ob man den Anus vor dem Einführen des Penis also mit den Fingern vordehnt, ist persönliche Gefühlssache.
Das Einführen des Penis erfolgt langsam und schrittweise. Zu Beginn kann auch nur die Penisspitze ein bisschen vortasten. Der aktive Partner ist hier auf Feedback angewiesen, um zu wissen, wie weit er eindringen darf. Es ist also wichtig, dass der/die passive PartnerIn ebenso Verantwortung für das übernimmt, was gerade passend und angenehm ist. Er/Sie kann z.B. durch Bewegungen des Beckens die Situation aktiv mitgestalten.

Bei Analsex gilt: Grundsätzlich sollte langsam und behutsam vorgegangen werden. Schneller und wilder kann sich erst dann ergeben, wenn man mit dem Gefühl vertraut ist und Lust auf “mehr” hat. Wenn das Gefühl neu und unvertraut ist, kann es leicht sein, dass man es ein paar Minuten erregend findet, dann aber wieder genug hat. Analsex ist also ein Miteinander-Ausprobieren, bei dem die Stimmung im Hier und Jetzt jeden Augenblick neu bestimmt, wie es weitergeht. Ein “Stopp” muss hier genauso viel Platz haben wie ein “Mach weiter.”
Nähert man sich auf diese Weise an, gibt es viele Möglichkeiten, die Analerotik mit der Erfahrung noch lustvoller und unkomplizierter zu gestalten.
Genauso kann es aber auch sein, dass man draufkommt, dass es einem nicht so viel bringt und man vielleicht vorläufig, vielleicht für immer, lieber darauf verzichten möchte.

Michael Hansal ist Sexualpädagoge und Sexualberater am Österreichischen Institut für Sexualpädagogik.